Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Dezember 1923 (Wilmersdorf/Hohenzollerndamm 39)


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Wilmersdorf, Hohenzollerndamm 39
den 3. Dezember 23.
Mein innig Geliebtes!
Das wird heut ein sehr geschäftlicher Brief werden, aber er muß, um nötiger Entschlüsse willen, einmal geschrieben werden. Zunächst wegen Weihnachten - es wäre wunderschön; aber das Geld fehlt, und die Arbeitsverhältnisse gestatten es nicht. Die 40-50 Billionen = 50 M für die Fahrt hat man eben als Beamter nicht mehr, und es wäre nicht zu verantworten, wenn einer von uns (oder auch ein anderer) um deswillen hungerte und fröre. Dafür denke ich im Frühling recht früh zu kommen. Es wird nämlich wohl so gehen, daß ich gleich nach Ostern gen Osten ziehe: 22. April Kantfeier in Königsberg, Im Anschluß daran Vorträge in Riga und voher oder nachher in Marienburg. Also würde ich schon im März nach Heidelberg kommen, wenn dann die Welt noch steht.
Was haben wir dies Jahr für Caecilie Oesterreich? Ich habe ein Petschaft aus Achat. Könnte man da das Monogramm FS. abschleifen und ein neues machen lassen? Soll ich es Dir schicken? Oder was sonst?
Einen wichtigen Schritt habe ich - hinter Deinem Rücken! - getan. Ich habe Heinrich Maier gesagt, daß ich bereit wäre, wenn die Fakultät will, die Nachfolge von Troeltsch zu übernehmen. Dann müßte Litt auf m. Lehrstuhl berufen werden. Der Gedanke ist entstanden als taktische Notmaßregel gegen die Gefahr, einen Juden oder gar Scheler nehmen zu müssen. Es ist ganz unwahrscheinlich, daß das Ministerium darauf eingeht, und an meiner inneren Stellung zur Päd. wird dadurch nichts geändert, die äußere aber vielleicht erleichtert. Beschlossen ist noch nichts. Die Sache könnte aber zur Entwicklung kommen. In solchen Dingen lasse ich gern den Ereignissen ihren Lauf. Möglicherweise entgehe ich damit schweren politischen Komplikationen und komme mehr zur wiss. Ruhe. Staatssekretär konnte ja Tr. auch von seiner Professur aus werden.
Das Buch schreitet im Druck fort: Bogen 1-3 sind bereits 2mal korrigiert. Abschnitt 1-6 gedruckt; 7-10 im Druck. Den Rest muß ich gleich in den ersten Ferientagen schreiben; deshalb auch ist das Reisen unmöglich. 1924 muß ich dann 1 Aufsatz zu Kants 200. und zu Riehls 80. Geburtstag schreiben. - Die Ferien werden allerdings schlimm. Tausend Einladungen drohen. 24. Riehls. 25. Jägers. 26. Thümmels - das ist nur der Anfang. - Dabei geht es nicht gerade glänzend. Der Husten ist besser, weicht aber nicht ganz. Und seit 3 Tagen meldet sich der Gelenkrheumatismus rechts wieder. Ich trage schon das Katzenfell. - Dabei lasse ich das Schlafzimmer jeden Tag heizen. Ich war in Unordnung gekommen dadurch, daß ich einen Abend ausging in die Staatswiss. Gesellschaft, Vortrag vom Währungskomissar Schacht, sehr interessant, doch schien mir
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| Schumacher mit seiner Skepsis mehr recht zu haben. - Es war nach dem Seminar, in dem ich meine Leute wegen Untätigkeit scharf tadeln mußte. Die Sache dauerte so lange, daß ich um 12 nach Hause kam. Dann habe ich noch bis ½ 2 vorbereitet. Solche Verkürzung des Schlafes vertrage ich nun einmal nicht. - Scholzens quälen unablässig, daß ich zu Weihnachten nach Kiel kommen soll; natürlich kein Gedanke!
Hoffentlich endet Deine Verbindung mit Gans nicht Ganz. Ich habe gleich an dem Tage, als ich Deinen lieben Brief erhielt, an Buchenau, der bei De Gruyter (jetzt der größten Firma) Berater ist, geschrieben, ob sie nicht gelegentlich wissenschaftliche Zeichnungen brauchten. Auch sonst kann ich hier durch Kollegen nötigenfalls Schritte tun.
Bei Maiers, dem Vorbilde von Frl. W., rauchen alle Schornsteine. Wo ich sonst hinkomme, ist eitel Not und Sorge. So entstand in unsrem Kraal förmliche Panik, als die Novembermiete von 1 Goldmark pro Zimmer auf 10 Goldmark per Dezember (!) erhöht wurde. Man setzte sie gleich auf 5 herab (!), jedoch beschlossen wir, bis auf weiteres nur 1 zu zahlen. Zeitgemäß! In der Tat, man ist unglaublich knapp. Da ich aber heut unerwartet hoch für Staatsprüfungen entschädigt wurde (wieder eine sinnlose Proportion), so kaufte ich mir 100 gute, leichte Zigarren. Vorige Woche schaffte ich für ca 20 M ein Ziegenfell für die Füße und 1 Brotschneidemaschine an. Ob nun für Weihnachtsgeschenke etwas übrig bleibt? Frl. W. gebe ich wöchentlich 1 Dollar, und außerdem bezahle ich ihre Stiefelreparatur, wie die der hundmiserablen eignen Stiefel aus Heidelberg. Frl. Rauhut, die gestern hier war, ohne mich zu treffen, schickte ich vorläufig für 5 Hemden, die sie repariert hatte, 5 Goldmark. Was ist da angemessen? In dem Packet waren außerdem 6 gute Taschentücher mit E. S. - Wir haben doch dort nichts zum Zeichnen hingegeben? - Ich habe Frl. Hilgenfeld bei Tauwetter vergeblich besucht u. ihr die gestickte Schreibmappe aus dem Nachlaß m. Vaters gebracht. Sie schrieb darauf so einfältig, daß ich nun genug habe. Gerdes soll wegen moralischen Verfehlungen aus dem Universitätsverbande entlassen sein. Herr Jahn besuchte mich gestern auch, als ich nicht da war. Will er etwas??
Ich schwanke noch, ob ich im Sommer lesen soll: Weltanschauung der dtschen Klassiker oder Polit. Philosophie u. polit. Pädagogik, vornehmlich in Deutschland, seit der Reformation.
Gertrud Bäumer schrieb an mich; daß mich alle möglichen päd. Verbände zu einer Kundgebung im Reichstag gegen den "Abbau" als unparteiischen u. "repräsentativen" Vorsitzenden gewählt hätten. Ich habe abgelehnt - das Daimonion riet es mir. Meine eigne Asistenstenstelle ist bedacht. - Sonnabend war ich mit Goldbeck zus., der seinen eitlen Tag hatte u. mir garnicht gefiel; gestern bei Dora Thümmel, 8.XII. bei Brandl (leider.) 9.XII. Friedberg. 10.XII Vortrag für die Roten Kreuzschwestern, 11.XII Geburtstag m. Vetters. 12.XII. Gymnasiallehrergesellsch. 80. Stiftungsfest: da bin ich 2. Vorsitzender; auch noch!! Es ist hier schauerlicher Wechsel zwischen Glatteis u. Tauwetter. Die Arbeit war relativ müßig; aber diese Zeit ist nun vorbei. - Daß Meyrink ein Schriftsteller ist, der kitschiges fabriziert, u. daß er persönlich ein zweifelhaftes <li. Rand> Subjekt ist - daran hat wohl niemand gezweifelt. Bei Bonsels liegt das anders. Es ist heut sehr spät. Deshalb nimm mit diesem kahlen <Kopf> Wisch vorlieb. Ich lege 2, <Wort unleserlich> bei. Schreibe ja, wenn Du Geld brauchst. Ich habe jetzt genug. Ja??! Innigste Grüße Dein Eduard.
[re. Rand] In einer Studentenversammlung hatte ich kürzlich einen Zusammenstoß mit dem Exreichskanzler Michaelis über den Werkstudenten, "wie wir ihn auffassen."