Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Dezember 1923 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 16. Dezember 1923.
Mein innig Geliebtes!
Für Deine beiden lieben Briefe tausend Dank! Man müßte ein Zauberer sein, wenn man sich jetzt gegenseitig viel Gutes mitzuteilen hätte. Es ist schon gut, wenn man durch die dunklen Wochen so unbeschädigt weiterkommt. Mute Dir doch nicht über Deine Kräfte hinaus Anstrengungen zu; vor allem denke an die Augen; sie können von Springer niemals bezahlt werden. - Das Schicksal des jungen Paares, das wir im Frühling begrüßten, ist ein hartes Bild aus dem Leben. Sie schien so sicher und fest, daß sie ihn sicher geführt hätte, wenn in ihm nicht etwas wäre, das ich nur ahne und nicht aussprechen mag. Ich fürchte, er kommt über dieses Erlebnis nicht hinweg. Das einzige, was ihn hätte retten können, ist mißlungen, hat versagt. - Auch ich habe einen Todesfall zu berichten, der mir nahegeht: die Tante Bertha in Cöln ist gestorben; leicht und schnell. Sie hat ihre etwas jüngere Schwester zurückgelassen. Der Briefumschlag an mich war noch von ihr selbst adressiert. Drin aber waren liebe, herzliche Worte der anderen mit der Trauernachricht. Seit 27 Jahren hatten wir uns nicht mehr gesehen. Die Zeit ist auch daran schuld. - Düsseldorf sollte im Januar stattfinden; ich bin noch sehr gebeten worden; aber ich habe, Gott sei Dank, abgelehnt. Es ist zu viel zu tun; ein ganzer Stoß von Manuskripten, die ich lesen soll, liegt da. Das allein wäre nicht ausschlaggebend. Aber - "mit mir ist nicht viel los." Da ist zunächst der Husten, heut genau 2 Monate alt. Ich fange nun bald an, mir dabei etwas zu denken. Übrigens ist er nicht besonders störend; nachts z. B. zeigt er sich nie; bei Tage nur zeitweise, dann allerdings unmotiviert, es sei denn am Schluß der Zigarre. Heinrich Maier hat dieselbe Sache seit mehr als 5 Wochen. Und doch möchte ich die Sache nicht auf die Wohnung schieben; denn im Schlafzimmer ist immer geheizt, und eben dort huste ich nur morgens u. abends. Allerdings: als Frl. W. neulich den Pelz aus dem Schrank holte, war er wie mit Mehl bedeckt: eine dicke, dichte Schicht Schimmel lag darauf. Mit Mühe ist er wieder getrocknet worden. Damit kann nun der Rheumatismus zusammenhängen, der seit einigen Tagen wieder stark auftrat, im rechten Gelenk und einer Nervenbahn bis in die Hand entlang. Aber auch dies schiebe ich - auf Psychisches (s. u.) Endlich ist auch das Herz oft noch ganz irregulär. Ich war zeitweise ganz kaput. Heut habe ich bis 12 im Bett gelegen, bin nicht ausgegangen und werde auch morgen u. übermorgen wohl zu Hause bleiben, damit ich die letzten unglaublich besetzten Tage des Semesters schaffe.
Mit Dessoir habe ich einen Mordskrach gehabt. Dabei hat mich über bestimmte Tatsachen
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| mein Gedächtnis völlig im Stich gelassen und ich habe einen Rückzug auf der ganzen Linie antreten müssen. Heinrich Maier hat dabei eine ähnliche Rolle gespielt wie Biermann in den Frauenhochschulschlachten; er hat mich schlecht beraten. Meinerseits ist alles in Ordnung gebracht, bis auf m. Stellung zur Assistentin des Phil. Seminars, die m. E. in unschönster Weise geklatscht hat. Ich will aber doch morgen der neuen Kommissionssitzung für die Nachfolge Troeltsch fernbleiben, da ich neue Konflikte mit D. vermeiden will u. H.. M. Gelegenheit geben will, anstelle des Mundes mal seine Klugheit allein zu betätigen. Die Fakultät weiß, daß ich ihr zu dienen bereit bin. Erst gestern habe ich es mit dem Dekan wieder 4 Stunden im Ministerium betätigt. Also stecke ich mich hinter m. Rheumatismus, der in der Tat verdient, 2 Tage in Ruhe gelassen zu werden.
Vom Buch sind 9 Bogen fertig korrigiert; alles vorhandene Mauskript bis Bogen 13 ca gesetzt. Bogen 14-20, die nur teilweise geschrieben sind, müssen in diesem Jahr noch druckfertig werden.
Bei alledem ist es ein Wunder, daß ich das Kolleg ungefähr auf gleicher Höhe halten konnte u. von m. 500 Hörern bisher nur ganz wenig verloren habe. Die Luft im Aud. ist meist furchtbar. Aber auch dort brauche ich nie zu husten. Schrieb ich Dir, daß immer ein Blindenhund mäuschenstill dabei sitzt? Ein entzückendes Tier. Ob ich ihm zu Weihnachten eine Wurst mitbringe? - Im Seminar hatte ich einmal über Teilnahmlosigkeit zu klagen. Seitdem ist es gut in Gang. Die Studiengemeinschaft hebt sich sichtbar. Seitdem anstelle des Offiziers Herchenbach der Unteroff. Dr. Sigmar (kathol. Geistlicher) Obmann ist, geht es auf einmal. 3 meiner Kandidaten haben ihren Doktor im Hauptfach bei mir mit valde laudabile gemacht, zwei davon auch mündlich mit magna cum laude. Darunter neulich Wallner (an dem Tage hatte ich 7 Kandidaten!)
Finanziell geht es uns buchstäblich dreckig. Ich habe einen Barbesitz von sage u. schreibe 100 M. Der regierende Dekan besitzt nur 7. Große Sprünge zu Weihnachten lassen sich damit wirklich nicht machen. Deshalb ist mir Dein Vorschlag sehr recht. Meine Kleinigkeit kommt hoffentlich pünktl. Ich weiß noch garnicht, wann ich übhpt Besorgungen machen kann; denn bis zum 22. 1 Uhr geht es ohne Pause. Frl. W. trägt dieser Lage, die jeder in den Zeitungen lesen kann, nicht genug Rechnung. Vom 6.-15.XII. haben wir 40 Goldmark buchstäblich nur für Eßwaren ausgegeben. Sie versteht es nicht, u. es ist schwer zu sagen: es ist nicht da. Übrigens: sie will später in das Hollmannstift. Ich habe ihr natürlich m. Hilfe versprochen. Sie ist eine feine u. liebe Seele, wenn auch der "Umgang mit mir" ihr ebenso schwer fällt wie allen anderen Leuten.
Nieschling ist mit 20 anderen innerhalb 3 Tagen beim Reichsarchiv "abgebaut" worden - mit 80%. Nur rechtsstehende Leute. Er hat aber schon etwas ganz Hübsches, wie immer......das meiste Glück - unverhofft kommt (Was dachten Sie denn?) Von der "großen" Kundgebung, der ich präsidieren sollte, schreibt keine Zeitung ein Wort. Mein Riecher ist jetzt besser geworden für so was.
Kragen zu 42 cm kann ich leider nicht brauchen. Ich bin zwar nicht gerade abgemagert, aber auch nicht ein bißchen stärker geworden. - Der Heimatkundevortrag müßte eigentlich jetzt im Neudruck kommen. (?)
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Ich muß mich morgen wegen Ostern entscheiden. Da Pläne nichts kosten, dachte ich so: die Woche vor Ostern in Marienburg, am 22.IV zum 200. Geburtstag Kants in Königsberg. Vom 24.-26. - - wie ich das schreiben will, sehe ich erst, daß ich ja spätestens am 26. abends hier sein muß, da am 27. Riehls Geburtstag ist. Damit wird Riga fraglich, oder Marienburg, oder alles dreies. Für Ende Juni bin ich zum Altbaltischen Lehrertag nach Reval eingeladen. Das geht natürlich nicht auch noch. Wo soll man jetzt dazu die Kräfte hernehmen?
Man verlangt von mir das Thema für Weimar. Ich bin noch im Zweifel; möchte aber am liebsten sagen: "Geprägte Form, die lebend sich entwickelt."
Den Vorsitz in der Gastkommission bin ich los. Es war wenig zu tun, aber immer sehr unangenehm. 3 Abende wurde es sehr spät: einen Sonnabend bei Brandl mit 2 Engländern (NB.) Sonntag bei Frl. Friedberg, Montag Vortrag, der recht mies war, bei den Schwestern vom Roten Kreuz.
Politisch sehe ich noch garkeine Besserung, sondern nur eine Verkleisterung. Von Anfang Januar an werden wir erst unsren ganzen Notstand fühlen, der z. Z. durch die kleine Preissenkung ein bißchen verdeckt ist.
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Zum Schluß noch eine wichtige Frage: ich wollte doch Benary eine Art Honorar weiterzahlen, werde aber in bar noch Weihnachten nichts haben. Deshab habe ich daran gedacht, ihm die beiden Trauringe, die mein Vater getragen hat, u. an denen mir nichts liegt, sozusagen qua Andenken zu geben. Aber ist das taktvoll?? In der Wohnung sah es vorm Jahr noch sehr glänzend aus. Und doch - ich weiß nicht, wovon er lebt in diesen Zeiten, in denen Vermögen nichts bedeutet.
Für heut nun Schluß. Ich wünsche und bitte, daß Du vor Weihnachten keine Extrahetzjagd arrangierst. Laß Dir auch in den Feiertagen ein bißchen Ruhe. Ich habe gesehen, es ist am besten, wenn [über der Zeile] man mal ½ oder einen ganzen Tag durchschläft.
Viel innige Grüße Dein Eduard.