Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1923 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 23. Dezember 23
Mein innig Geliebtes! An jedem anderen Tage des Jahres will ich Dir einen gesammelten Brief schreiben, nur heute nicht, in diesem Durcheinander und dieser Hast, die für mich immer Weihnachten kennzeichnet. Bei Dir scheint es nach allen Anzeichen ebenso zu sein. Deshalb schlage ich vor, wenn aller Kram und alles Gelärme vorbei ist: am 2. Feiertag Abends 10 ½, da wollen wir Weihnachten feiern und uns in Gedanken besuchen, noch inniger und konzentrierter, als es sonst der Fall ist. Ich weiß ja vom vorigen Jahr: das, was wir Weihnachten zu leisten haben (cf. Ludwigshafen) ist keine Feier; das gehört zum Dienst, wie das übrige alles. Diesmal weiß ich noch weniger, wo die Stimmung herkommen soll. Es liegt alles so in dunkelgrau, daß nur ein Licht uns freuen kann: die Gewißheit unsrer tiefen Gemeinschaft und die Nähe unsrer Seelen, auch über die weiten Lande in Eis und Schnee da draußen hinweg.
Ich war 3 Tage buchstäblich krank und bin jetzt ganz unten mit allen Kräften. Ich nehme wohl 3-5 Medikamente durcheinander: Hustentropfen, Eisen - Arsen, Aspirin, Dragées, heut Nacht Morphium. Die trostlose Verfassung meiner Kräfte macht mich gegen alles gereizt und nimmt mir an allem die Freude. Ich fühle nur: alles zerrt an mir und will von mir haben; niemand denkt an Schonung - oder er zieht sich enttäuscht zurück. Und welcher Berg von Arbeit liegt für die wenigen "freien" Tage da. Es ist undenkbar, daß ich damit fertig werde. Ich habe eben die ganze akademische Untätigkeit von H. Maier mit zu besorgen.
Wegen meines noch immer auf der Lauer liegenden Rheumatismus habe ich überall hin geschrieben, daß ich früh zu Hause sein muß. Auch von Babelsberg will ich morgen um 7 zurück. Ebenso am 1. Feiertag von Jaegers. So wird es ja wohl gehen.
Hoffentlich ist meine kl. Sendung schon eingetroffen von Rudolf Hertzog. Sie ist ein Fragment, d. h. Futterstoff und Betrag für das Machenlassen kommen spätestens am 25.II. Fertigsein aber muß die Sache spätestens wenn ich komme, also im März doch hoffentlich. (Riga abgesagt; nicht so Marienburg.) - Gleichzeitig hiermit kommt nun ein 2. Fragment als Drucksache. Die Bogen sind nur teilweise korrigiert. Kleine Fehler sind also drin. Je länger ich mit dem Gegenstande innerlich ringe, um so mehr fühle ich, daß das Unternehmen doch verfehlt war. Man kann ohne gründliche Studien auf dem Gebiet der Psychopathologie darüber nicht schreiben, und die allgemeine Erfahrung müßte doch ausgebreiteter
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| sein. Einiges aber ist vielleicht richtig gesehen; und vor allem: jetzt gibt es kein Zurück. Ich muß vielmehr in 9 Tagen alles fertig haben, und dazu fehlt noch viel.
Für Deine liebe Sendung danke ich im voraus. Ich werde das für die Kurfürstenstr. Bestimmte durch Susanne abgeben lassen. Denn für den 1. Feiertag hat Deine Schwester schon abgewinkt, da sie alle fortgehen.
Die letzte Woche hatte es in sich. Mittwoch war ich von 11-8 in der Universität, Donnerstag von 1-9. Dazu kamen Prüfungen im Ministerium, Besorgungen in Jagd u.s.w. Die Nachfolge Troeltsch ist nun nach vielen Mühen dahin entschieden, daß der Lehrstuhl un vorläufig mangels geeigneter Persönlichkeiten unbesetzt bleiben soll. Dessoir gab dagegen zugunsten von Cassirer ein Separatvotum ab. Nicht einer hat es mitunterzeichnet. Er hat mir fast leid getan. Übrigens war ich wegen Krankheit nicht in der Kommission, und auch in der Sitzung selbst zeitweise nicht, da Heinrich Maier, wie mir schien: in der plumpesten Weise und laut öffentlich schreiend das Projekt meiner Verpflanzung vortrug (wobei ich taktgemäß u. statutengemäß hinausgehen mußte.) Mit dem guten Maier ist nichts zu machen. Er ist durchaus Schwabe.
Wir sind mit unsrer Heizung bei diesem bald kalten, bald feuchten, bald rasend stürmischen Wetter bald zu Ende. Und jedes mal hat man "gerade" so viel Restbestände, um das gerade Nötigste kaufen zu können. Mit Benary werde ich es nun anders machen: ich bringe ihm, wenn ich noch Geld habe, Ende d. Jahres 50 bessere Zigarren. Riehls wieder ohne Mädchen (schuldlos?) schienen auf die "abgebaute" Susanne zu spekulieren. Gott sei Dank aber wird sie frühestens am 31. März abgebaut. Lore ist wieder da. Adelheid schon lange krank, Hans nie gesund, Frau Riehl ganz weit unten; er dies Jahr gottlob viel besser als im vorigen. - Eigentlich sollte ich in Sachen der student. Wirtschaftshilfe in den 1. Tagen des Januar nach Tübingen fahren, was ich abgelehnt habe.
Ich nehme an, daß Du doch wieder eine Kleinigkeit für unsre Freundin hast. Versäume nicht, sie vielmals zu grüßen. Ich schreibe erst wieder zu Neujahr. Verlebe also die "Festtage" tapfer, und fühle meine Nähe, in der ich Dich tausendmal und innig grüße.
Stets Dein Eduard.

Susanne wollte etwas beilegen; bringt sie es nicht, so nimm es als beiliegend an.