Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Januar 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Januar 23.
Mein geliebtes Herz,
Deine beiden lieben Briefe von Neujahr u. vom 5. Januar habe ich bekommen. Habe Dank! Ja, es ist keine Zeit der Feste mehr, vielleicht nicht einmal mehr die Möglichkeit, wahrhaft glücklich zu sein – u. doch, quillt nicht trotz allem Lebensfülle u. Kraft aus dem Gefühl unsrer tiefen, seligen Gemeinschaft? Und Du bist so verstimmt? Warum ladest Du Dir die Friesecke ein, wenn sie so übel auf Dich wirkt? Das verstehe ich nicht. Muß nicht überhaupt das Mädchen diese außergewöhnliche Ehre als vielmehr Anteilnahme von Deiner Seite deuten, wie doch vorhanden ist? Hältst Du es für diplomatisch, Dich mit ihr zu stellen oder was ist der Grund?
Daß Du am 18. Festredner sein sollst, ist mir lieb u. leid zugleich, gerade jetzt unter den so gespannten
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| Verhältnissen. Sicherlich wird der Tag trotz des gelehrten Themas ein Ereignis. Denn Du kannst ja nicht anders als die Vergangenheit zu einem Weheruf für die Gegenwart werden lassen. - Wie schade, daß Du den Talar nicht damals gleich machen ließest, als ich den Stoff schickte u. darum bat. Auch wenn ich zu Weihnachten gekommen wäre, hätte sich der Schaden noch bessern lassen. Denn nach einem Modell, das Du leicht bei Harnack oder wem sonst leihen konntest, hätte ich ihn ohne Schwierigkeit genäht. Da wären die Reisekosten schon herausgekommen.! – –
Als Sylvesterandacht las ich Deinen kleinen Aufsatz: Zukunftsglaube vom vergangenen Jahr. Seine mahnende Stimme paßt noch heute, u. die Zuversicht auf die innere Erneuerung unsres Volkes geben wir nicht auf, aber die äußeren
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| Bedingungen sind in diesem Jahre schon ein bedeutendes Stück hoffnungsloser. - Und dabei fällt mir gleich etwas ganz Persönliches ein. Du schreibst von Kleidern zum Verkauf. Hast Du am Ende wohl auch irgend etwas, was für Hermanns Jungen verwendbar wäre? Es ist doch jetzt so schwer, etwas zu kaufen u. 5 Kinder brauchen viel. Ich sah im Sommer, daß Hermanns Anzug echter Kriegsstoff war, der hält sicher nur für ihn, u. die alten Sachen sind so viel besser.
Hoffentlich findest du diese Bitte nicht garzu unbescheiden. Du Guter gibst mir ja immerfort! Schon wieder meldet mir die Bank 5000 M! Wohin soll denn dieser Überfluß führen?? Aber da es nun einmal hier ist, so hab innigen Dank. –
Daß man Dir ungebeten einen Assistenten bewilligte, ist mir ein
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| Zeichen, daß dies von Rechts wegen längst hätte geschehen sollen. Möchtest Du nun auch verstehen, Dich dadurch gehörig zu entlasten u. möchtest Du die geeignete Persönlichkeit finden. - Schade, daß Birkemeier so anspruchsvoll auftrat. - Was Du über den Kalender schreibst, hat mich sehr, sehr gefreut. Es zeigt mir, daß er Dir ausgerichtet hat, was ich ihm auftrug. Laß all das zu Dir reden, mein Lieb, wenn störende Erinnerungen auftauchen wollen. Laß mich doch schützend dazwischen stehen, daß die Schatten der Vergangenheit Dich nun nicht mehr quälen. Glaube nicht, daß die Jahre des Leidens unfruchtbar für Dich waren, Du bist gewachsen auch daran. Wie kannst Du fürchten, daß Du je dem ähnlich würdest, was dich im Wesen Deines Vaters so tief verletzt? Gerade weil er den großen Gegensatz Eurer Naturen empfand, hatte er nie den
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| Mut, offen mit Dir über jene Beziehungen zu reden. Daß er sich nicht davon los machte, lag vielleicht nicht nur an ihm. Und dann - vielleicht standen diese Leute seiner Lebensspähre näher als Du. Leider war er doch wohl später nicht mehr unbefangen u. selbstsicher, wie er das andern gegenüber liebte. Der große u. klare Standpunkt, der Dir selbstverständlich ist, war für ihn, dem sein Behagen erstes Gesetz war, nie erreichbar. - Es wäre töricht, zu behaupten, Du habest garkeine Ähnlichkeit mit Deinem Vater. Aber niemals könnte Dir ein einzelner Zug, der so aus der Gesamtheit Deines Wesens herausfällt, bedrohlich werden. Alles ist in Dir erhöht u. verschmolzen zu edler Geistigkeit u. reinem Wollen. Du schriebst schon vor Jahren: "Naturen, wie wir bauen nur den inneren Besitz reicher u. tiefer aus, u. es bleibt in allem Wechsel, in allem Kampf ein sich wandeln
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|des Unwandelbares." - Glaubst Du denn, ich könnte Dich so grenzenlos lieben, wenn ich nicht dieses "Unwandelbaren" in Dir so unerschütterlich gewiß wäre? Selbst ich werde nie behaupten, daß Du ohne Fehler seist, das wäre unmöglich. Aber zwischen Deinem Vater u. mir war Fremdheit vom ersten Tage an, die sich nie ganz verloren hat, nur zeitweise verdeckte.
– Wir haben hier eben Besuch von Elisabeth Vetter, was besonders für Aenne eine rechte Freude ist. Habe ich Dir eigentlich berichtet, daß ich, wie alljährlich, in Deinem Namen eine hübsche Primel fürs Blumenfenster besorgte? - Von Oesterreichs ist noch keine Meldung, ob mein Päckchen ankam. Es ist so greulich, daß man jetzt niemals sicher ist, ob nicht die Postsendungen gestohlen werden. - Die drohende politische Lage, die uns hier an der Grenze besonders
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| angeht, läßt mich doch noch einmal auf die Sache mit Deinen Briefen zurückkommen. Ich kann mir nicht helfen, ich halte sie hier für gefährdeter als bei Dir u. wenn wir von Vorsehung sprechen - so warnt sie mich vielleicht gerade durch dies Gefühl. Wenn es Dir also einleuchtet, dann laß mich recht bald wissen, daß ich sie schicken soll.
- Bei dem ungemeinen Ernst der drohenden Lage ist es mir überhaupt doch seltsam, daß wir es so leicht nehmen mit meinem Wohnenbleiben in Heidelberg. Die Entfernung wird immer größer. Freilich, wenn es wirklich möglich bleibt, Dir rein äußerlich diese Zuflucht zu erhalten, dann ist mir alles recht. Dir ist mehr als für mich an Gefühlsmäßigem mit dem Ort verknüpft - denn mir ist Heimat, wo immer wir zusammen sind! – –
Mit meinem Zeichnen bin ich also jetzt wieder in das Laboratorium
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| zur Edelgarde Freiin v. Hofmann versetzt. Das ist recht lästig, denn es paßt ihr ebenso wenig wie mir. Auch die große Dunkelheit erschwert das Arbeiten. - Regnet es denn bei Euch auch so unaufhörlich? An der Wand zwischen meinen beiden Zimmern ist Nässe u. Schimmel bis halbwegs an die Tür. Die Dachrinne war entzwei u. nun soll auch noch der Dachdecker Schiefer erneuern. Das wird ein schönes Geld kosten. Aber man kann es doch nicht lassen, besonders da es bei der geringen Heizung garnicht austrocknet. - - Das Badenwerk gibt eine 5%ige Kohlenwert-Anleihe heraus. Ich werde morgen meinen Vertrauensmann bei der Bank fragen, ob ich das anzulegende Kapital dazu verwenden soll. Vielleicht auch die 5 frcs aus der Schweiz? - Wie ungern befasse ich mich mit solchen Dingen. Ich hielte es viel lieber mit den "Lilien auf dem Felde"! Aber das vergeht einem heutzutage.
Denkst Du noch manchmal an unsern Weg zur Waldburg? Erst der spannende Anfang ohne Wegweiser,
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| dann die überraschende Alpenfernsicht, dann die Dörfer u. reichen Felder - unsre Rast am Zaun auf dem schmalen Wiesenweg, dann wieder der dichte Wald mit üppigem Untergrund u. mosigen Steinen, der sich in das Wiesental mit seiner einzigartigen Geschlossenheit öffnete. - Von Elisabeth Vetter bekam ich einen Kriegsgroschen von Waldsee, das rief mir wieder die ganze wonnige Erinnerung wach. –
– Wenn nur nicht daneben dieser stete Druck wäre! Auch das Unzulängliche Deiner häuslichen Einrichtung bekümmert mich. Ich muß bei Deiner Beschreibung der schweigsamen Stimmung an die edle Frau Weinkauf denken, mit der ich oft wochenlang kaum ein Wort wechselte. Sie hat auch seitdem nie wieder eine Dauerstellung gefunden. Vor kurzem noch erzählte sie Aenne, daß sie 1200 M u. volle
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| Verpflegung in einer Monatsstelle habe u. vor ein paar Tagen kam sie wieder als krank u. wünscht Vermittlung, um unterstützt zu werden. - Unsre Emma scheint mir auch nichts Bleibendes. Sie ist in jeder Richtung "verschnupft" von zu Haus wieder gekommen. Nun, vielleicht bessert sich die Stimmung mit dem Katarrh. –
Daß Du Dir zuweilen Sorge machst, weil Du jetzt endlich einmal normal ernährt bist, sieht Dir ähnlich aber ist nicht "so viel" wert! Was kann man denn Wichtigeres tun, als seine Leistungskraft erhalten? Und Du besonders, mein Goldener, hast die unbedingte Pflicht! Und gib auch dem Drückenden dieser düsteren Jahreszeit nicht nach. Es sind alljährlich die schlimmsten Wochen für Dich, das weißt Du ja. Und ich meine, es hilft überwinden, wenn man
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| den naturhaften Grund eines Zustandes einsieht. Denn wir halten es doch mit der Kraft der Persönlichkeit.
Viel hätte ich Dir noch zu sagen, aber es ist schon spät. Drum für heute Gutenacht, mein Lieb.
Ich grüße Dich innig.
Deine Käthe.

Wo ist denn das über Kulturpolitik gedruckt?
Und von wem ist die Danteübersetzung?
Walther ist sehr eingenommen vom zweiten Teil Spengler - - (Untergang d. Abendlandes) u. ebenso schreibt er sehr interessiert über Deine Lebensformen, die "neue Wege zu zeigen schienen - u. vielleicht den kantischen Bann
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| sprengen könnten - - der jede einheitliche Lebensanschauung hindert."
- Denke Dir, der gute Onkel Hermann schickte mir 600 M zu Weihnachten!