Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Januar 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg,14. Januar 1923.
Mein liebstes Herz.
Wenn ich Dir auch eigentlich nichts zu sagen habe, als daß ich immerfort Dein gedenke, so muß ich Dir doch noch einmal einen Gruß senden vor dem 18. Wie schön ist es, daß gerade Du diesmal in dieser ernsten Stunde reden wirst. Was bleibt uns denn, als die Besinnung auf die Quellen unsres Lebens, die Rückkehr von dem Hasten nach Erwerb u. Genuß zum unvergänglichen Bestand deutschen Wesens. Vielleicht hat man gerade Dich gewählt, weil Du über den Parteien stehst u. nicht von äußeren Möglichkeiten reden wirst, sondern von der Erkenntnis unsrer Lage, von den Kräften der Erneuerung von Wahrhaftigkeit, Schlichtheit, Pflichttreue, Hingabe. O, Du wirst
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| den Weg weisen aufwärts aus diesem inneren Elend. Denn die Schäden der Zuchtlosigkeit u. Üppigkeit, die bei uns angewachsen sind, können nur durch die ernste Schule der Not wieder ausgetrieben werden, die unfehlbar jetzt einsetzt - stärker als je. Wir haben politisch u. moralisch die Herrschaft verloren, so müssen wir durch harten Druck wieder dazu erzogen werden. Aber wir glauben an den echten Kern deutschen Wesens, der gerade unter der Hülle der Not zu neuen Lebensmöglichkeiten sich entwickelt. Denn nur das Schwache erliegt, dem Starken wachsen im Kampf die Flügel.
- Ich habe neulich ganz versäumt, mein Lieb, Dir zu danken für Deinen treuen Besuch bei Tante Grete. Es war sehr schön, wie Du es machtest. - Ob nicht diese Frau Säuberlich etwas
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| für Dich wäre? Mich erinnerte sie ein wenig an den Typus Goetze, nur einige Grade tiefer. Aber freilich sie ist schon 70 Jahre. Und außerdem höre ich heute von Heinrich Eggert, daß man Vorkehrungen treffen will, ihr durch Erbbestimmung die Wohnung zu sichern. –
Hoffentlich hast Du bei meinem letzten Briefe nicht gedacht, mein Herz, ich wolle damit Partei für Deinen Vater gegen Dich nehmen, weil ich versuchte, zu erklären - was unserer Natur so heterogen ist. - Ob man den Menschen ändern kann? Ich glaube, man kann ihn wohl eigentlich nur zur Selbstzucht bringen u. wo das in der Jugend versäumt ist, da holt sichs nicht nach.
Heute war Paula Seitz mit ihrem Schützling bei mir, recht gemütlich. (Aenne u. Elisabeth Vetter waren in Ludwigshafen.) In der Töchterschule
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| ist Dein "Kultur u. Erziehung" zum Ankauf vorgeschlagen.
Ich habe gründlich mit Briefschulden aufgeräumt. - Auch von Oesterreichs kam jetzt die Bestätigung der Sendung. Die Frau ist offenbar ganz mit überzeugt von den "parapsychischen Phänomenen". Auch hier in Heidelberg soll es Anhänger geben. Vielleicht Gruhle? –
Ich bin jetzt Besitzer eines Gutscheins über 500 kg Kohle vom Badenwerk, habe die Obligationen umgetauscht, da sie durch die Kohlenanleihe entwertet wurden. Na - es ist ja einerlei.
Du, mein einzig Lieb, habe Dank für Deine stete Fürsorge. Weißt Du, das ist eine so seltsame Sicherheit in mir - aber zur Last fallen möchte ich Dir nicht.
Sei viel tausendmal gegrüßt u. bleibe mir gesund. Sei zuversichtlich, es muß doch besser werden, u. laß uns dankbar sein, daß wir uns haben.
Innig u. treu
Deine Käthe.