Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Januar 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Januar 23.
Mein Einziger.
Das wußte ich ja, daß der 18. Januar für das akademische Leben in Berlin eine echte Feier, eine weihevolle Stunde sein würde. Du kannst es mir nicht verdenken, daß ich es zuweilen schwer empfinde, gerade zu solcher Zeit fern sein zu müssen. Denn Du selbst gestehst es ja auch, zuweilen ein Aussprechen zu entbehren. Aber abgesehen von der äußeren Unmöglichkeit, die ich von selbst einsehe u. die es gerade so doppelt fühlbar macht, ist ja auch mit meinem hiesigen Leben sehr viel verknüpft, was ich sehr vermissen würde. Meine Hauptsorge war es eigentlich, daß die Lage Heidelbergs bei den politischen Bedingungen am Ende gar für Dich unmöglich werden könnte u. ich damit von allem Leben abgeschnitten würde. Denn ich bin doch in der Tat um Deinetwillen
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| hierher zurückgekehrt u. hiergeblieben. Und es ist mir eine Beruhigung, daß Du damit so ganz einverstanden bist. So ist jeder Zweifel für mich entschieden u. ich nehme die Konsequenzen gerne auf mich. Von einer Schädigung für mich kann dabei in keiner Weise die Rede sein. Außerdem erleichterst Du mir das Dasein ja so sehr durch Deine häufigen Sendungen. Habe auch vielen Dank für den eingeschriebenen Brief, der leider durch das Einschreiben um einen Tag später in meine Hände kam, denn der Postbote kommt meist während meiner Arbeitszeit. –
Aber Du sollst nicht so sprechen, als könnte ich Dich überleben. Das ist mir ein unerträglicher Gedanke u. zum Glück ja auch die Wahrscheinlichkeit dagegen. Gern hörte ich dabei nur, daß Dir hoffnungsvolle Schüler heranwachsen. Das hatte ich gerade in diesen Tagen mit besonderer Leb
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|haftigkeit gewünscht, bei der Lektüre von "Eckermanns Gesprächen." Wenn auch dieser Geist nicht an das Niveau Goethes heranreicht, so ist doch die Treue, Schlichtheit u. Ausführlichkeit seiner Mitteilungen von eindringlicher Wirkung.
Dieser Tage hörte ich Dich hier sehr rühmend erwähnen in einem Vortrag der pädagogischen Gesellschaft. Der Nachfolger von Heinrich Maier: Ernst Hoffmann sprach über die "akad. Aufgabe der wissensch. Pädag." – Wer ist denn dieser E. H, dessen Name mir noch nie mit Wissen begegnet ist? Wenn ich ihn nach dieser kurzen Probe beurteilen darf, so scheint er mir eine ziemlich kühle u. nüchterne Natur, mehr Wagner als Faust, aber in seiner Weise zugänglich für geistige Werte. War bei H. M. ein etwas schwerfälliger Schwung, so ist bei ihm alles klar u. korrekt geordnet. – Auch Du
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| bist eingereiht, mit Deiner "genialen Meisterschaft" in der Handhabung der Psychologie, die offenbar an Erdmann (u. Lazarus?) anknüpft; "Diese alte Psychologie war unwissenschaftlich, aber Sie achtete das Geheimnis der Menschenseele. Sie muß deshalb nicht falsch sein, weil sie mit Meinungen statt mit Beweisen arbeitet. Sie schafft Begriffe für das Unbegreifliche. u. ist in Händen wie die Deinen sehr aussichtsreich." – Ich hatte nicht den Eindruck, als ob er die Lebensformen kennt, zum mindesten hat er sie dann nicht aufgenommen. Erwähnt hat er nur "Humanismus u. Jugendpsychologie" u. "die Schriften von Spr." im allgemeinen. Dein Name war bis auf den von Krieck in der Einleitung der einzige, den er nannte. Sonst waren nur grundlegend: Platon, Kant, Fichte!
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Tagelang ging ich wie beseligt umher unter dem Eindruck der starken einheitlichen Empörung unsres Volkes gegen die ruchlose Gewaltpolitik Frankreichs. Es ist meine einzige Sorge, daß das Feuer verflackern könnte u. daß wir diese moralische Eroberung, das einzige was uns noch bleibt, wieder verscherzen könnten. Die Regierung Cuno wird es nicht tun, aber wird sie die Gefolgschaft des ganzen Volkes behalten, wenn die Not immer größer wird? Hoffentlich wird die Hilfsaktion in die richtigen Hände gelegt u. man verschwendet nicht im Anfang – wie es im Kriege so oft geschah. Unsre Mittel sind doch in allem jetzt begrenzt bei aller Opferfreude. – Ich habe auch mein Scherflein beigetragen, zeichnete mit unsern beiden Vornamen.
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Hoffentlich hat sich der Sturz von Riehl wirklich als äußeres Mißgeschick erwiesen, wie der Arzt annahm. Ich war mit Dir recht ängstlich, es könnte vom Gehirn ausgehen. Ich denke mir, die gemeinsame Sorge hat Dich Frau Riehl doch wieder näher gebracht. – Für ihren Brief, der sehr lieb u. herzlich ist, danke ihr doch bei Gelegenheit, bis ich es selbst tun kann. –
Wie schmerzlich ist auch das Mißgeschick mit der Studiengemeinschaft. Die 2 Patienten auf einmal, das ist wirklich abscheulich; aber die Anmaßung von Birkemayer muß wirklich empören u. gemahnt mich an Arnold Ruge. – Die Welt ist eben aus lauter Ansprüchen zusammen gesetzt u. jeder möchte gleich Millionär sein. – Das ist überhaupt garnicht viel, wenn Du
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| 2 Millionen bezogst. Das Ruhegehalt eines höheren Offiziers beträgt schon 1½ Mill. u. Du stehst doch in voller Arbeit. –
Daß Nieschling wieder in Berlin ist, hörte ich von einem Schüler aus Calw durch den er mir Grüße schickte. Es ist der Sohn der Wittwe Moser im Nachbarhaus, der mir einen ziemlich minderen Eindruck machte. – Es ist nur gut, daß die Erkrankung von Troeltsch eine akute Sache ist u. nicht ein ausgeleiertes Herz. Denn das wäre eine aussichtslose Tragödie, das habe ich bei meinem armen Onkel Hans (dem Mann von Tante Fanny) miterlebt. –
Hättest Du doch Deinen Bronchialkatarrh früher mit Lakritzen behandelt. Das ist doch solch harmloses Mittel! Mein Fuß ist heil, der hindert uns nicht am Wandern, wenn es sonst dazu kommt.
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| In Frankfurt war ich nicht, da Anna Weise mehrfachen Logierbesuch hatte u. dann verreisen will. Schade, ich habe sie jetzt seit Jahr u. Tag nicht mehr gesehen. – So weiß ich auch leider nichts Näheres von Johanna Wezel. Ich wollte, sie käme mal her. –
In Bezug auf die Hedwig Koch weiß ich Dir wirklich nichts zu raten. Das kannst Du doch nur allein ermessen. Du weißt ja aus Erfahrung, daß Deine rücksichtsvolle Art im Ablehnen nicht leicht verstanden wird. Aber ich meine wohl, Du brauchtest Dich nicht deswegen nicht bedrücken zu lassen, wenn Du nur klar u. konsequent bist. Wieviel tragen wir alle an selbstgeschaffnen Leiden u. wachsen auch daran. – Für heut Gutenacht. Bleibe gesund bei Deinem tatenreichen Leben u. bleibe mir gut.
Viel innige Grüße von
Deiner Käthe.

[li. Rand] Frau Ewert ist mir eine wachsende Sorge.
[li. Rand S. 1] Wenn Du Stiefel brauchst – sie sollen unerschwinglich werden.

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|<beigefügter Zettel>
Die Rede wird doch hoffentlich gedruckt?
Hier lasen wir diejenige vom <unlerserl. Wort> Dohna in der Zeitung. Sie war sehr fein.
Frau Ruge mit dem Bubel war 2 Tage bei uns. Wir sind überzeugt, daß Er in München wieder beteiligt war!!