Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, Januar 1923 (Heidelberg)


<ohne Datum u. ohne Schluß; ES schreibt im Brief vom 5. Januar, das er den u.g. Auftrag für Tante Grete "vorgestern" ausgeführt hat, daher müßte dieser Brief, Silvester oder Anfang Jan. 23 geschieben sein>
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Mein geliebtes Leben, Du hast es wohl ein wenig gespürt, welch furchtbare Kämpfe in diesen Tagen mein ganzes Wesen bis auf den Grund durchwühlten. Tag um Tag erwachte ich mit dem ersten Dämmerlicht u. meinte, an der Qual ersticken zu müssen. Aus welcher Tiefe das plötzlich kam - ich weiß es nicht. Es stand nur vor mir, wie Du es immer ausdrückst: Das Leben ist durch und durch zweideutig. - Das aber ertrage ich nicht. Niemals ist in meinem Leben etwas bedziehungslos gewesen u. jetzt verstand ich auch nicht mehr. Als neulich der Zug des Todes an mir vorüberging, da schrie es in mir: Du atmest noch, aber bist du nicht lebendig tot? - Und ich wußte, daß ich es bin seit jenem Augenblick, als Dein lieber Ring über meinen Finger glitt, u. nur in Deiner Nähe lebte ich scheinbar wieder auf. Warum erstarrte ich in dumpfer Scheu in jenem heiligen Augenblick? Ich trug eine Kette aus der Vergangenheit mit mir, ohne es zu wissen. Wohl hatte ich Verzeihen dafür gesucht an Deinem Herzen, aber ich selbst, ich konnte nicht vergeben, daß man mir unter dem Schein des Höchsten meine ahnungslose, vertrauende Jugend vergiftet hatte.
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| Da hatte kein Abschütteln genutzt - ich hatte nicht verwunden. Nur was unsre Hand zum Segen wandelt, hat lebendige Kraft. Nur so schließt sich der Ring des Lebens zu sinnvoller Klarheit. Und seltsam, jetzt wo es mich des Lebens Seligkeit gekostet hat, jetzt wo es schwerer scheint denn je - jetzt fand ich diese Kraft, ja zu sagen u. zu verstehen. Jetzt weiß ich, daß nicht ein blöder Zufall, sondern ein ehernes Gesetz der Seele mich verstummen ließ, - ich war nicht reif. Nicht zweideutig ist das Leben, sondern durch u. durch sinnvoll, mit tausend geheimnisvollen Stimmen redet es zu mir u. alles fügt sich einem tiefen Verstehen. Der dumpfe Druck ist fortgenommen, meine Seele ist frei u. ich habe neue Kraft, das Schicksal zu bezwingen. Denn in mir ist es klar geworden u. nur von innen gestaltet sich das Leben. Kommt es aus mir allein? Ich weiß es nicht. Das aber weiß ich, daß nichts mich von Dir trennen kann, denn ich bin Deine - - Deine Wanderseele.
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"Doch wenn Dein Herz von allem sich befreit,
Dein Ich zu fühlen dir im Schmerz gelang:
Im Selbstverstehen liegt Gott und Ewigkeit."
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Eine Bitte, aber nur wenn sie Dir nicht zu anspruchsvoll scheint: -
Ich hätte gern Tante Grete einen Gruß geschickt. In meinem Brief kündigte ich ihr Gebäck an, das aber in der Kurfürstenstraße schon vergeben ist. Würdest Du wohl so lieb sein, ein kleines Gläschen Gelee oder was Du willst, ein bißchen nett eingewickelt mit einem Zettel als von mir an ihrer Tür abzugeben? Es hält Dich gewiß nicht lange auf, denn vermutlich ist sie nicht zu sprechen. Aber wer weiß, ob sie noch lange lebt u. ich möchte ihr gern
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| eine Freundlichkeit erweisen, aber direkt schicken, ist so teuer. - Du bekommst es ersetzt - entweder hir oder gelegentlich, nicht wahr? Also wenns geht, vielen, vielen Dank!