Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Februar 1923 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 6. Februar 23.
Mein geliebtes Herz.
Am Sonntag morgens kam Deine liebe Sendung. Wie freute ich mich, so bald schon die Rede kennen zu lernen, denn ich hatte befürchtet, mich bis zum 25. gedulden zu müssen. Habe Dank! Es ist ein wundervolles Bild unsres geistigen Volkstums - am tiefsten aber hat mich berührt, wie Du an diese Kräfte der Vergangenheit den unerschütterlichen Zukunftsglauben knüpfst, das Vertrauen auf das noch ungelebte Leben des deutschen Volkes. Nein, das kann nicht untergehen, denn es ist in Wahrheit "ewig." - - Es ist ganz sicher ein erstes Dämmern eines neuen Tages, was wir jetzt erleben. Leicht wird der Weg nicht sein, aber wenn er nur aufwärts führt, so ist es gut. Jetzt ist es doch wieder möglich, von einer "Regierung" zu sprechen, es ist ein Wille, ein Ziel, eine vorgezeichnete Richtung. Ich will die Periode vorher nicht schmähen. Vielleicht war es notwendig, so weit im Nachgeben zu gehen, um den guten Willen der Arbeiter zum Widerstand zu gewinnen. Denn der Sozia
[2]
|ismus mit seiner fixen Idee von der "Schuld" des alten Regimes am Kriege läßt ja nicht von unsrer Pflicht des Wiedergutmachens. Und warum auch nicht, wenn es eine Tat freier Sittlichkeit ist! Aber zu Sklaven lassen sie sich nicht machen u. das ist der Segen, der aus der rechtlosen Machtpolitik Frankreichs für uns wächst. -
Hier ist große Aufregung, daß die Franzosen kommen könnten. Jeder denkt nur an sich u. seine Sicherheit. Als ob es jetzt nicht ums Ganze ginge, u. jeder auf seinem Posten stehen müßte! Wie viele Deutsche tragen das Joch der Fremden schon jahrelang! Aber den Badensern geht es zu gut. Sie sind nicht geneigt zu entbehren. - Ganz besonders nahe ist mir der Tod von Troeltsch gegangen. Auf Deine Meldung der überwundenen Gefahr hin hatte ich mich so beruhigt, daß mir das Ende ganz unvermutet kam. Mir persönlich war er von den hiesigen Hochschullehrern derjenige, dem ich das meiste verdanke. Und ich weiß auch, wieviel Du an ihm verlierst.
[3]
| Heidelberg u. Berlin - beides ist mit ihm verknüpft, u. seit unserm ersten Sehen ist seine Persönlichkeit in Beziehung zu uns gewesen. - - Daß Du nun vielfach auch noch für ihn wirst eintreten müssen war gleich mein Gedanke. Ein Trost ist mirs dabei, daß eben doch alles jetzt unter dem Zeichen gesammelter Kraft u. festen Willens steht, daß man wieder von einem ernsten Volksbewußtsein getragen wird. Man kann wieder mit Vertrauen an öffentlichen Aufgaben arbeiten. - Darum laß Dichs nicht bedrücken, wenn Du darüber vorläufig nicht zur Rezension Rickerts kommst. Ich hatte ohnehin bei mir gedacht, wieviel wichtiger es doch sei, daß Du Dein eigen Werk schaffst. Du mußt in absehbarer Zeit die Jugendpsychologie schreiben. Du hörst doch, wie hoch man Deine Fähigkeit dazu ganz allgemein einschätzt. Und Du darfst Dir nicht von andern Deine neuen u. fruchtbaren Gedanken fortnehmen
[4]
| lassen. Gestatte mal, daß ich aus einem von keiner Sachkenntnis getrübten Gefühl heraus eine Meinung äußere. Da hörte ich heute von einem feinen geistvollen Manne, dem Lehrer Lacroix einen Vortrag über das Buch von Krieck: "Philosophie der Erziehung." Die Schätzung, die man dem Buche erweist, ist riesig: eine kopernikanische Umwälzung soll es sein. Das erste System wissenschaftlicher Begründung der Erziehung. - Die Gedanken aber im einzelnen schienen mir absolut nicht neu u. wieweit sie wissenschaftlich fundiert waren, weiß ich natürlich garnicht. Es scheint mir aber, als ob der Mann in einer guten Zusammenfassung die neuen Ideen von Gemeinschaft, Totalität des Lebens, organischer Entwicklung einer allgemeinen Betrachtung unterzogen habe. Grundlegend sei die Ansicht, daß Erziehung ein Gebiet für sich sei, das seine Ziele nicht von Ethik oder Psychologie entlehnt, sondern vom objektiven Geist der sich durch das Gemeinschaftsleben offen[re. Rand] bart.
[5]
| Das alles kann man längst in Deinen Schriften finden. Aber Dein wissenschaftliches Gewissen fordert eine viel umfassendere Durcharbeitung, während Kr. wohl einen raschen, glücklichen Ausdruck gefunden hat, um eine geschlossene Darstellung zu geben. –
Gestern hatten wir eigentlich den Schwager von Bruno Bauch: Pfarrer Maaß über Jugenderziehung hören sollen, bekamen aber keine Karten. Er soll sehr feinsinnig sein u. großen Einfluß haben. Am nächsten Montag ist noch ein Vortrag von ihm. Es sind Volkshochschulkurse. - Ist es eigentlich denkbar, daß ich gestern Heinrich Maier auf der Straße gesehen hätte? Ich möchte es fast glauben, aber wie käme er jetzt hierher? - Sehr betrübt ist man allgemein über den Tod von Frau Boll. Sie ist verhältnismäßig rasch an Krebs gestorben. Es ist erst spät erkannt worden.
[6]
|
Morgen kommt Helene Lang, um im Symphonie-Concert zu spielen. Sie wird bei Aenne unten wohnen; wir sehen der Sache mit geteilten Gefühlen entgegen.
Dagegen war der 2. Februar sehr hübsch: Winters (d. h. ohne Vater) waren da, u. die hiesigen Freunde kamen zum Gratulieren. Auch für Deinen Glückwunsch soll ich herzlichen Dank ausrichten. Du bist so treu im Gedenken! - Ich aber freute mich, so doch auch mal indirekt Nachricht zu haben. –
Ist Riehl wieder ganz hergestellt? Hat Susanne auch keine Sorgen um die Ihrigen in Memel? –
Der Dr. unten ist ein Flaumacher, kolportiert immer die Meinungen des verflossenen Reichskanzler! Aber wir hören nicht drauf. Ich habe ohnehin immer Watte im Ohr wegen dauernder Entzündungen.
[7]
|
Die Strümpfe schicke ich Dir zu meinem Geburtstag. Sie sind selbstgestrickt. Ich hoffe, daß sie die richtige Größe haben? - Eine sehr schöne Würdigung von Troeltsch, dem Heidelberger, stand heute in der Zeitung aus der Feder von Frommel. - Hast Du wohl die Feier der Bestattung mitgemacht? Und sahst Du den Sohn? Er muß wohl so etwa 12 Jahre sein - u. ich denke mir, daß er mit den Tode des Vaters gerade so verarmt, wie es bei Rudi der Fall sein wird, wenn Onkel Hermann stirbt. Die Mutter ist wohl ein Pendant zur Ida, kühl u. egoistisch. - -
Heute nacht träumte ich sehr lieb von Dir, es ist selten, daß mir der Traum Deine Nähe vortäuscht. Aber im Herzen bist Du mir immer nah, das gibt mir Kraft u. Ruhe.
Geht es Dir auch so, daß trotz aller drohenden Gefahr eine so viel freu
[8]
|digere Spannkraft in Dir ist? Ich bin garnicht sehr optimistisch, aber davon bin ich doch überzeugt, daß Frankreich, wie auch früher, wieder überwunden wird. Diese Politik ist doch wahrhaftig nur gemeiner Straßenraub wie in der Zeit des Faustrechts. Wird es denn nie einen Fortschritt in der politischen Moral geben? Meine größte Sorge ist nur, daß der Elan des passiven Widerstandes erliegen könnte, u. wir doch so lange in Sklaverei verfallen, bis Waffengewalt u. - Bolschewismus uns "erlösen". - Das Verbot in der Pfalz, das die Gerichte hindern soll Vaterlandsverräter zur Rechenschaft zu ziehen, ist maßlos empörend.
Aber ich will endlich schlafen, es ist hohe Zeit u. meine Augen müssen morgen wieder frisch sein. Nur gut, daß endlich etwas helleres Wetter ist. - Sei mir viel tausendmal gegrüßt u. bleibe mir gesund in allem Kampf u. Mühen.
<li. Rand>
Immer Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Ich hätte noch so viel zu fragen - vor allem, ob die Städtegemeinschaft sich erholt hat? Und warum sollte Benary empfindlich sein? 3000 M sind doch keine Kränkung.