Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Februar 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Februar 23.
Meine liebe Spektabilität!
Nun ist schon eine Woche der üblen Doppelbelastung vorüber u. ich hoffe von Herzen, daß alles glatt ging. Was war das nur mit der Grippe? Es hat mich recht beunruhigt, denn das war doch gerade in dem Moment überflüssiger als je. Und noch dazu ausgerechnet als Folge einer so seltenen Feude wie es ein Concert bei Dir ist! Wenn es noch Helene Renate Lang gewesen wäre, die Du hörtest!! Ich muß gestehen, es war wirklich ein seltener Genuß u. der ganze Besuch recht amüsant. Sie neckte sich riesig mit dem Dr., mit dem es überhaupt eben ganz erträglich ist. Nur die deutliche Renitenz der Zentrumspolitik gegen die jetzige Regierung stört mich sehr bei der Unterhaltung. Offenbar fühlen sie sich zu sehr beiseite geschoben, u. machen Gegenstimmung. - Ach, wenn ich doch zuweilen mit Dir über alles sprechen könnte! Ich weiß wohl, daß wir auch so im vollen Einverständnis sind, aber es würde mich in so vielem [über der Zeile] aufklären. Wir haben doch nur unser demokratisches Käseblättchen. - Es kommt mir überhaupt vor, als ob wir nur noch alle Vierteljahr voneinander hörten, so groß sind
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| die beiderseitigen Pausen. Denn auch bei mir sind die Tage immer im Fluge vorbei u. zum Schreiben komme ich nicht. Ich arbeite jetzt häufig morgens 3 u. nachmittags 2 Stunden, das ist ja an u. für sich nicht viel, aber mit den Wegen hin u. her kostet es doch viel Zeit u. zerreißt einem den Tag, an dem dann nicht mehr viel übrig bleibt. Denn meine Nachmittagsruhe von 2-3 lasse ich mir nur ganz ausnahmsweise nehmen. Mein Ohr ist übrigens jetzt heil u. bleibt es hoffentlich auch. Es war nämlich seit dem Mittelstandsverkauf ein Reihe von vier kleinen Furunkeln darin. - Schrieb ich Dir schon, daß ich mir, angeregt durch die Edelgarde, Freiin von Hofmann (die eine unausstehliche, intrigante Person ist) Leberthran gekauft habe? Ich nehme nur wenig auf einmal u. finde, daß er mir gut bekommt. Es wundert mich nämlich wirklich, wie ausdauernd bei körperlicher Anstrengung meine Kräfte sind. Am Freitag habe ich mal wieder mit unserm Emmchen Holz geholt u. auf dem Speicher verstaut. Da mußte man zweimal, da wir
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| nur 3 Ctr. auf einmal auf den Karren bekamen - stundenlang auf der Straße stehen im langen Zuge der Wagen. Wir wechselten uns ab u. gingen dazwischen mal zum Essen heim. Aber es war mir durchaus nicht schwer u. ich hatte nicht den geringsten unangenehmen Eindruck dabei, sondern vielmehr ein paar nette Nachbarn u. fand überhaupt die Leute alle sehr geduldig, freundlich u. hilfsbereit mit einander. Emma hat sich einen Schnupfen dabei geholt, ich war noch nicht einmal müde. Und heute, zum Sonntag, habe ich erst stundenlang die Stricke in meiner Jalousie erneuert u. nachmittags von 4-8 gebügelt. Eine schöne Sonntagsfeier, nicht wahr? Aber die Sachen lagen schon seit Wochen, weil ich alltags nicht dazu komme.
Ob Dir wohl das Dekanat viel Mühe macht? Ich dachte mir gleich mit Profitlichkeit, daß durch diese Übernahme die Dauer der Amtszeit abgekürzt sei. Aber vielleicht ist es doch nicht vorteilhaft, da Troeltsch sicher schon länger durch
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| seine Krankheit in den Geschäften behindert war? Daß Deine Vorträge gut verliefen, ist mir selbstverständlich, aber ich freue mich doch immer sehr, wenn Du selbst davon befriedigt bist. - Wie war es mit Kerschensteiner? Und wie geht es bei Riehls? Das ist ja abscheulich mit der ewigen Grippe! Von Dir ists übrigens eine tadellose Eigenschaft, daß Du immer so rasch damit fertig wirst. Offenbar hast Du starke Schutzstoffe im Blut. Aber natürlich bleibt es eine große Anstrengung für den Organismus u. ich wollte, Du tätest überhaupt etwas, für Dich in dieser überaus angreifenden Zeit, etwas Besonderes, um Dich zu stärken. Halte Dir doch Schokolade, oder laß Dir ein Ei kochen zum Mitnehmen, oder was Dir sonst scheint. Nur tu ein Übriges, um Dich frisch zu halten. - -
Im Ofen flackert ein angenehmes Holzfeuer u. an die Fenster prasselt ein harter Schnee, da ist es sehr behaglich bei der Lampe. Den Anfang hatte ich unten am Familientisch geschrieben, während Aenne lag u. las. Ich bin
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| mit ihrem Befinden garnicht recht zufrieden. Sie klagt viel über Schmerzen u. sieht sehr blaß u. mager aus. Aber etwas Bestimmtes liegt nicht vor. Morgen fährt sie nach Ludwigshafen, da wird sie wohl auch hören, was eigentlich an der Sache mit dem Vertrag der Anilinfabrik ist. Ich vermute, er ist s. Z. eingegangen, um die Franzosen hinters Licht zu führen, denn die Herren erzählten damals immer, daß alles darauf eingerichtet sei, das Verfahren zu verschleiern, sodaß die eingedrungenen Franzosen doch nichts wirklich lernten. - Da kommen diese Kommunisten u. wollen von Vaterlandsverrat reden!
Aber ist es nicht wundervoll, wie dieser Cuno versteht, die Stimmung zu erhalten u. wirksam einzugreifen. - Etwas ganz Erschütterndes muß die Tellaufführung im Schauspielhaus gewesen sein. Mir wurde es ganz kalt beim Lesen! –
Habe auch vielen Dank, daß Du mir durch Susanne noch 2 Abzüge Deiner
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| Rede schicken ließest. Bis hierher ist die Kunde von ihr gedrungen. Im Labor, Dr. Packheiser hatte schon durch seine Braut davon gehört. - Ist es Dir recht, wenn ich das eine Exemplar nett einbinde u. dem alten Wille zum 70. Geburtstag schenke? -
Ja - Geburtstag! Das hätte ich beinah vergessen. Ich wollte Dir doch sagen, wie sehr recht es mir ist, daß Du nichts schicken willst. Erstlich sollst Du keine Mühe damit haben u. zweitens schenkst Du mir immerzu etwas. Ich habe auch tatsächlich garkeinen Wunsch u. halte es für besser, Einkäufe zu verschieben, bis die Wirkung des fallenden Dollars fühlbar wird. Eventuell kaufe ich dann etwas Briefpapier, denn das habe ich immer an Dich weitergegeben. Also, mache Dir ja keine Sorge, mein Lieb, Dein Brief ist mir doch immer das Schönste u. Liebste, auch wenn er verspätet kommen sollte. Es wäre mir sogar lieber, denn dann wird er vielleicht länger!? - Und wenn ich mir
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| wirklich etwas wünschen soll, so ist es, daß Du möglichst bald herkommst. Denn Du wirst eine Erholung brauchen u. wenn es dann zum Umzug geht, ist keine Zeit mehr. Hier ist alles dazu gespart: Vorräte, Heizung u. - gute Behandlung! - Also hoffe ich auf Dein Herkommen, ebenso wie der Herr Geheeb. - Und auch von meinem Auskommen will ich Dir berichten. Ich lebe doch unten sehr billig mit. An Garderobe brauche ich nichts, da ich noch auf Jahre versorgt bin. Stiefel kaufte ich noch, so bleibt nur gelegentliches Sohlen. Das Schlimmste ist die zu erwartende neue Mietssteigerung. - Helene Renate Lang ist mit einem Verlagsbuchhändler verheiratet. Sie sah hier Abzüge meiner Zeichnungen u. hat auf meinen Wunsch erkundet, daß ein Zeichner in Stuttgart schon vor längerer Zeit für 40 derartige Zeichnungen 200000 M erhielt, während ich zuletzt für 1 Zeichnung noch nicht
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| 2000 hatte. Ich habe also Dr. Gans erklärt, daß ich diesmal 500 für die Stunde berechnen werde. Ich habe dann für 100 Zeichnungen im ganzen noch nicht 80 000 M bekommen. - Aber ich werde mich dann in Zukunft immer in der Höhe des Brotpreises halten. Dr. Gans war so bereitwillig, daß ich sicher bin, er weiß, wie billig er mir mir daran war. - Also nicht wahr, Du bist beruhigt über meine Finanzen? - Gerade als Du vom Vermieten schriebst, hatte ich selbst den Gedanken mal wieder erwogen. Aber so einfach ist die Sache nicht, da man doch sehr nah aufeinander sitzt u. da meine Möbel dann z. T. umgestellt werden müssen. Ich würde es nur wagen, wenn mir jemand als ganz zuverlässig persönlich empfohlen wäre. Denn man bekommt leicht mehr verdorben als man Nutzen hat. Gleich am Tage als Dein Brief eintraf, knüpfte ich also eine Verhandlung mit dem
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| Schützling der Paula Seitz an, die ein Zimmer suchte. Sie kann nun aber den Sommer noch wohnen bleiben. Auch eine Bekannte von Adele Henning hat inzwischen Unterkunft gefunden. Da beide nicht sehr zahlbar sind, ist es vielleicht ganz gut. Immerhin werde ich natürlich die Sache im Auge behalten. - -
Sehr traurige Nachrichten bekam ich diese Woche von Onkel Hermann. Sein Sohn Richard, der im Westerwald als Fürsorgearzt tätig war, ist ganz rasch an Hirnhautentzündung gestorben. Er hatte erst nach dem Kriege (zum zweitenmal) geheiratet u. lebte sehr glücklich mit Frau u. Töchterchen. Und gleichzeitig schrieb Onkel, daß er sonst an jenem 10. Februar dem armen Gotthard Schwidtal das letzte Geleit gegeben hätte. Ich fürchte sehr, daß hier ein freiwilliges Scheiden aus dem Leben vorliegt. Die Familie neigt doch zu Nervenstörungen u. es scheint, daß es mit seinem
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| Beruf nicht gehen sein wollte. Er war durch den Krieg mitten aus dem Examen gerissen u. hatte es dadurch recht schwer. Nun mache ich mir Gedanken, ob man nicht versäumte, ihm helfend beizustehen. Denn er war ein ernster, fleißiger Mensch - - Aber vielleicht ist ja meine Vermutung irrig.
Du kannst Dir denken, wie sehr ich mit dem armen Onkel fühle, der nun diesen neuen, schweren Kummer hat. Und immer muß der alte Mann noch überall einspringen u. helfen, wo andre ein sorgloses, bequemes Alter haben. Freilich, heute wird das ja nicht vielen mehr zuteil. - Morgen wird Onkel 75 Jahre. –
Aber es ist schon sehr spät. Darum gute Nacht für heute, mein liebster Einziger. - Denke immer daran, Dich gesund zu halten - u. laß mich bald hören, wie Du Dir die Ferien denkst, auf die Du mich zu <Kopf> Weihnachten vertröstet hast.
<li. Rand> Viel liebe Grüße, mein Herz, von Deiner Käthe.
[li. Rand S. 9] Ob das Kärtchen noch rechtzeitig kommt? Ich wußte leider keine Adresse, <Fuß> kann mich nicht einmal auf den Namen besinnen.