Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Februar 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.II.23.
Mein liebstes Herz.
Da konnte es einem ja himmelangst werden über allem, was Du Ärmster wieder durchmachen mußtest. Es ist schrecklich, daß man sich selbst in solchen Tagen der Bedrängnis nicht mehr erreichen kann! Ist denn wenigstens die Zahngeschichte nun ausgeheilt? Rösel sagte damals gleich, der Knochen sei eitrig angegriffen, aber das werde ausheilen, wenn der Zahn weg sei. Weißt Du, sie konnte doch des Blutens wegen nicht viel dran rühren. - Dein lieber Brief kam schon am Freitag, aber brav wie ich bin, habe ich ihn ungelesen mit mir herumgetragen bis Sonnabend abends. Da habe ich mir dann meine ganz persönliche Geburtstagsfeier mit Deinem lieben Bild u. Deinen lieben Worten gemacht. Habe Dank, mein geliebtes Leben, für alles was Du mir gibst in Deiner Treue, die mir Lebensodem ist. Kein äußeres Schicksal kann mich berühren, denn all mein Leben ruht in Dir. Und so gehen wir mit Zuversicht in das neue Jahr vereint in tiefster Seele, u. stark zu kämpfen u. zu tragen. - Ich fühle trotz aller physischen Leiden der letzten Wochen aus Deinen Zeilen eine Schwungkraft, die mich glücklich macht. Die große Wirksamkeit, die Du beherrschend ausübst, trägt zugleich Dein ganzes Sein u. mit Stolz fühle ich den Pulsschlag des geistigen Lebens, das durch Dich flutet. Möchte Deutschland fähig sein, zu seinem starken, kulturellen Leben neue Formen u. eine feste, politische Hülle zu finden. Denn ich kann nicht zweifeln, daß diese Wertmächte, die sich im deutschen Wesen mit erneuter Kraft regen, schließlich doch den Sieg davon tragen über alle fremde Brutalität u. Willkür. Denn geistige Einheit läßt sich nicht rauben u. nicht zerstören. Daß diese Einheit wachse u. frei werde, dafür bist Du, mein Lieb, der goldene Vegetationspunkt. -
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| Ich freue mich, daß Du Dich ausdrücklich zum protestantischen Deutschland bekennst. Denn meinem Gefühl entspricht das allein. Mag der Katholizismus für die Massenerziehung Vorzügliches leisten, es bleibt eine Zwangsanstalt. –
- Am Sonntag waren Hanna u. Adele bei uns zum Kaffee. Sonst bekam ich nur brieflichen Besuch. So schickte mir z. B. Aenne die Bilder der 3 Töchter zur Ansicht, was mich sehr freute. - - Auch ein blauer Brief von der Bank kam in den Tagen u. wenn ich das in Briefpapier anlege, dann haben wir beide wohl zeitlebens genug! Habe Dank Du lieber Verschwender. - Wenn Springer Schwierigkeiten gemacht hätte, würde ich Dich um Deine Vermittlung gebeten haben. Aber er meldet heute sein Einverständnis mit 600 M für die Stunde u. überweist 54000 - - So bin ich also gut versorgt. Immerhin halte ich es aber doch für günstig, zu vermieten. Nur möchte ich keinesfalls eine offizielle Stelle beauftragen, sondern denke besser, eine Empfehlung unter der Hand zu bekommen! Man verliert heutzutage sonst sehr leicht das Bestimmungsrecht u. wenn man sich auf der Universität meldet, laufen einem die Suchenden das Haus ein. - Wenn eine Deutsche gut zahlt, ist sie mir natürlich lieber als die Ausländerin u. es gibt doch auch solche. Mindestpreis wäre im Monat 2000 M.
- Denke nur, wie merkwürdig: Onkel schreibt, daß seine Schwiegertochter Rosel (auch eine Frau Dr. Hadlich) sogleich nach Partenkirchen gefahren ist, wo sich ihr Gelegenheit zu einer gesicherten Existenz für ihr Töchterchen u. sich bieten soll. Er erklärt sich nicht näher. Aber ich dachte gleich, ob wohl eventuell Frau Witting auch der armen Witwe helfen kann. Ich denke bald Genaueres zu erfahren. - Daß Du nach Partenkirchen möchtest,
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| finde ich sehr begreiflich. Aber freilich - ganz ohne Heidelberg geht es doch wohl nicht? Denn der Gedanke ist naheliegend: wer weiß, wie lange es uns noch erhalten bleibt. Wir sind doch verwünscht nahe an der Grenze. - Der Umzug kann möglicherweise erst zu Pfingsten sein, wie Susanne in ihrem sehr lieben Briefe schreibt - u. so lange kann ich doch wohl nicht warten. Also überlege mal am 10.III. Prenzlau, dann Swinemünde, dann Bremen u. von da direkt hierher, über Ostern hier u. dann Partenkirchen bis zum 15.IV - Was meinst Du? - Vor dem Umzug wäre es gut, wenn ich schon ein Weilchen da wäre, um vorzubereiten: Vorhänge nähen u.s.w. Auch möchte ich auf Hin- oder Rückreise Halle u. Cassel berühren. Der Onkel ist so alt, auch sähe ich gern meine Cousine noch einmal u. dann bei Schwidtals! Es scheint wirklich, als ob mein Argwohn recht behielte. Der arme Gotthard. Warum hat er nie mit uns Fühlung gesucht. Du hättest ihm gewiß raten u. helfen können! Du hast schon so vielen Fremden geholfen u. er war ein so tüchtiger, ernster Mensch. –
Du hast wohl recht, daß diesmal viel trübe Klänge aus den Nachrichten zum 25. kamen. Am schmerzlichsten aber war mir, Dich so geplagt zu wissen. Es ist nur gut, daß wenigstens keine schwere Krankheit in Dir steckte, u. daß Benary die Organe gesund fand. Das beruhigt mich etwas. - Macht denn das Dekanat andauernd so viel Mühe, oder wird das besser nun Du alles gut im Gange hast? - Heute, am 27. ist nun endlich die Probevorlesung von meinem Schwager Carl. Ich bin recht froh, daß er nun doch das Ziel seiner redlichen Mühe erreicht hat. Hoffentlich glückts ihm auch weiter. Meine Schwester schreibt, daß sie leidlich durchkommen,
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| aber der Brief der Großmutter ist recht wehmütig.
Die Nachricht von dem Russen in Partenkirchen ist im Verein mit der Rede von Trotzki über das Abflauen des deutschen Kommunismus u. dem wieder erwachenden Nationalismus recht beunruhigend. Da dürften wir wohl mit Friedrich d. Gr. sagen: Gott schütze uns vor unsern Freunden! Aber ob die Franzosen durch Verhandlungen hinaus zu bringen wären, ist doch wohl mehr als fraglich. - In Bayern ist man wohl immer recht kriegerisch. Und bei den National-Sozialen spürt man deutlich den schrecklichen Arnold Ruge! –
Was schrieb denn Keyserlingk? Öffentlich oder persönlich? Fertige den Impresario der Kultur nur recht kühl ab.
Und nun, mein Lieber, Einziger, Goldener - noch etwas. Morgen geht an Deine Adresse ein Packet mit den beiden elektrischen Lampen aus Cassel: einer Hänge- u. einer Stehlampe. Ich versiegele es nicht, schicke aber mit Wertangabe 20000 M. Bitte, genau zu prüfen, ob es unversehrt ist.* [li. Rand] * Zu Händen von Frau Ewert - Du hast doch sicher elektrische Zuleitung in der neuen Wohnung. Laß Dir ja auch einen Steck-kontakt im Arbeitszimmer machen für die Stehlampe. Ich habe keine Verwendung u. sollte ich je in die Lage kommen, werden wir schon handelseinig. –
Und nun Gutenacht. Schlafe wohl u. bleibe mir gesund. Ich grüße Dich viel tausendmal. In aller Innigkeit
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Wenn Du je krank sein solltest, so laß mich unbedingt kommen!