Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./14. März 1923 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 13. März 1923.
Mein liebes Herz, siehst Du, das sind die neuen Briefbogen, die Du mir geschenkt hast. Also wie kannst Du sagen, Du habest nichts für mich gehabt? Aber was ist das nur für eine endlose Plage mit Deinen Zähnen? Bildet sich da immer von neuem Eiter? Hoffentlich behandelt L. sachgemäß. Es mißfällt mir eigentlich, daß er Rösel so verdächtigte. Denn solche Entzündung kann doch jederzeit entstehen. Dein Brief gab mir viel zu denken u. doch kommt man ja damit eigentlich nicht vorwärts u. es wäre sehr zu wünschen, daß man alles einmal ausführlich besprechen könnte. Freilich sind ja alle Pläne jetzt immer sehr ungewiß, denn es ist eine Zeit unliebsamer Überraschungen. Daß aber der Weg von Bremen hierher - die direkte Linie: Hannover, Cassel, Hanau, oder Frankfurt (über Gießen) - durchs Ruhrgebiet führen soll, leuchtet mir nicht ein. Für alle Fälle habe ich mich auch nach den Zügen durch den Odenwald erkundigt u. es heißt: Berlin, Anh. B. ab: 7.35 Hanau an 4.36 ab: 4.38 Eberbach 7.54 (Schnellzug) hier an 9.5 oder Hanau ab 7.22 [unter Eberbach] " 10.12 hier 11.16
- Laß doch auf alle Fälle Walter wissen, wann Du dort durchkommst, ganz besonders wenn Du 3 Stunden Aufenthalt hättest. Seine Adresse ist Wilhelmstr.1.
Ferner heißt es: H. ab 6.26 München 1.30 - ab 2.38 Partk. 6.28. - oder mit dem gleichen Zuge von Augsburg weiter 1.45 ebenfalls an 6.28. - -
Es ist mir eigentlich in fünferlei Hinsicht unlieb, daß Du jetzt die Ferienzeit mit lauter Vortragsreisen in den naßkalten Norden zubringst. Wenn heiße Wünsche
[2]
| Wolken vertreiben könnten, dann hättest Du trotz allem gutes Wetter gehabt. Ich beobachtete den Himmel schon die ganze Woche u. gab mich zeitweise trügerischen Hoffnungen hin. Aber schließlich lag am Tag von Swinemünde auch hier frühmorgens der Schnee am Gaisberg bis herunter zu Siebenlinden. Du hättest diesen Ausflug mit Prenzlau auf die Pfingstferien schieben sollen u. lieber, wie ich Dich bat, möglichst rasch hierher kommen. Denn wer weiß, ob es jetzt nicht noch gestört wird. Immerhin wird ja meist der Verkehr nicht völlig unterbrochen, nur erschwert.
Ist es nun ratsam, wirklich nach den 3 Tagen in Bremen wirklich nochmals über Berlin zu fahren? Kommt es bei der Abwesenheit von 2½ Woche auf die 3 Tage mehr so an? Aber vielleicht ist Dirs beruhigender. Und von Bremen kämst Du wohl nicht in 1 Tage durch.
Der Gedanke, daß Hermann nach Wilmersdorf kommen könnte, ist für meinen Egoismus natürlich sehr erwünscht. Aber wenn ich an die Kinder denke, möchte ich doch mehr noch hoffen, daß sie in dem ländlichen Stolp heranwachsen u. nicht in der üblen Großstadt.
- Nun warst Du also doch nicht am 12. in Swinemünde! Ich will nur hoffen, daß die Wassertour meinem leichsinnigen Huhn nicht geschadet hat. Zu schade, daß dieser lange gehegte Wunsch nicht günstiger erfüllt wurde.

Forts. am 14. - Es ist ein eintöniges Leben hier u. immer, wenn ein Wiedersehen in Aussicht ist, will das Schreiben nicht mehr gehen. Gestern abend schlief ich drüber ein u. auch heute ist es schon spät. Wir hatten Besuch von Hedwig Mathy, Frl. Gahs u. Herbig, wobei sich ein lebhafter politischer Disput entwickelte: Demokratie contra deutsch-national. Ich schnitt die Debatte ab mit Deiner Rede, mein Lieb, was die Gemüter beruhigte u. erhob. Wie ich diese Rede liebe, Du mein Einziger, u. wie froh ich bin, sie vielen Menschen mitzuteilen! Sie ist voll echter deutscher Kraft. - Nun komm, sobald Du kannst. Ich sehne <li. Rand> mich sehr danach. Daß Du meinen Vorschlag wegen des Schrankes ablehnst, ist mir wirklich schmerzlich. Denn ich bin <Kopf> überzeugt, daß er nun eben verloren ist, u. ich hätte ihn gern <li. Rand S. 1> in Sicherheit gebracht. Im Kriegsfalle ist doch hier alles preisgegeben. Aenne hat übrigens schon <Fuß S. 1> zweimal nachts den Ton feindlicher Flieger gehört. Sie üben wohl einstweilen.
<Kopf S. 1> Am 12. März starb die Schwester von Aenne in Schlesien. Sie hatte viel auszuhalten, war aber bis zuletzt hoffnungsvoll. Du brauchst Aenne nicht extra zu schreiben, sie weiß, daß Du Anteil nimmst. Für heute nimm mit diesem Wisch vorlieb, der Dir noch viele, viele innige Grüße bringt. Innig u. treu Deine Käthe.