Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. April 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. April 1923.
Mein geliebtes Leben. Ich beginne den Tag mit einem "guten Morgen" für Dich u. hoffe, daß Du wohlbehalten u. ausgeruht in Partenkirchen erwacht bist. Als ich vom Bahnhof heimkam, habe ich erst an gewohnter Stätte noch eine Weile geschlafen, u. dann wenigstens oberflächlich wieder Ordnung hergestellt, die wir ja ziemlich verwüstet hatten. Kalt war mir garnicht u. sogar in der Klinik, wo ich dann im ungeheizten Zimmer ziemlich fröstelte, habe ich mir nichts geholt. Eine neue Bestätigung meiner Theorie, daß Erkältung nur ein vorhandenes Übel zum Gedeihen bringt. - Aber die Nerven wollen noch nicht wieder. Du kennst das ja auch, wie sie bei raschem Klimawechsel versagen u. das ist nun einmal für mich allzu groß, wenn du fortgehst. Nur mit energischer Arbeit, vor- u. nachmittags habe ich die Erschöpfung überwunden, u. mich wieder in den grauen Alltag hinein gefunden. Wie gut, daß bei dem Zeichnen meine Gedanken wandern können u. so sind sie halt mir Dir gereist. Denn Du kannst mir glauben, ich bin hier genau so allein, wie Du in Berlin. Vielleicht empfindet man das weniger, wenn man es nicht anders kennt, aber bei mir gibt es nun einmal nur dies: alles oder nichts. Und das kann man nicht wollen. - Bist Du mir auch nicht verhungert unterwegs? Du bist immer so gegen Belastung mit Gepäck, daß ich wohl ängstlicherweise garnicht genug eingepackt habe. - Das scheinbar schlechte Wetter hat nicht angehalten, nur ist es etwas bewölkter als vordem u. regnet hie u. da ein wenig. Aber meist ist es sonnig u. das wird es hoffentlich auch bei Dir sein. Ich bin so begierig zu hören, ob Littmann bei Felizitas einiges geistige Interesse zu wecken versteht, oder ob Frau Witting da ein Reis
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| aufpfropfen möchte, das nicht anwächst. - Laß es Dir wohl sein im Freundeskreise u. quäle Dich nicht mit Arbeitsgedanken, wenn man Dir keine Zeit dazu läßt. So nütze die Tage dann zu freier Erholung, sonst hast Du weder das eine noch das andre. - Es kommt ja Deinem Wirken doppelt zugute, wenn Du frisch bist. Unaufhörlich klingt in mir das schöne Gleichnis nach von dem Herzen, das nicht aufhören darf zu schlagen, wenn nicht der ganze Strom des Lebens unterbrochen sein soll. Aber zur Zeit des Schlummers schlägt es leiser u. sammelt neue Kraft. Ich lausche auf das Pochen dieses Herzens bis zur Selbstvergessenheit u. fühle Deine Gedanken, Dein Sein auch ohne Worte. - Sehr schmerzlich war es mir, daß äußerlich diesmal in die kurze Zeit des Beisammenseins solch unerwünschte Störung kommen mußte. Die Störenfriede selbst scheinen ähnlich empfunden zu haben, denn bisher kam noch keine Nachricht von ihnen. Damit aber der Seltenleer seinen Namen nicht umsonst führt, kam gestern mal wieder Dr. Winter. Er war über Ostern mit seiner Familie (5 Mann hoch) in Zwingenberg an der Bergstraße, sehr gut verpflegt für 2000 M die Person. Ist das nicht, um neidisch zu werden? - Eigentlich bereue ich es nachträglich, daß wir nicht nach der Odenwaldschule kamen. Nach dem, was Du mir im Anschluß an die Denkschrift sagtest, habe ich so eine unbestimmte Vorstellung, als ob der Boden für Deine neuen Gedanken weniger in den Typen regulärer Ausbildung zu suchen wäre, sondern mehr unter denen, die eigne Wege gehen möchten. So ist es doch auch bei der Kultur der Pflanzen, daß man erfolgreiche Züchtung nur bei den Exemplaren erzielt, die von der Regel abweichen. Es war eben
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| zu allem diesmal garzu wenig Zeit. Und doch, mein Einziger, Goldener, bin ich so dankbar für diese wenigen, glücklichen Tage. - Umso krasser sticht davon der Inhalt der Zeitung ab. Für mich ist dieser Hexenkessel "Politik" eben doch etwas Grauenhaftes, aller wahren Menschlichkeit fremd. Die Pfälzer drüben scheinen recht schwarz zu sehen u. die Fabrik ist nur noch sehr wenig mit Kohlen versorgt. Überall tritt die Unterstützung der Regierung ein. Aber wie lange wird das bedruckte Papier noch etwas gelten? Dr. Behrenbach will wissen, daß Cigarren bald um das zehnfache steigen werden. Infolgedessen versuchte ich, noch einmal Deine Marke bei Lindau u. Winterfeldt zu holen, bekam aber nur 22. Man hofft, die Sorte wieder zu bekommen u. erwartet keine Preissteigerung. Der Mann empfahl aber noch eine andre zu 225, die von der gleichen Firma u. in gleicher Geschmacksrichtung sei. Soll ich davon besorgen oder bekommst Du es dort ebenso?
Der Wertbrief ist besorgt, aber ich mußte außer den 3 Siegeln noch 4 auf die Ecken machen. Solch Unsinn bei dem teuren Siegellack! - Sehr verstimmt hat mich der erneute Zusammenschluß der freien Gewerkschaften "zum Schutze der Republik", u. ein Artikel in gehässigen Ausdrücken gegen Ludendorff u.Severing, der in den Worten gipfelte: sie sind eben Preußen! Eine traurige Bestätigung Deiner Worte von der erneuten Spaltung. Werden wir denn niemals klug werden? Wie groß muß das Unheil denn erst werden, bis das Volk sich zu neuem Leben sammelt? Die Zeitmaße der Geschichte sind garzu langatmig für den einzelnen Menschen. Trotzdem kann ich nicht von der Gewißheit lassen, die Deine schöne Rede atmet. Sie ist so ganz deutsch, echt u. treu. - Wie mögen die Eindrücke sein,
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| die Du dort aufnimmst? Denn - mögen wir es gestehen oder nicht, wir leben doch mit jeder Faser in der deutschen Sache. Und meine Gewißheit, die habe ich von dem liebsten Herzen, durch das der Lebensstrom unsrer geistigen Erneuerung flutet. Das Leben in seiner Einheit u. seiner Fülle zu fassen an jedem einzelnen Punkt, nicht mechanisches Wissen sondern organisches Verstehen zu bilden - so erscheint mir das, was ich als den Vegetationspunkt Deiner neuen Ideen bezeichnen möchte. Daß das Leben einen Sinn habe, wenn wir es sinnvoll, sinnbildend erfassen, das liegt als geheime Kraft Deinem Wollen zu Grunde. So strebt das Geistige aus der Zersplitterung zum Ganzen, u. darin sehe ich den geistigen Ansatzpunkt dafür, daß wir auch als Nation wieder aus der Zerrissenheit herausfinden werden. - - - -
Frl. v. Hofmann hat 3 Wochen Urlaub. Dr. Packheiser, Badearzt in spe, macht mir Conkurrenz u. zeichnet - den Oberarzt habe ich nur im Fluge gesehen. – Aenne ist außer sich über die Verliederung ihrer Wirtschaft, der sie in Emmas Abwesenheit auf die Spur kommt. Um ihr etwas abzunehmen, habe ich heute das Wohnzimmer rein gemacht. Das ist natürlich gründlicher, als wenn ich wie hier oben von wichtigeren Dingen dabei abgelenkt werde! - Als ich gestern nach 10 Uhr zur Klinik ging, wurde ich wie immer abgefangen: "Hast Du bis jetzt geschlafen? Was hast Du denn getan? Hast Du in Erinnerung geschwelgt? Das ist natürlich das Schönste –" Ach, warum muß das sein! Du weißt, wie mir solche Geschmacklosigkeiten zuwider sind! - Soll ich Dir auch noch von Hirschhorn erzählen? 1236 wird es zuerst erwähnt u. ist bis 1632 in Besitz der Edlen v. Hirschhorn, deren Bedeutendster Hans V. ist, der fromm u. gelehrt Hofrichter u. Rechtsbeistand vieler Städte war. Er baute 1406 <Kopf> die Karmeliterkirche mit Kloster (erstere 1840 innerlich sehr zerstört), aber jetzt erneuert. Damals war Zwingenberg den Hirschhornern lehnspflichtig, später umgekehrt u. 1632 fiel die Burg u. Stadt an Mainz 1803 an Hessen.
<Kopf S. 3> So -, nun will ich wieder zum Zeichnen gehen u. diesen Brief zur Post bringen, damit Du ihn Montag hast. Es wird Dir zwar in Partenkirchen nicht an Gesellschaft fehlen, aber ich möchte doch auch dabei sein. Es war mir so leid, daß Du zuweilen meine Nachrichten spärlich fandest. Hättest Du alle Gedankenbriefe bekommen, es wären <li. Rand S. 3> Dir zu viel gewesen!
<Kopf S. 2> Nun erhole Dich noch recht gut, so schnell es irgend geht. Und ich tröste mich mit der Aussicht auf den Mai, in dem ich hoffen darf, Dir zu helfen.- Grüße Frau Witting. -
Lebewohl, mein Lieb. In alle Ewigkeit
Deine Käthe.

[Kopf S. 1] Der Mittelstandsverkauf hatte gestern die 1. Sitzung. Man möchte meine "bewährte Kraft" nicht entbehren. Aber ich kann keinesfalls reden, falls ich noch hier bin, muß ich zeichnen.