Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./13./14. April 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. April 1923.
Mein geliebtes Herz. Es ist spät abends u. ich bleibe auf, um Aenne das Warten auf Winters zu ersparen, die gegen 12 Uhr aus dem Theater kommen. Die Glücklichen genießen eine Aufführung der Meistersinger! Aber dadurch habe ich eine stille Zeit, um mit Dir, mein Lieb, zu plaudern - hoffentlich hast auch Du ein wenig Zeit, den Brief zu lesen. Es scheint mir eine Ewigkeit, seit Du fort bist, und die Tage mit Dir waren so kurz, viel zu schnell verflogen! Aber in mir klingen sie nach u. vor allem Deine Lehrerbildungspläne beschäftigen mich viel. Es scheint mir wie eine liebe Vorbedeutung, daß Du den kleinen Humboldt -: die Refom des Bildungswesens - mir gewidmet hast. Laß mich teilnehmen an der Reform, die durch Dich begründet wird u. die ebenso eine neue Epoche des geistigen Lebens anbahnen wird, wie die damalige. Denn es ist eine neue Stellung zum Leben, die Du vom Lehrer forderst, nicht ein kühles Wissen um die Dinge, sondern lebendiges Erfassen u. Gestalten. Möchte doch die Generation, die in dem Gefühl des sinnvollen Ineinandergreifens des gesamten Lebens heranwächst, auch wieder zu einem gesünderen Staatsbewußtsein kommen. Jetzt stehen wir noch in der Wirkung des mechanisierten Denkens, das nur das Gesetz vom Kampfe ums Dasein kennt, dem wohl die Demokratie mit ihrem Kampf aller gegen alle entspricht, - aber aus der Vertiefung in die aufbauenden Kräfte des Lebens, in ihre sinnvolle Verknüpfung, wird der Geist zu neuer Einheit, Gemeinsamkeit, Zielgewißheit heranwachsen. Aus dem Sinn für das "organische Denken" wird der Einzelne von neuem lernen, sich als ein Organ dem gesamten Leben einzufügen. - - Wir lasen vorhin wieder einige von
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| den Eckermannschen Gesprächen u. es ist seltsam, wie alles immer Beziehung gewinnt auf Dich. Schon damals klagt Goethe über die Zersplitterung des Wissens in Einzelgebiete, die dem praktischen Beruf nur störend werden. Und nur von dem Mittelpunkt des beruflichen Zieles aus wünscht er Berührung mit den einzelnen Fächern. - Und wie Du mir sprachest von der Anticipation Deiner lebenswahren Psychologie ohne direkte Erfahrung, so fordert er vom echten Dichter, daß ihm die Kenntnis der Welt angeboren sei. - So wie Dir durch wiederholtes Sehen die Berge zur "geographischen Selbstverständlichkeit" wurden, so konnte auch Goethe sich erst ruhig mit ihnen befassen, als er sie mineralogisch betrachtete. - Alles, alles empfängt seinen lebendigen Ton durch Dich! - Aber nun würde ich auch brennend gern mal wieder ein lebendiges Wort von Dir selbst bekommen. Ich wüßte gern, wie Du die Menschen dort fandest, ob Du von Susanne Nachricht hattest, ob ich wegen einer eventuellen Anstellung für mich hier sondieren soll, ob Du noch an die lieblichen Neckarberge denkst -? u. so noch vieles! Hast Du etwas über die Rosel Hadlich erfahren? –
Wie tief berührt mich auch, was Goethe von dem Glück des eignen Schaffens sagt, das immer durch die äußere Stellung in der Welt gehemmt, verhindert wird - aber ich denke, auch dafür kommt die Zeit wieder. Und ist es nicht auch ein Schaffen u. Gestalten, was man am realen Leben wirkt?! - Die Goetheschen Worte u. die erneute Beschäftigung mit "unserm" kleinen Humboldt geben mir so recht ein Gefühl davon, wie dem genialen
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| Menschen alles, was er ergreift zu bleibendem Lebenssinn, zu echter Wahrheit wird. - Sehr glücklich erscheint mir Dein Gedanke, das Gerät dafür als Beispiel zu nehmen, um es in seiner Bezogenheit zu allen Lebensgebieten darzustellen. Es gibt ja nichts an menschlicher [über der Zeile] Arbeits-Leistung, was sich nicht damit verknüpfen ließe.

Freitag. 13. April. - Da kamen gestern die Winterischen u. es war Schlafenszeit. - Es ist immer eine Gewitterneigung in der Luft, die aber meist nur in schwülen Winden u. heftigen Regengüssen zum Ausdruck kommt. Einige Tage hatten wir auch Frost, der wohl manche Blüte vernichtet hat. Aber es wird doch täglich frühlingshafter u. das Blühen will nicht enden. Heute nachmittag will ich einen Spaziergang mit Paula Seitz u. ihrer Gertrud Spröhnle machen, dafür lieber morgen 2x zeichnen. - Heute soll doch womöglich das Packet fort, damit Du es recht bald hast. Eigentlich wollte ich diesen Brief noch nach Partenkirchen schicken, aber ich fürchte, er erreicht Dich dort nicht mehr, wenn Dir nicht etwa der Pedell noch Nachurlaub gegeben hat!! - Genau eine Woche ist seit Deiner Abreise vergangen, mir scheint es wie ein Monat. Es war eben doch garzu kurz, daß Du hier warst u. noch so unendlich viel ist ungesagt u. ungelöst geblieben. - Wie in einem Vorgefühl dessen, was mir der Inhalt unsrer diesmaligen Gemeinsamkeit sein sollte, hatte ich in letzter Zeit den kleinen Humboldt wieder zur Hand genommen, um mich in Rückblick u. Ausblick jetzt mit ganz anderem Verständnis hinein zu vertiefen, als ich es damals konnte.
Wie sehr sehne ich mich danach, Dir im Mai doch einige äußere Sorgen u. Mühen abnehmen zu können. Laß es mich
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| doch ja gleich wissen, wenn Du selbst Bestimmungen über die Zeit treffen kannst. Bei Dr. Gans habe ich mich bereits für den Mai abgemeldet. Wir arbeiten dafür jetzt umso strammer. Wenn nur meine Augen etwas solider wären, ich habe doch ziemlich viel Schmerzen dran. - Schreibe mir ehrlich, wie es Dir geht. Ich hörte mit großem Bedauern, daß die Verstimmung im Vaterhaus noch immer andauerte. Aber hoffentlich hattest Du jetzt recht gute, erfreuliche Tage. - Auch auf die Anfrage wegen der Cigarren hätte ich gern eine Antwort. Dr. Behrenbach, der seit Montag in Constanz ist, will wissen, daß eine enorme Steuer auf den Tabak kommen soll. - Hier sind die Gemüter sehr erregt über den Fall Lenard - Mierendorff. Man ist empört über das Urteil. Aber ich finde, daß es nicht angeht, wenn jeder Student einen politisch mißliebigen Professor durch Aufhetzung der Arbeiter maßregeln kann, ohne bestraft zu werden. Aber zu bedauern ist, daß es nicht auch eine Handhabe gibt, Lenard wegen seines ungehörigen u. aufreizenden Benehmens damals u. vor Gericht energisch zur Rechenschaft zu ziehen. - Nachträglich höre ich aber, daß die Vorstellung gehässige Entstellung sein soll u. daß L. nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Mensch ein vorzüglicher Lehrer sein soll. Immerhin - vorbildlich war sein Benehmen nicht.

14. April. Das ist so richtig ein "Dröselbrief". Und wenn er überhaupt fort soll, muß er heute abend noch in den Kasten. Heute früh ging das Packet ab, in das ich so gern noch irgend etwas Hübsches für Dich getan hätte. Aber statt dessen mußte ein gestopftes Hemd hinein, um das Gewicht auszunützen. - Mit Paula Seitz kam es nicht zum
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| Spazierengehen, da es der Armen garnicht gut geht u. sie sich sehr ruhig halten soll. Es liegt auch zu viel auf ihr an Sorgen u. Arbeit, neben der Schule, die doch eigentlich eine volle Beschäftigung wäre. Sie erzählte von ihrer 3. Klasse, mit der sie vorschriftsmäßig ein Jahr lang griechisches Altertum getrieben habe u. die sich so durchaus unfähig dazu erwiesen hätte. Wenn man immer wieder die elementarsten Dinge einprägen müsse, dann sei ein geistiges Eindringen unmöglich. Das Publikum der Schule sei eben jetzt ein andres u. sie habe lediglich Kinder ohne jede häusliche Bildung gehabt. Sie sei überzeugt, daß sie an einem andern Stoff viel mehr mit ihnen erreicht hätte. - Heute bei Frl. Gahs - Herbig waren auch pädagogische Fragen an der Tagesordnung. Man sprach von einer Erika Cuyper (oder so) die zu keinem geordneten Beruf kommt trotz hoher Begabung, weil sie mit der Welt nicht in einen Compromiß eingehen will. (Sie ist außerdem Kommunistin u. nimmt Handtücher mit, wenn sie Logiergast ist!) Daran anschließend las Frl. Dr. aus einer Broschüre Wilh. Stählins: "Fieber u. Heil der Jugendbewegung" sehr eindringliche Worte, mit denen Du sicher auch zum großen Teil einverstanden bist. Warum gibt es nur so wenig solcher zugleich lebensvollen u. gefestigten Menschen? Der Mann wäre sicher ein Lehrer für die pädagogische Hochschule, wie man ihn besser nicht wünschen könnte. So muß er sich darauf beschränken, das wild Gewachsene nach Möglichkeit in fruchtbare Bahnen zu leiten. –
Nun soll Dich also diese Epistel in Berlin begrüßen, wo
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| Du wieder die feierliche "Spektabilität" anziehst u. Dich in den Ernst der Arbeit stürzst. Heute weint der Himmel, weil Du wieder abreisen mußt u. - weil Du mir auch nicht ein Sterbenswörtchen geschrieben hast. Denn wenn Du mich auch vorbereitet hattest, daß Du keinen Brief schreiben wolltest, so hatte ich doch mal auf eine Karte gehofft. Die unmittelbaren Eindrücke sind doch dann schon wieder weniger im Vordergrund, u. ich höre dann recht wenig. Wie anders ist doch meine Vorstellung von Deinen Lehrplan-Plänen geworden, seit ich so - ich möchte sagen: den Lebensmittelpunkt gezeigt bekam, um den sich der Stoff kristallisieren soll. Es ist so nötig, sich manchmal zu sprechen. –
Von Springer habe ich mal wieder 80 000 M zu bekommen. Eine Aussicht auf Vermieten ist noch nicht. Auch den Mittelstandsverkauf muß ich diesmal im Stich lassen. Aber selbst, wenn ich noch nicht fort wäre, müßte ich bei der Zeichnerei bleiben. –
Ich denke Dein u. meine treuen Wünsche sind bei Dir Tag u. Nacht. Reise gut u. laß mich bald hören, daß Du von der kurzen Ferienzeit doch ein wenig Erholung mitgenommen hast.
Mit den innigsten Grüßen, mein geliebtes Herz, bin ich wie immer
Deine
Käthe.