Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. April 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag. 22. April 23.
Mein einzig Lieb. Jetzt ist schon wieder eine Woche vergangen seit Deinem lieben Briefe aus der Bahn, der mich Dienstag früh erreichte. Habe Dank, daß Du mir so ausführlich schriebst, ich fürchtete fast, Du würdest keine Zeit dazu finden u. Du wirst doch begreifen, daß ich rechtes Verlangen danach hatte. Doppelt, weil auch mir unser Zusammensein viel, viel zu kurz war! Ich hatte das Gefühl, als sei ich eigentlich noch garnicht richtig dazu erwacht nach langem Winterschlaf u. - da warst Du schon wieder fort. Aber sehr froh bin ich, daß Deine Erlebnisse in Partenkirchen so rein erfreulich waren. Vielleicht war dies umso mehr der Fall, als diesmal alles so gedrängt sein mußte u. Du auch bei dem kurzen Aufenthalt Deine Zeit frei u. unbedenklich ganz den dortigen Ansprüchen widmen konntest.
Nun ist schon der Alltag wieder in seine Rechte getreten u. ich hoffe nur, daß bei der gewohnten Lebensweise auch Dein Befinden wieder ganz normal ist. Schreibe mirs ehrlich - ja? - - Mein Sonntag heute war - wie meist - recht häuslich u. nützlich. Vormittags "feierte" ich mit längerem Schlafen, dann frönte ich der Reinlichkeit in meinen Zimmern u. sah unten nach dem Rechten. Denn ich hüte eben allein das Haus. Aenne wurde telephonisch am Freitag nach Stuttgart zitiert, da Leo Vetter, wie es scheint, am Sterben ist. Freilich sehen ja Herzzustände bisweilen bedrohlicher aus, als sie sind, aber er ist doch ein recht alter Mann u. da wird er es wohl kaum noch einmal überwinden. - Am Nachmittag klebte ich dann Gummisohlen unter meine
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| Halbschuhe, u. wusch meinen Regenmantel u. drei Blusen. So war der Tag herum u. ich kann mir vorrechnen, was ich mit dieser stumpfsinnigen Arbeit verdiente. Das ist nun einmal meine kümmerliche Art, Ausgaben zu ersparen, da mir das Verdienen im großen Stil nicht glückt. (Ich berechne jetzt 1000 M für die Stunde.) Also wegen der Anstellung, (über die Du Dich niemals deutlich weder pro noch contra geäußert hattest,) habe ich mit Dr. Gans geredet. Er glaubt aber nicht, daß die Arbeit mit dem Zeichnen zu vereinen wäre. Ein Examen ist nicht erforderlich. Ich hatte erst die Rückkehr von Frl. v. H. abgewartet, um noch einmal von ihr zu hören, ob sie wirklich entschlossen ist, fortzugehen. Definitiv beschlossen ist noch nichts. Aber wenn ich ehrlich sein soll, so ist mirs lieber, das Zimmer zu vermieten, als mich so festlegen zu lassen. Denn es kommt mir vor wie ein Bruch mit meinem Lebenssinn, wenn ich nicht mehr, wie sonst, für Dich da sein dürfte, sooft Du es brauchst. Denn ich bekäme dann offiziell nur 2 Wochen im Jahr Urlaub. Kannst Du das wollen? Es schien mir nur so eine Art moralischer Verpflichtung, diese wirtschaftliche Sicherung meiner Existenz zu versuchen. Das Zeichnen wird sich voraussichtlich doch noch über ein Jahr ausdehnen u. wenn Springer entsprechend bezahlt, wie er bisher ohne Schwierigkeiten hat, so ist das doch eigentlich mehr "meine Art." Bitte, sage mir aufrichtig, ob Du anders denkst. Augenblicklich habe ich Präparate, die aus Wien geliehen
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| sind u. die der Dr. im Mai auf einem Congreß in München zurückgeben will. Ich muß also die 5-6 Zeichnungen noch fertig bringen, ehe ich reise. Hoffentlich brauchst Du mein Kommen nicht früher. Jedenfalls aber möchte ich etwa eine Woche vorher da sein, ehe umgezogen wird. Was magst Du nun in der Wohnungssache erfahren haben u. bekamst Du Nachricht vom Ministerium? - Auf dem Mittelstandsverkauf hoffe ich wieder einige überflüssige Dinge loszuschlagen u. wenn ich ordentlich Geld kriege, dann - träume ich von einem Abstecher nach Stolp. Denn sonst wird daraus doch nichts. Aber - "wir werden ja sehen"!
Meine Feuerversicherung habe ich auf 5 Mill. erhöht, Jahresprämie 5000 M - Steuer 100%.! Der Staat ist bescheiden!* [Kopf] * Ich habe auf 5 Jahre vorausbezahlt, also 1 Jahr frei. Wo kann ich sonst in 5 Jahren mit 30000 M 10000 M verdienen? Auch ein Geldgeschäft habe ich wieder gemacht: Eine Darmstädter Bankaktie (gekauft für 1500 M) verkauft für 187500 M, dafür erstanden mündelsichres Papier des Rhein, Main-Donau Kanals zu 5% im Werte von 5 Dollar ([über der Zeile] à 21 Goldmark) für 185000 M., verzinslich nach dem Dollarstand. Es wurde sehr dazu geraten u. ich denke: so Pleite - so Pleite.
Schrieb ich Dir neulich schon, daß Paula Seitz mit dem Magen nicht in Ordnung ist? Da die Schwester an Magenkrebs starb, bin ich etwas ängstlich. Aber zum Glück fühlt sie sich wieder besser. Ich traf bei ihr neulich die Tochter vom Minister v. Dusch, dem Schwager Alfred Bassermanns, u. hörte von ihr, daß der letztere in ernster Sorge um die Existenzmöglichkeit seiner Familie ist.
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| Der verwöhnte, geistig so hochstehende Mann macht jetzt Hausarbeit - Ich weiß nicht, ob sie überhaupt noch eine Bedienung haben. Die Frau, die doch lungenkrank war, kocht - so recht die krasse Mittelstandsmisere. Er sinnt vergeblich, sich einen lohnenden Verdienst mit geistiger Arbeit zu verschaffen. Wenn es doch einen Auftrag für ihn gäbe! –
Hast Du nun wirklich zum drittenmal die Blüte in diesem Jahr erlebt? Hier ist es damit nun vorbei, nur die Äpfel im Neckartal werden wohl noch in vollem Schmuck stehen. Ich komme nicht hin, höchstens abends auf die neue Brücke, was ich immer sehr liebe. Auch heute war es wieder sehr stimmungsvoll, so zwischen Licht u. Dunkel; der Mond schon als strahlende Sichel klar über dem spiegelnden Wasser, die Luft milde wie an einem Sommerabend, überall heimkehrende sonntagsfrohe Menschen, vereinzelte Lichter am dämmrigen Ufer u. unter den Bäumen schwermütiger Gesang von Männerstimmen; es war eine klare Stille in der Natur, ein ruhiges Ausklingen. Ja, wir haben es hier sehr gut.
Wie war es wohl gestern mit der Heimatkunde? Wenn ich das doch mit erleben könnte! Dazu wäre ich gewiß nicht zu dumm! Daß die "Hochschulbildung" für den Lehrer nicht in 2 Jahre gepreßt werden darf, finde ich nur natürlich. Es würde gewiß dann oberflächlich werden müssen. Und der Lehrer soll doch lernen, an jeder Stelle das ganze Leben zu fassen, u. dazu gehört ein sehr vielseitiges, gründliches Wissen.
<Kopf> Ich bin nicht zu Ende - aber das Papier ist es. Drum für heute lebewohl, mein geliebtes Herz. - Grüße alle lieben Freunde - (wie gehts Susanne?) - u. sei selbst in Liebe gegrüßt
von Deiner Käthe.