Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./27. Juli 1923 (Bahn Berlin/Heidelberg)


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Noch vor Wittenberg - 26.VII.23.
Mein Lieb, es ist so plötzlich gegangen mit der Abreise, daß ich es noch garnicht recht begreifen kann. Möchte die Trennung nur eine kurze sein, denn es ist ja doch nur ein Scheinleben ohne Dich.
Deine Rosen u. Dein lieber Brief begleiten mich, Deine Kirschen taten mir wohl gegen den Durst, der nach den Strapazen sehr groß war. Nun sehe ich hinaus in das sonnige Land - meine liebe, bescheidene Mark, mit den reifenden Kornfeldern, den geduldigen Kiefern, der blühenden Lupine, den einfachen Dörfchen, den dunklen Waldstreifen - u. fühle mich daheim. Denn für mich ists doch doppelte Heimat - als das Land meiner Kindheit u. in Dir. Sprich nicht von Blitzen u. Donnern, mein Lieb, das ist manchmal eine Erleichterung, u. es ist mir nur leid, wenn darüber die Möglichkeit einer sachlichen Verständigung zu kurz kommt, denn dann geschieht in der Regel, was Dir nicht recht ist, u. das ist mir natürlich auch nicht recht.
Wenn ich zurückblicke, so erscheint mir recht dürftig, was ich für Dich tun konnte. All der kleine Krimskram, u. doch eins weiß ich, die neuen Räume werden für Dich von meiner Liebe durchwaltet sein u. das wird sie Dir heimatlich machen. Sage der guten Frl. Wingeleit nur immer gleich Deine Wünsche, sie wird sich sicher alle Mühe geben. Und hetze sie so schnell wie möglich auf größere Einkäufe.
Ich muß Dir noch sagen: ich habe mit einem Stück Kriegskabel aus Cassel den Contakt zur kleinen neuen Lampe verlängert. Der Steckkontakt ist ein System, das mir neu ist, u. ich glaube beinah, es fehlt etwas daran. Jedenfals muß man sich in acht damit nehmen, denn in der Mitte zwischen den 2
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| Porzellanhülsen liegt der Strom in den Messingsteckern frei zu Tage. Aber man braucht ja dort die Sache nicht zu berühren. -
Ich fahre - jetzt hinter Halle, sehr angenehm. Die Fensterplätze bleiben frei u. ich rückte natürlich nach, sodaß ich jetzt sehr behaglich für die Nacht installiert bin. Eine Weile hatte ich nettes Gegenüber mit dem ich mich ein wenig unterhielt. Die Beleuchtungen waren fabelhaft, zeitweise fuhren wir durch ein Gewitter, bei dem die Sonne als dunkelroter Ball sichtbar blieb, dann wieder ein Regenbogen - kurz, der Himmel gab alles zum Besten, was er gerade aufbringen konnte.

Morgens. Es war eine ganz leidlich Fahrt auf m. schönen Eckplatz; den mir Deine bewährte Findigkeit verschaffte. Nur hättest Du ihn ein wenig polstern lassen sollen für meine müden Knochen. Die ganzen Gänge sind wieder voll Menschen, dagegen hatte ich es herrlich u. konnte viel schlafen. In Erfurt (oder vorher?) bekam ich ein Glas Bier (5000) also sehr klein) seitdem ist nichts mehr angeboten, also ein Glück, daß ich echten Kaffee bei mir hatte. Das hat über manche flaue Minute fortgeholfen. Jetzt fahren wir durch das liebe, schöne Neckartal bei strahlender Morgensonne, leider bin ich auf der Bergseite. Wie gern hätte ich Dich mitgenommen aus dem ekligen Berlin. Aber Du hast wohl gemerkt, mein Magnet ist dort geblieben! Nun kannst Du damit die Wärmeskala regulieren. Ich glaube, er wird Dir im August Spaß machen. Schraube doch den Thermo
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|meter am Schafzimmerfenster ganz links an, dann wird er am wenigsten von der Sonne beeinflußt. - (Eberbach) Nun also nur noch kurze Zeit. Wir haben Verspätung, sollten schon beinah da sein. - Gestern traf ich noch Gerdes in der Stadtbahn, der diesmal etwas gedämpft war. Offenbar werden die Kosten recht hoch. Hast Du eigentlich die Mietfrage mit ihm geregelt - zahlt er den Juni? In der Wohnung ist er jetzt, ließ sich von mir die Bodenkammer bezeichnen. Eigentlich waren es ja aber wohl 2?? -
Nein, gibt es hier hohe Berge. Ich bin es garnicht mehr gewöhnt nach dem langen Aufenthalt in der glatten Gegend. –
Heut bist Du wohl wieder zu Haus, u. ich kann Dich nicht besuchen. (Gott sei Dank hast Du "Dei Ruh". - na hoffentlich hast Du sie wenigstens u. man stört dich nicht.) Kannst Du denn das Kolleg halten, ohne daß ich dabei bin? Mir wird es sehr fehlen. –
Möchte es doch am Sonntag ohne ernste Conflikte abgehen! Ich sorge mich u. vielleicht wäre ich nun doch besser noch über den kritischen Tag dort geblieben. Wie mans macht, ists verkehrt.
Doch für jetzt einmal Schluß. Ich muß mein Bündel schnüren. Meine geliebte Spektabilität lebe wohl. Innig u. treu
Deine
Käthe.