Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Juli 1923 (Bahn Berlin/Heidelberg)


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Heidelberg. 31. Juli 1923.
Mein Einziger.
Ehe das Porto mal wieder steigt, soll das Päckchen fort. Da muß doch natürlich ein Brief mit hinein. - Du wirst Dir denken, wie ich in der Ferne mit Dir weiter lebe, u. wie ich es entbehre, nun nicht mehr täglichen Bericht bekommen zu können. Dein lieber Brief vom 23. begleitet mich, wo ich auch bin, nicht nur das Papier, - auch sein Inhalt ist beständig in meinem Herzen. Ich fühle, wie schwer diese Zeit des Losreißens u. Überwindens für Dich war. Ich fühle, wie dies endgültige, innere Freiwerden zunächst nur als ein Verlust empfunden werden kann, wie Du nur all die zerstörten Illusionen siehst. Aber ich vertraue darauf, daß sich diese tiefgehende Klärung in Dir allmälich auch das herbe Gefühl der Enttäuschung mildern wird, das jetzt allein vorherrscht u. daß Du auch wieder das Gute sehen lernst, das wie überall auch in dieser Natur lag. Du hast keinen Grund, an einer Voraussetzung Deiner Existenz zu zweifeln. Denn ich sehe die Linie auch da ununterbrochen. Das Unglück war nur der absolute Egoismus, der jene Beziehung so einseitig machte. Aber es ist auch in Dir von seinem Wesen - veredelt u. erhöht. Was dort nur Eigenwille u. Despotie war, ist bei Dir zu echter Machtentfaltung geworden. Die sprühende Beweglichkeit des Geistes, die unbeugsame Zähigkeit des Willens sind Erbstück - alles jetzt einem höheren Sinne untertan. Was Du in ihm ablehnen mußt, laß es ruhen. Er konnte nicht über sich hinaus. Und was Du entbehrt hast, laß von meiner grenzenlosen Liebe ausgleichen. Ich versteh Dich, auch wenn es "blitzt u. donnert", u. es kann in mir keinen Hauch verändern. Aber wehren muß ich mich wohl manchmal, wenn ich sehe, daß so garnichts damit erreicht wird, für Dich u. mich. Drum, mein einzig Geliebter, wollen wir uns weitertragen, mit einander, für einander, mit aller Last u. aller Liebe. Und das muß ich Dir sagen, daß ich durchaus nicht finde, daß Deine Fehler größer würden - ich bin nicht blind, obgleich ich Dich liebe. Ich verstehe Dich in Deiner Notwendigkeit u. in Deiner Notwehr, - denn die Last des Daseins ist oft garzu drückend. Aber ich darf Dir helfen - ja? Das ist mein Glück, das ist meines Lebens Sinn: nur für Dich. Du weißt, ich bin nicht abergläubisch, aber oft steigt es mir aus den Tiefen wie geheime Kräfte, die sich sinnvoll verknüpfen, - plötzlich Verbindungen u. Bezie
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|hungen tauchen aus dem Gewirr der Ereignisse auf, die alles zu einem notwendigen Ganzen zusammen schließen. Mag kommen was will, ich danke dem Schicksal, das mich zu Dir führte. Denn darin ruht meines Lebens Erfüllung.
Laß nun in den freundlichen Räumen um Dich meine Liebe mit Dir wohnen. Suche frohe Arbeitsruhe darin, wenn nun mit Semesterschluß die Jagd u. Hetzerei ein Ende nimmt. Heute wird - gerade jetzt 5 Uhr - das Colleg geschlossen u. ich sehne mich vergeblich, diese bedeutungsvolle Stunde auch mitzuerleben. Denn es wird ganz sicher eindrucksvoll, wenn Du unter den heutigen, schwülen Verhältnissen heraus die starke, gesunde Volkskraft zur Selbstbesinnung rufst.
Bleibe mir gesund u. in kritischen Tagen denke immer daran, daß Du ein kostbar unersetzlich Leben für unsres Volkes Zukunft zu hüten hast, u. - daß es mein Leben ist.
Ich grüße Dich in Liebe.
Deine Käthe.

Aenna Kn. ist leidlich wohl. Bleibt noch bis zum 10.VIII. hier. Grüße auch Frl. Wingeleit. Laß nichts im Kästchen zurück: Schild, Schrauben, Schlips -
Hast Du mit Heinrich Eggert über die Löffel verhandelt? Bitte, nimm auf jeden Fall 12 gr. u. 12 kl. - Es ist in meinem Interesse.