Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15./16. August 1923 (Heidelberg)


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<An der li. oberen Ecke befindet sich eine aufgeklebte Feder.>
Heidelberg.14. August 1923.
abends im Garten.
Mein geliebtes Herz.
Es dunkelt schon, aber zum Schreiben braucht man ja nicht allzuviel Licht, nur daß man noch die Reihe erkennen kann. Der Sommer meint es gut mit uns. Ein Tag wie der andre, klar, warm, ohne Schwüle. Ach - wärst Du hier, wie sonst! Es ist eigen, daß Du gerade in diesem Gedenkjahr so viel weniger bei mir sein willst. Aber freilich wünsche ich selbst, daß Du die so nötige Erholung in Partenkirchen findest. Denn hier ists doch nichts für Nerven. Ich empfinde das nicht mehr in dem Maße. Ich lebe aber auch so primitiv dahin, daß es ganz einerlei ist, ob ich Nerven habe. - Wie lange hatte ich doch auf Deinen lieben Brief warten müssen! Oder kam es mir nur so vor? Ich bin wohl recht ungeduldig in meiner Einsamkeit. Und dabei gehen die Tage bei ununterbrochner Arbeit rasend schnell. Jetzt bin ich nun seit Freitag allein u. nehme mir Deine liebe Mahnung zu Herzen, sehr gesundheitsgemäß zu leben. Ich koche mir nur, was ich gern mag, esse viel Obst, kaufe täglich Milch, u. habe richtige Butter. (Letztere freilich vom Rösel Hecht geschenkt, deren Mann jetzt sein Examen u. eine gute Anstellung in Mannheim hat.) –
Meine Gedanken sind bei allem, was ich tue, doch immer bei Dir. Du wirst Dir denken, daß ich die Veränderung in Dir schon länger fühlte. Daß Du davon sprichst, scheint mir das Zeichen, daß die schweigende Entwicklung nun zu einer Reife gekommen ist u. Du Dich fest auf neuem Boden fühlst. Aber sei nicht so pessimistisch, mein liebes Lieb. Du bist übermüdet, da fehlt die Spannkraft. Aber wenn man einmal den Glauben an diese Welt gewonnen hat, dann darf man sich doch durch keine Stürme daran irre machen lassen. Und vor allem ist da Deine große Macht auf die Jugend. Es kommt da ein kraftvolles Wollen empor, das von Dir einen starken ethischen Einfluß empfängt, der in dem dunklen Drängen Klarheit schafft. Und darum muß ich empfin immer wieder sagen: die geliebte Spektabilität in Ehren, u. ich weiß, wie Du das Amt
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| mit Ehren führtest - aber Du bist noch zu Höherem berufen. - Was Du von den Knoten in der Verwaltung durch Schuld der Fakultätsgötter schriebst, war nicht zu verstehen. Aber einmal muß nun doch dies Gehandel u. Gebandel ein Ende nehmen u. Du wieder frei Dir selbst leben dürfen. Das ist nicht nur Recht, das ist Pflicht. Und wenn Du nur ganz für Dich wärst, in eignem Denken - wie reich wäre dann der Tag! Laß das Getriebe des Alltags u. kehre einmal wieder ein in der Welt, die unsre Heimat ist. Da kann die "hohe Politik" nicht stören. Freilich sehen wir alle, wie die unhaltbaren Zustände zur Entscheidung drängen. Aber es wird nichts gebessert, wenn wir darüber verzweifeln. Nur aus dem Innern kommt uns die Kraft. Und Du hast so unendlich viel abzugeben. Sage nicht, daß Du für Dich selbst kleinmütig wärst. Laß diese kurzen Wochen bis zur Reise, auf die Du zu geruhigem Einleben in die neue Umgebung hofftest, nun auch wirklich Dir gehören. Es liegt nur an Deinem Entschluß. Denn Du weißt, daß auch bei den andern Dekanen, die minder gewissenhaft waren, die Sache weiterging, u. Du hast ja bewiesen, wie man es tadellos macht. Ist nicht doch etwas Ehrgeiz dabei? O, ich bin auch ehrgeizig für Dich, aber mehr noch für Deine Wirkung auf die Zukunft. –
Ich habe längst eine kleine Kerze im Laternchen brennen - kein Luftzug regt sich. Die Stimmen verklingen. Es ist schön hier, allein - mit Dir. Wie viel hätte ich an tausend kleinen Fragen des täglichen Lebens! Du schreibst kein Wort über den häuslichen Zustand. Bist Du zufrieden? Gibt es irgend etwas, was ich schicken oder tun könnte? Noch ist ja das Porto allenfalls zu bezahlen. Für Deine freundliche Überweisung tausend Dank. Sie kam sehr zur Zeit, da wir gerade Gelegenheit hatten, einem ärztlichen Konsumverein beizutreten u. vorteilhaft dort Vorräte zu kaufen. Und dann: erinnerst Du Dich an einen zerbrochnen Pfeifenkopf? Es war ein aus Meerschaum geschnittner Frauenkopf, den Du nicht aufheben wolltest. Ich zeigte ihn dem Dr., der davon
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| so begeistert war, daß er mir sofort 2 Mill. als Anzahlung bot u. den "Rest" bezahlen will, wenn er auf der Reise das Ding taxieren ließ. Also habe ich jetzt Geld. Freilich - es fliegt auch nur so fort, besonders da ich augenblicklich für den Haushalt unten auslegen muß. - Ob Heinrich E. sich endlich mal mit Dir in Verbindung setzte? Ich schrieb Dir wohl schon, daß der Herr Diktator sich weniger als Testamentsvollstrecker, wie als Zwangsvormund aufführt. Aber - einerlei. Es ist ja "nur äußerlich". Mein Dasein ist noch immer ziemlich abgejagt. Die Zustände bringen das so mit sich. Um ½ 7 beginnt mein Tag, mit aufstehen, Frühstück machen u. essen wirds gegen 8, dann muß ich unten die Fenster öffnen, im Garten gießen u. Milch holen. Um 9 etwa bin ich gern in der Klinik, falls das Kochen mich nicht noch zurück hält. Die 2 Feiertage waren doppelt beschäftigt durch Wäsche u. Reinmachen. Denn ich hatte - Deiner Weisung folgend - den Schmutz eines Vierteljahrs, der in meiner Abwesenheit anwuchs, noch übersehen, um nicht gleich in die ärgste Arbeit zu kommen. Aber länger war es unerträglich, wenn man sich daheim wohl fühlen soll. - Auf der Bank, (wo ich nur 2 Mill auf einmal bekam) war ein solcher Ansturm, daß man mir ein Loch ins Kleid riß, da ich ja sonst keine Arbeit hätte. Der Verkauf im Consum ist derart schlecht organisiert, daß ich von 4-7 Uhr damit zu tun hatte, stehend in einem Keller. Und dann schleppte ich die Sache (2x bis an die Universität) allein nach Haus, denn Emma ist ja nach Haus. Ich fühlte mich sehr an die Berliner Zeit erinnert. - Nun ich den Betrieb dort kenne, werde ich mich anders dabei benehmen, um 4 Uhr bestellen u. um 7 nur abholen. - Es wird überhaupt jetzt besser. Freilich - viel Arbeit wartet noch auf mich. Ein großer Korb Wäsche, z. T. noch von vor der Reise, soll gebügelt werden, die Strümpfe sind alle entzwei u. - sonst noch Unendliches. Aber um mich sieht es doch wieder menschlich aus.

Am 15. Fortsetzung. Gestern Abend war das Kerzenstümpfchen abgebrannt u. mir fielen die Augen zu. Heute wird es viel besser nicht sein. Weil ich die Witterung ohne Schwüle lobte, hatten wir heute ein Gewitter, das aber ziemlich charakterlos war u. darum auch keine richtige Erfrischung brachte. Ich habe heute Nachricht von Aenne gehabt, die sich in Waldeck schon sehr erholt. Am 22. etwa geht es weiter über München nach Staudach, südlich vom Chiemsee, wo der Neffe Hellmut ein vorzügliches Unterkommen besorgte. Dort wird sie mit Elisabeth Vetter bis 15. Sept. bleiben. - Von Dora Thümmel hatte ich auch eine sehr nette Karte mit zufriedenem Bericht. Danke ihr doch, wenn Du sie siehst. - Mich fragen alle Leute, ob wir wieder nach Freudenstadt gingen! Als ob sich das so ginge!
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Was hältst Du vom neuen Cabinett? Ist es ein neues Verzögern der Katastrophe - ist es eine Vermeidung? - Ich verstehe zu wenig von den Consequenzen, bin aber durch lange Erfahrung nicht zu voreiligen Hoffnungen geneigt. - Was ich aber eigentlich zu allererst im ganzen Brief hatte fragen wollen: was macht die Schulter? Hast Du die unnötige Anwandlung gleich ordentlich mit Aspirin unterdrückt? Versprich mir nur das Eine: solltest Du jemals wieder einen ernstlichen Anfall bekommen, (was aber hoffentlich nicht vorkommt) dann rufe mich, oder komm hierher, wo alles so zur geeigneten Behandlung bereit ist. –
Wie wirst Du es denn mit der Wohnung halten, während Du fortgehst? Hast Du einen männlichen Schutz für Frl. W. gefunden? Ist nicht irgend einer von Deinen Studenten geeignet?
Gestern traf ich Vater Seitz auf der Straße, der erzählte, daß es Paula jetzt ernstlich besser geht. Ich glaube, sie hatte auch eine Sepsis, wie ich damals. Er war sehr redselig u. setzte viel Hoffnung auf die Korpsstudenten als Erneuerer des Volkes, mit der üblichen Betonung des Erziehlichen beim Korpsleben, vor allem zum Führer. Da muß ich nun sagen: es ist doch nur Erziehung zur Standesdisciplin. Die Ideale der Zukunft liegen anders wo. Niemand wird in Zukunft die Masse der Jugend hinter sich haben, der nicht sozial empfindet. - Von einer Tagung des Bundes Deutscher Jugend (B.D.J.) erzählte Frl. Dr. Herbig sehr begeistert. Pfarrer Maaß ist da an der Spitze u. versteht es offenbar sehr. Auch die Resonanz in der Bevölkerung scheint stark zu sein. - Alle haben sie ihre Wimpel - ein Wald von Fahnen ist jetzt in Deutschland, wie zu lauter Festen. Werden diese Wimpel auch zu ernster Tat sammeln? Auch davon war die Rede bei der Versammlung, ein Aufruf zu sozialer Arbeit. - Dann als Aenne nach Würzburg reiste, fuhren ganze Wagen voller Jungmannschaft mit roten Wimpeln mit. Was bindet die? Unter den Klängen der Internationale rollte der Zug hinaus u. ich mußte denken, wie doch wohl das Ideal aussieht, das sich in diesen Köpfen u. Herzen bildete? Es ist gewiß nicht aus Klassenhaß geboren, sondern greift in die Welt nach eignem Glück. Und doch werden sie vielleicht eines Tages zu blinder Leidenschaft aufgehetzt werden. –
Mit großer Liebe las ich Deinen Heimatkunde-Vortrag wieder. Es ist eine so eigne Kraft u. Größe darin u. aus allem fühle ich doch immer wieder Dich in kraftvoller Reife, in ernster Treue u. Festigkeit, - Du echter Sohn unsrer märkischen Heimat. - Da ist der große Zug des Alllebens, das in seiner unendlichen Sinnverbundenheit sich bewegt u. entfaltet zu immer neuem Leben. Alles, was da
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| geschieht ist sinnvoll u. nichts kann bestehen, was wider den Sinn des Lebens ist. Und alles kommt nur darauf an, mit diesem Lebenssinn eins zu werden, sich auf die positive Seite des Lebens zu stellen, dann ist auch das Leid nur fruchtbar. Ich meine das nicht als theoretische Betrachtung, sondern als Geist der Freudigkeit, der das ganze Leben trägt. Das ist auch Frömmigkeit, Heimatgefühl im Weltzusammenhang. Die eherne Notwendigkeit meiner "naturphilosophischen" Zeit hat sich durch Dich zu sinnvoller Fügung gewandelt, gleich unabänderlich, aber nicht blind u. fühllos, sondern mir gemäß. –
Wie magst Du das verstehen, die Entwicklung von Plato zu Aristoteles? Ich würde denken eine Wendung von der Idee des Seinsollenden zu der mehr nüchternen Arbeit am Tatsächlichen. Immerhin - die Richtlinien sind gegeben! - Wie schön daß Du an dem Buch von Jäger solche Freude hast. Seine edle Persönlichkeit hat mir einen großen Eindruck gemacht. Schade, daß damals das Zusammensein so kurz war. -
Berate mal mit Herrn Turling, wie man mit dem Dekanatgeschäft nun ein Ende machen kann. Erwäge mal die Wichtigkeit der Sache ernstlich im Vergleich zu dem, was Du versäumst. Ist das wirklich so nötig? - - Du wirst denken, ich verstände das nicht. Aber ich glaube eben doch, daß Du zu viel opferst u. daß du nun wieder an Dich selber denken mußt. Du hast leider ebenso wenig wie ich das Talent, andre für dich arbeiten zu lassen.

Am 16. abends, (wieder im Garten.) Das ist ein rechtes Sammelsurium von Brief, u. Du wirst garkeine Geduld haben, ihn zu lesen. Aber da wie Dr. Gans sagt, am Montag das Porto auf 20 000 steigt, wird Dir solche Zumutung wohl nicht allzu oft gestellt werden. Wenn Du doch nur auch in der übrigen Korrespondenz eine Abnahme daduch merktest! Heute früh schickte ich ein Schreiben von J. Wezel an Dich weiter. Die dachte auch, daß wir jetzt beisammen wären. Übrigens hätte ich eine Sommerfrische garnicht nötig. Dr. G. sagte heute: "Sie haben sich aber schon sehr erholt, Sie sahen ja jämmerlich aus, wie Sie aus Berlin kamen." - Das Zeichnen geht auch ganz flott u. ich habe jetzt endlich die richtige Taxe für die Berechnung Arbeitstunden [unter der Zeile] 41 x Friedenspreis [unter der Zeile] 1,50 x ½ Index [unter der Zeile] 35 000, das gibt eine recht nette Summe, u. Du siehst, wie schofel Dr. G. bisher immer auf den Preis gedrückt hat. Er wollte immer nicht, daß ich steigerte.
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Woher kommt nur all das viele Geld? Es wird nachgerade mit den Zahlen, wie mit den Maßen der Himmelsräume. Sie übersteigen mein Vorstellungsvermögen. - Übrigens noch etwas vergaß ich zu erwähnen: mein Kollege, Herr Krämer, zeichnet gut, aber nicht besser als ich. Und persönlich ist er ein sehr netter umgänglicher, gutmütiger Mensch, gefällig u. garnicht eifersüchtig, sondern immer bereit, von seinen Erfahrungen u. kleinen Vorteilen in der Arbeit mitzuteilen. Seit Frl. v. Hofmann weg ist, herrscht allgemeines Behagen in der Klinik.
- Zwei sehr schöne Schloßbeleuchtungen waren auch wieder. Die 2. am Verfassungstage machte die Stadt von unserm Steuergeld - "circensis" - da das "panem" so knapp ist. Es war aber auch eine Menschenmenge wie noch nie u. stundenlang dauerte das Vorüberziehen der Heimkehrenden. Ich höre das alles sehr genau, da ich - o Entsetzen - alle Fenster u. Türen des Nachts aufhabe, mit Ausnahme der Flurtüre! Aber sonst ist es in der Dachwohnung nicht auszuhalten. Ich schlafe herrlich in der guten Luft u. von Rheuma keine Spur. Die Rückenschmerzen, die ich in Berlin noch hatte, sind ganz fort. Kurz, ich kann eigentlich die Sommerfrische hier recht empfehlen. -
Unser altes Zeitungsfraule begegnet mir öfter u. klagt über die Zeiten u. die Revolutionsstimmung. Sie hört halt allerlei Leute reden. Und daneben all die Vertriebenen, die ihr Heim u. ihren Besitz verlassen müssen, weil sie treu deutsch sind. Man weiß viel zu wenig davon. Der Dr. hatte eine Propagandaschrift, soll ich sie Dir mal schicken? Ich finde es ist nötig, es recht bekannt zu machen. Erinnerst Du Dich auch, was Frau Korgitsch erzählte, wie die Leute dann von den Volksgenossen noch ausgeplündert werden? –
Schreibe mir nochmal vor der neuen Erhöhung u. schreibe mir auch dann noch. Glaube mir, ich brauche das u. Du willst doch nicht, daß ich das Gefühl Deiner Nähe entbehre. -
Grüße alle: Riehls, Susanne, Frl. W., die Hausgenossen, u. wer mich von den Freunden kennt. War eigentlich Kittel bei Dir?
Ich grüße Dich von ganzem Herzen.
Deine Käthe.

[Kopf] Es ist so viel Feriensehnsucht in diesen sommerlichen Tagen!
[Kopf S. 1] Dein Brief war von der Post geschlossen!
[li. Rand S. 1] Gerade ehe ich den Brief zuklebe, kommt der Deine. Wie freut es mich, daß Du schriebst, ich hatte so <li. Rand S. 3> großes Verlangen danach. - Der Name Eggert ist unser Unstern. Mache doch Du nicht solche Umstände mit der zudringlichen Person.
[li. Rand S. 5] Und auf den Heinrich, den Zwangsvollstrecker bin ich wütend. Er soll nur den ganzen Kram behalten. Näheres bald. Und noch<Fuß S. 5>mals viel innige Liebe von D. K.