Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. August 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag, 26. August 1923.
Mein geliebtes Herz.
Diesen Sonntag heute hatte ich mir als Feiertag bestimmt, um Dir zu schreiben. Und ich war nicht einmal überrascht, als mir der Postbote früh (auf dem Wege zur Milch) Deinen lieben Brief gab. Ob nun meine Antwort auf Deine Frage noch rechtzeitig kommt, hängt davon ab, ob mir das Schreiben auf der Post abgenommen wird. Marken bekam man keine: "so große Marke habbe mer nit". - Du fehlst mir sehr, denn da jetzt alles so hübsch u. geordnet um mich ist, u. da ich so frei in Haus u. Garten schalten kann, ist es mir immer, als müßtest Du nur kommen, das mit zu genießen. - Aber es ist schon eine besondere Freude, so rasch nach einander zwei liebe Briefe zu haben u. dafür danke ich Dir. Ebenso für die angekündigten 5 Millionen, (die Du hoffentlich wirklich geschickt hast? Denn ich mußte auf der Bank wieder abheben, weil das Geld von Springer noch nicht da ist) u. für die 500 u. 5 Tausend die in Deinem Briefe lagen.
Sehr glücklich war ich über die Nachricht, daß Du jetzt wirklich zum Schreiben gekommen bist. Ich wußte es ja, daß Du jetzt das Buch schreiben mußtest, das außer Dir kein Andrer schreiben kann. Du hast das tiefe, mitfühlende Verständnis u. den klaren Blick. Du kannst auch das Zarteste so zart u. rein aussprechen, daß es nicht verletzend wird u. Dir ist all das quellende Leben eine Sehnsucht nach Glück, der Du zum Lichte helfen kannst. Mag Goldbeck Nuancen u. Möglichkeiten mehr kennen als Du - ich habe das Gefühl, bei ihm ist es nur der Reiz des Forschens, was bei Dir aus tiefer, helfender Liebe des echten Pädagogen kommt. "Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll - wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?" - - Ob Du ihm das Buch widmen sollst? Ich meine, da er die bedeutendste Persönlichkeit dieser Epoche bei Dir ist, wäre es das Richtige. Er ist geistreich, aber kein Charakter - immerhin ist es mir eine gewisse Gewähr, daß Frau Labes von ihm etwas hielt, im Gegensatz zu seinem Bruder. Und dann hast Du es ja in der Hand, ausdrücklich zu betonen, welchem Goldbeck Du das Buch widmest, zu sagen, daß es dieser u. nur dieser sei. Du kannst die Menschen um Dich nicht umschaffen, warum sollst Du das Bedeutende nicht anerkennen, wo es Dir nahe tritt? Du wirst sicher den Ausdruck dafür finden, daß die Einschränkung, die Du der Widmung geben willst, verstanden wird auch von andern, ohne für G. den Wert zu beeinträchtigen.
So, da habe ich in Geduld die Adele angehört, die mich im Garten überfiel u. habe sie mit dem Versprechen fortgeschickt, heute abend noch hinzukommen. Eigentlich recht unnötig, denn es ist jetzt erstmal alles Nötige gesagt! - Du suchst eine Cigarrenkiste? Ich weiß Dir nur folgende Plätze: das Regal auf dem Gang, (besonders unten) der Bücherschrank unten, der Ständer rechts von Deinem Schreibtisch, - in der Kammer das Regal links am Fenster hat in allen Fächern Kästchen, das schwarze Schränkchen in der Kammer. Im Keller ist nichts derartiges. Auch unter dem alten Schreibtisch sind noch Briefsachen. - Es wird doch nicht jemand durchs Fenster den Kasten als Cigarrenkiste ergriffen haben?
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In der Nachbarschaft ist ein ganz abscheuliches Klaviergedudel; das macht man jetzt auch immer alles bei offnen Fenstern. Demokratische Freiheit!
Am Freitag, als Du mir schriebst (übrigens ist der 23. der Gedenktag!) hatte ich hier am Gartentisch 3 sehr nette Leute bei mir: Hedwig Mathy, die Bildhauerin, Marie Starck, die Malerin u. Marga Jannasch, vom Kunstgewerbe. Es war ein hübscher Zusammenklang u. angenehmer Nachmittag. Dagegen gestern, wo ich den noch übrigen Kuchen verwerten wollte mit Frl. Gaß u. Herbig war es verplempert. Sie harmonieren eben nicht mit einander, Frl. Herbig ist überhaupt immer in Krakeelstimmung u. hätte Ferien nötig. –
Bei meiner Arbeit merke ich, daß ich von sachkundiger Seite doch mehr geschätzt werde als der neue College. Das tut mir natürlich gut. Dagegen habe ich einen stillen Verdacht, daß Dr. Gans hier fortstrebt u. das wäre recht peinlich, denn einen solchen Dauerauftrag bekommt man nicht so leicht wieder u. ich fürchte mein Können wird bald auch eine brotlose Kunst werden. Du sagst ja auch, die Verleger geben schon das Drucken auf. –
Ob mir die Löffel in Stargard etwas nützen werden, wollen wir abwarten. Einfacher wäre es gewesen, Du hättest Heinrich mitgeteilt, Du nähmst sie u. würdest mit mir persönlich die Bezahlung regeln. Denn es ist doch gleich, ob sie in Heinrichs oder Deinem Bankfach liegen. Du hast ja eines am Kurfürstendamm. - Mein Anteil sind sie natürlich. Vor einiger Zeit schrieb mir H. E., um die Erbschaftsregelung zu erleichtern, habe er Tante Grete bestimmt, schon jetzt Sachen zu verschenken. Es gehörte mir also bereits alles gute Glas u. Porzellan, alles Silber u. die Nähmaschine; Mieze dagegen alle Wäsche. - Die letztere hat sie auch voll übernommen. Ich dagegen habe das ganze kostbare Meißner Service, die wertvollen Rubingläser etc. zum Verkauf dort gelassen, u. vom Silber nicht einmal erfahren können, was überhaupt da ist. Auf meine kürzliche Anfrage erfuhr ich, daß die 12 gr. u. 12 kl. Löffel, von denen ich hoffte, Du würdest sie übernehmen, dem Gewicht nach die Hälfte des Bestandes seien. Ich habe also unbedingt das Verfügungsrecht darüber. Da Heinrich Eggert u. sein Bruder die letzten Jahre ganz für Tante Grete sorgten, u. ich garnichts dafür tat, kann ich natürlich nicht mit Forderungen kommen. Daß alles rechtlich zugeht, bin ich überzeugt. Aber nach einem eigenwilligen Kopf. Und ich bin nicht gewöhnt, mich wo bevormunden zu lassen. Ich lasse nicht über mich verfügen, das ist mir so selbstverständlich, daß es mich eigentlich erstaunte, wie Heinrich gelegentlich sagte, ich sei der einzige Mensch, über den er nichts vermöchte. Mieze sagte mir, die ganze Familie fürchte sich vor ihm, [über der Zeile] die Mutter hätte es auch getan. - Ich schrieb ihm dann jetzt, daß seine kurze, leicht faßliche Lehrart schuld war, daß Ihr nicht zu einer Verständigung kamt. Er solle die Löffel nur aufheben, ich behielte mir die weitere Verfügung darüber vor. Und Dich bitte ich, mein Lieb, bei etwa wiederholter Gelegenheit in meinem Interesse mit dem Rauhbär
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| etwas Geduld zu haben. Mit Ruhe bringt man ihn aus der Fassung.
- Daß Lore Reyer die Stellung jetzt aufgab, ist sehr bedauerlich. Jeder der in gesichertem Verdienst steht, sollte froh sein. Was heißt übrigens: veroesterreichern? –
Daß Du Deine Sehnsucht mit einem Teppich befriedigtest, hat mich amüsiert. Liegt er im Mittelzimmer? Aber Teller? Du hast doch so viele!
Daß Du nach Partenkirchen gehen würdest, war mir nie zweifelhaft. Du selbst wünschst es ja viel zu sehr, als daß du verzichten solltest. Und daß Frau Witting es gern will, ist doch selbstverständlich. - Was hat denn Littmann berichtet? Wohl wesentlich nichts Neues.
Ich wünsche Dir einen schönen 28. August. - Weißt Du noch damals im Schuppachtal? - Von Frau Rohn kam eine liebe Karte. Sie wünscht uns gute Ferien, war nur kurz in Zuzenhausen u. während der Zeit krank u. ist jetzt im Schwarzwald bei Verwandten auf einem Gut.
Zum 31. bin ich ganz besonders mit meinem Herzen bei Dir. Ich lebe ja überhaupt in allem, allem mit Dir. In Berlin ist das alles immer wie verschlossen, denn ich lasse es nicht in mir zu Worte kommen, weil ich Dich nicht in Anspruch nehmen will. Da kommt nur das äußre Leben in Frage. –
Aber hier ist es nicht störend – u. ist auch nichts, was mich stört. Ich finde es sogar herrlich, so ganz allein. Wenn ich Menschen haben will, kann ich sie jederzeit aufsuchen. Es sind genug da. Aber man hat selten etwas davon!
Viel treue Grüße
von
Deiner Käthe.