Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. August 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. August 1923.
Mein einziger, geliebter Freund.
Zum 31. August möchte ich Dich grüßen! Es war von je ein Feiertag für mich, wenn ich mit roten Astern oder Nelken meinem Vater zum Geburtstag Glück wünschte. Vor 33 Jahren war das zum letztenmal - u. dann hat er Dich zu mir geschickt. Welch lange Spanne diese zwei Dezennien - u. doch wie gegenwärtig ist mir jede Einzelheit unsrer ersten Begegnung. Ich erkannte Dich gleich u. schon bei jenem ersten Wandern über die Berge fiel der zündende Funke in mein Herz u. beim Abschied, wenige Tage danach fühlte ich das tief Bedeutungsvolle dieser kurzen Stunden. Und eine Stimme sagte mir: dieser Mensch geht einen gefahrvollen Weg. Ich möchte ihm helfen, daß er sicher am Abgrund hinschreitet. Sein Geist möchte den Himmel stürmen, ich will die Erdenschwere sein, die ihn am "Heimatboden" dieser Erde festhält. - Naturphilosophie nannte ich, was ich dazu mitbrachte. Es hat sich unendlich erweitert, vertieft - ich möchte sagen "vermenschlicht" durch Dich, in der Wurzel ist es dasselbe geblieben.
Zwanzig Jahre Du u. immer nur Du! - Wenn jetzt in diesen sturmbewegten Zeiten der Gedanke zuweilen näherrückt, daß dieses Daseins mal ein plötzliches Ende nehmen könnte, dann steht mir nur das Eine vor der Seele, wie reich es war!
Jetzt hast Du Deine Kräfte erprobt u. gestählt, jetzt bist Du Herr über das Leben, Gefahren in jenem früheren Sinne gibt es nicht mehr. Bin ich nun überflüssig? Oder brauchst Du noch das Herz, das mit Dir fühlt in jeder Regung, das Dir Gewißheit gibt in Deinem Wollen, in Deinem Schaffen - das ein Spiegel ist Deinem "Königsich."?
Wie eigen, daß Du gerade von Friedrich d. Gr. redest, da ich Dir doch das schöne Bild schenken wollte. Ich trenne mich schwer davon, denn ich liebe es sehr. Aber eben deshalb schenke ich es Dir gern! - Ob Du mit meinem Rat in Betreff der Widmung einverstanden warst? Mir wäre es kleinlich erschienen, aus äußeren Bedenken zu unterlassen, was aus unmittelbarem Gefühl u. sachlicher Schätzung Dir natürlich gewesen wäre. Ich meine, Du stehst zu hoch, als daß es Dir schaden könnte, auch wenn der, den Du auszeichnest, der Kritik Angriffspunkte bietet. An der Lauterkeit Deines Wesens wird deshalb niemand zweifeln können. - Ist der Brief noch rechtzeitig gekommen? Ich habe ihn am Sonntag zwischen 6 u. 7 in der Post eingeliefert, da es Marken nicht gab.
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Heute hatte ich eigentlich einen Feiertag machen wollen u. den Baum mit den Frühbirnen im Garten abernten. Aber es regnete verschiedentlich. Auch ist es besser, man wartet noch ein wenig. Hoffentlich kommt mir dann nicht ein andrer zuvor. Welch eigentümliches Wetter! Immer diese Kühle. Aenne schreibt aus Rügen von Regen u. Wind, hier ist es doch sehr häufig sonnig. Kannst Du Deine Wege in den Grunewald regelmäßig durchführen? Übrigens wußte ich nicht, daß ich damals von Paulsborn aus irgend etwas mit der Führung zu tun gehabt hätte! Ich hatte das Gefühl, daß wir uns zu sehr nach rechts hielten. Aber das ist ja wohl eine gute Tendenz. - Was ist denn wohl im Prozeß Arnold Ruge entschieden? Wir haben keine Zeitung mehr u. ich schöpfe all meine Nachrichten jetzt an der Straßenecke, wo sie angeklebt ist. –
Ich schreibe jetzt bei der teuren Petroleumlampe, denn es ist schon recht spät. Ich mußte nämlich einer Versammlung der Ärztegenossenschaft beiwohnen, u. es schwirrte um mich von Anteilscheinen, Geldentwertung, Millionen - u.s.w. Es paßte mir heute garnicht, aber man muß doch mittun, wenn man einmal dazu gehört. Die Leitung haben einige sehr eifrige u. opferwillige Herren, im allgemeinen aber ist dabei viel Durchschnittsware. Du kannst Dir denken: lauter Mediziner! Man soll 5 Millionen einzahlen, aber da mir Anna Knaps bereits etliche Millionen schuldig ist u. das Geld von Springer noch nicht kam, ist mirs im Augenblick nicht möglich. Ich habe aber 21 M. zu erwarten, also ist keine Not.
Hast Du die vermißte Cigarrenkiste gefunden? Hoffentlich entstand da kein Hindernis. Ich bin immerfort so in dem Glücksgefühl Deines erfolgreichen Schaffens. Es ist doch wie ein Wunder, daß Du das jetzt nach dem Semester noch vermagst. Es wird auch mit diesem Buche sein, wie damals Heinrich Scholz von den Lebensformen schrieb: sein höchster Wert liegt in der Persönlichkeit, die daraus spricht. Daß sich der hohe Standpunkt bei Dir mit einer so vollendeten wissenschaftlichen Durchbildung vereint, das wird Dein Werk unerreichbar machen. Ist es nicht herrlich, so aus der Fülle des Innern zu schaffen? Sorge nur, daß Deine Gesundheit standhält, u. laß Dich von Frl. W. gut verpflegen. Ich nehme merklich zu trotz starker Arbeit. Verschiebe Du das nicht nur auf die Ferien.
Im Gedenken an Montag, den 31. August 1903 grüßt Dich in Liebe
Deine Käthe.