Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. September 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. September 1923.
Mein geliebtes Herz.
Wie die Zeit eilt! Wenn Dich diese Zeilen noch vor der Reise erreichen sollen, dann werden sie spätestens wohl heute noch fort müssen. Ja - u. wohin willst Du? Du schienst noch immer unentschieden. Und doch ist ja eine tüchtige Erholung nach all dem Kräfteverbrauch so nötig. Dein lieber Brief ist mir ein deutliches Zeichen davon, denn Du weißt ja, ich lese auch zwischen den Zeilen. Habe Dank dafür u. für das sinnige Geschenk, das mir viel zu sagen hatte. Ich las es wieder u. wieder - u. obgleich ich es, ich möchte sagen: "wörtlich" noch kannte, war es mir wieder ein Neues durch ein vertieftes Verstehen. - Seit ich von Berlin fort bin, bewegen mich die Gedanken, die Du in Deinem Briefe aussprichst. Ich fühle Dein Streben nach politischem Einfluß, Dein Leiden unter der Sinnlosigkeit unsrer heutigen Zustände. Warst Du der ästhetischen Weltanschauung zu nahe geblieben? Ich meine nicht. Dein Sinn war auf Tat u. nicht auf Genuß gerichtet. Das eigentlich Politische war nicht Dein Weg. Denn wie könntest Du in die Enge einer Partei passen? Es ist nun einmal meine tiefe Überzeugung, daß ein Arbeitsfeld organisatorischer Betätigung für Dich erst da sein kann, wenn das große Unwetter, das uns zweifellos noch bevorsteht, die Luft geklärt hat. Es geht alles so langsam, denn es sind große Maße. Und wir stehen noch in einer Zeit der Vorbereitung. Der weite Einfluß, den Du als Nichtparteimann über die Menschen hast, ist solch Wachsen u. Drängen zu neuer Gestaltung. Der Geist echter Staatsgesinnung, der von Dir ausgeht, wirkt unmittelbar. Das ist Dein Königreich, dessen treuer Diener Du stets gewesen bist. Du bist nicht für dies unsichtbare Reich, u. auch ich bin überzeugt, daß reale Formen daraus entstehen müssen u. werden. Das alte Preußentum in uns wird dazu helfen, aber all unser Sehnen kann den Schritt der Entwicklung nicht überstürzen. –
Das meine ich: das Alte ist überlebt. Es ist einfach nicht einzusehen, wie es erhalten werden könnte. Und immer ist ein Gefühl in mir, daß es eine Möglichkeit geben muß, durch einen neuen Ansatzpunkt das Blödsinnige der krassen Gewaltpolitik zu überwinden. Könnten wir doch auch einmal zunächst im eignen Volke die gehässigen Gegensätze der Parteien überwinden. Wozu der Gemeinschaftsgedanke, wenn er nur die Gleichgesinnten umfaßt? Das ist der Völkerbund, der nur die alten Alliancen erneuert. Wir müssen erst so weit sein, daß alle nur dem einen Zwecke des gesamten Wohles untertan sein wollen. Ist das unmöglich? Ist es so schwer einzusehen, daß dabei
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| auch der Einzelne allein gedeiht? Der Wirbel, in dem wir treiben, ist schwindelerregend. Aber wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Und es ist doch so viel deutscher Wille in Deutschland. - Erinnerst Du Dich an den kleinen Artikel, der Dir mal vom "Tag" zurückgeschickt wurde u. den Du neulich beim Aufräumen vernichten wolltest? Er ist von einer solchen Klarheit u. Weitsicht, von einer so knappen u. kraftvollen Sprache, daß ich es garnicht verschmerzen kann, daß dieser Warnruf ganz ungehört blieb. Freilich - er wäre vielleicht auch sonst im Druck nicht gehört worden, wir wiegten uns ja in Sicherheit. - Diese kleine Arbeit bestätigt mir von neuem das Vertrauen, das ich von jeher zu der Untrüglichkeit Deines Gefühls habe, Deines Gefühl für das Organische der geistigen Zusammenhänge u. Bildungen, im Einzelnen u. im Gesamtleben. Du wirst den Moment schon fühlen, wenn Du berufen bist zu tätigem Eingreifen. Die befriedigende Dekanatsverwaltung war auch dafür eine Stufe.
Ich hätte Dir so viel heut zu schreiben, u. doch muß ich leider eilen. Vor allem hab auch Dank für die 10 Mill. - Jetzt schicke aber, bitte, nicht mehr, wenn ichs nicht ausdrücklich von Dir erbitte. Denn ich habe auf einmal Überfluß: Springer schickte kurz nacheinander [über der Zeile] Index 1 Mill. u. 1,6 30 u. 34 Mill., Heinrich Eggert 17 - sodaß ich jetzt im Geld schwimme. Ich kaufte gleich Gummisohlen u. ein Haarnetz [über der Zeile] 800 000!, was beides nötig war u. wozu ich kein Geld hatte, solange ich immer über meine Finanzen hinaus für Aenne auslegen musste; die hatte alle Sorgen abgeschüttelt u. lebte "von der Luft"! Sie hat sich dabei großartig erholt. - Dr. Gans ist nicht abtrünnig. Ich sehe selbst, daß ich es besser kann als der College. Der Dr. sagte mir: "Sie reißen das ganze Buch raus. Entzückend sind die neuen Abdrucke". Na also! - Bei der Ärztegenossenschaft habe ich mich für den Mittwoch Nachmittag verpflichtet, beim Verkauf zu helfen. - Der Augenarzt ist leider gerade verreist. Da hatte ich auch den augenblicklichen Pegelstand im Geldbeutel nutzbringend verwerten wollen. - Ich schicke Dir das corpus delicti. Ich dachte mirs gleich, daß Du es nicht glauben würdest. Aber einen Beweis, daß Du deswegen nicht besser seist, als andre, erblicke ich nicht darin. Sondern es ist mir ganz lieb, wenn Du Dich auch mal irrst. Sonst wirst Du nur garzu hochmutig u. wir kriegen Streit!! –
Seit vorgestern sind Dr. Winter u. seine Frau unten im Seltenleer u. warten, bis sie über die Rheinbrücke dürfen. Sie hatten im Seebad so schlechtes Wetter. Hier ist es schon ein wenig herbstlich, kühl u. morgens oft Nebel, aber im Grundton gut. Ich muß immer denken: wie schade drum, da Du es nicht genießt. Denn so günstig war hier das Klima selten. - Laß mich bald wissen, wo Du bist. Ich schreibe einen Dröselbrief u. schicke dann an die neue Adresse, ja? Warum hatte Dein letztes Schreiben <li. Rand> keine Unterschrift? Wollen wir die abschaffen? In treuer Liebe grüßt Dich viel tausendmal Deine Käthe.

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Mein Lieb,
Ich habe Sicherungen gekauft u. bringe eben eine zu Maiers. Die Lamellen im Steckkontakt kann ich nur nach dem altem Muster besorgen, ich wußte nicht, daß es verschiedene Nummern gibt. –
Die Theekanne, die Dir zu klein ist, behalte ich selbst u. schicke Dir von H, wo ich ohnehin allerlei zu schicken habe, die größere.
Über Lebensmittel besprach ich mich mit Frl. Wingeleit. Ob in der Kammer nicht einer der Schränke dafür eingerichtet werden könnte?* [unter der Zeile] *Wo sind dazu die Schlüssel? Die Speisekammer ist zu eng u. feucht.
Und nun laß es Dir gut gehen. Wir werden uns wohl nicht vor morgen abend sehen, falls Du mir nicht Nachricht gibst. Entweder telephonisch, oder Du hinterläßt Deine Wünsche hier, da ich gegen Abend, wenn
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| Du mit dem lästigen Ausländer verhandelst, einiges aus der Grolmanstraße hierher bringen werde.
Sei mir von Herzen gegrüßt, es wäre mir lieb, Dich vor der Abreise noch über Einiges zu sprechen!
Ich habe Dich lieb u. bin wie immer
Deine
Käthe.