Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. September 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. September 1923.
Mein einziges, liebstes Herz.
Also nun bist Du in Partenkirchen u. ich glaube, es wird doch das Richtige sein. Du brauchst doch unbedingt eine gründliche Erholung. Mit ganz besonderer Intensität war ich in diesen Tagen bei Dir. Denn es ist ein Wetter, daß einem das Herz zerspringen möchte vor Sehnsucht. Aber ich denke, auch in Partenkirchen wird es Dir wohltun u. wenn Du in milder Sonne ausruhst, dann denke immer, das sind lauter liebe Grüße von mir. Wie viel glücklicher wäre ich, wenn Du hierher gekommen wärst. Dr. Gans ist verreist, ich bin also unabhängig in meiner Arbeit, aber ich dachte mir, für Dich ist es besser dort. Nun aber wird es mir sehr schwer, daß ich in diesen Tagen nicht bei Dir sein konnte. Mein Herz, nun ist es wohl das letzte Mal, daß an der Wunde gerührt wurde u. ich denke, wir wollen auch die Erinnerung nun ruhen lassen. Eins nur möchte ich fragen: ist dies derselbe Name, von dem Du sprachest, oder hattest Du da eine irrtümliche Vermutung? Etwas Neues ist mit dem Schreiben wohl nicht bekannt geworden u. nur für die Schreiberin wird es eine Probe auf ihre herzliche Beziehung sein, wenn ihr bekannt wird, was ihr so lange verschwiegen wurde. Für Dich hat sich damit doch eigentlich nichts verändert. - Du hast genug gelitten an diesem Schatten. Jetzt laß es überwunden sein. Kann man denn garnichts heilen mit liebender Hand? Du mein Ein u. Alles, Du sollst nun nicht mehr leiden!
Und wann kommst Du her? Von allen Plänen schriebst Du mir, nur von hier nie ein Wort. Ich warte von Tag zu Tag.
Heut ist ein Sonntag von märchenhafter Schönheit u. die ganze Stadt hallt wieder vom festtäglichen Treiben. Ich sitze zwischen 6 u. 7. Uhr allein im Garten, vorher tranken wir hier zu dritt (mit dem Ehepaar Winter) Kaffee. Jetzt sind sie spazieren, u. ich gehe nachher zum alten Henning, um ihm Abendbrot herzurichten u. mit ihm zu essen. Adele ist nämlich in - Wymphen u. bat mich, ihren Gatten für Mittag u. Abend zu versorgen. Außerdem habe ich Pflaumen eingekocht, hoffe, sie sollen Dir schmecken, wenn Du kommst. Zwetschen, wie man hier sagt, gibt es unglaublich viel. Aber deswegen werden sie nicht billiger. - Am Mittwoch kommt Aenne zurück, der Dr. B. morgen abend. So füllt sich das Haus. Die Zeit allein war mir sehr lieb u. hätte ich nicht so viel noch unerledigte Arbeit, wäre ich mit meiner Lage recht zufrieden. Denn es geht mir immer noch so unverdient gut, trotz der schwierigen Verhältnisse. Und die Lebensweise so ganz nach eigner Neigung sagt mir viel mehr zu, als die so bequeme Versorgung. - Die politische Lage sieht im Augenblick nach Entspannung aus, aber ich kann nicht daran glauben. Ich fürchte, die Franzosen verhalten sich nur scheinbar weniger aggressiv, weil sie denken die neuen Verordnungen
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| ziehen die letzten Kräfte aus dem verarmten Lande u. dann haben sie es nachher umso leichter. Wollte der Himmel, ich irre mich da! Sage mal, mein Lieb, eine Gewissensfrage! Du weißt ich habe 1 Gulden u. 5 frz. (Schweizer). Muß ich die abliefern? Bei der Goldablieferung waren wir alle restlos bereit - jetzt hat man nicht das nötige Vertrauen mehr. Und doch, wie sollen wir wieder zum Gedeihen kommen, wenn alle so denken? Rate Du mir, ich tue dann, was Du für recht hältst. - Ich hatte den Notpfennig behalten wollen für den letzten Moment, vielleicht eine Möglichkeit nach Berlin zu kommen, wenn hier die Zustände kritisch werden sollten. Aber man kann auch zu viel voraus denken u. ich bin etwas fatalistisch geworden u. sorge mich eigentlich nicht. Auch über das Bankdepot wollen wir reden, wenn Du kommst. Die Rheinkreditbank soll die einzige gewesen sein, die aus Straßburg ihre Kundengelder rechtzeitig herausbrachte. Die großen D-Banken sollen es wie absichtlich verschleppt haben, sodaß alles beschlagnahmt wurde.
Wie wirst Du es nun dort finden? Ich hoffe, daß das Unerfreuliche an den Verhältnissen Dir fern bleibt u. Du recht ungestörte Wochen hast. Ob Du Dir Arbeit mitnahmst? Oder Lektüre? - Ich muß so viel der Zeit gedenken, wo Du hier die 2. Auflage der Lebensformen schriebst, u. mir des Nachmittags auf schönen Wanderungen erzähltest, was Du morgens geschafft hattest. Welch wundervolle Zeit war das!
Hast Du eigentlich einen Schutz für Deine Wohnung bestellt? Oder kann Frl. Wingeleit allein hausen? Man macht sich doch meist zu viele Bedenken. Auch hier ging alles ohne jede Schwierigkeit, obgleich doch das Haus oft ganz ohne Menschen war. - Der Ärzte-Consum scheint bereits mit Zahlungsschwierigkeiten zu kämpfen. Es war auch eine zu rapide Preissteigerung, u. die Herren sind alle keine Geschäftsleute. - Heut war ich ein richtiger Schmarotzer, mittags u. abends war ich bei Hennings u. zum Kaffee bei Winters. Dabei steht mein eignes Essen doch auch bereit. Du könntest mithalten, es ist genug! –
Der Augenarzt ist leider verreist. Nun wird die Brille immer teurer! Am Dienstag gehe ich mal wieder zum Rösel. Ich hatte mich immer vor dem gräßlichen Bohren gegruselt. Aber je länger ich warte, desto schlimmer ists nachher. –
Ich sollte diesen Zettel nicht abschicken. Aber ich habe so den Wunsch, Dir auch sichtbar nahe zu sein. Du weißt es ja, wie tief ich mitfühle, was in Dir ist. - Matthias Claudius liegt mir in diesen Tagen so im Sinn: Mich verlangt nach Dir u. Deiner - Liebe; mich verlangt nach Dir! Jetzt ist mir, als hätte ich hier in der Ferne gemerkt, daß Du mich brauchtest.
Grüße Dora Thümmel sehr herzlich. Wie geht es ihr? Und grüße auch Frau Witting. -
In Treue u. Innigkeit Deine Käthe.