Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. September 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Sept. 1923.
Mein geliebtes Herz.
Deine liebe Karte muß ich doch gleich beantworten, sonst weiß man nicht, ob Dich die Antwort noch dort erreicht. Denn die Post ist ja jetzt gerade so miserabel, wie alles in Deutschland. Von "Ew. Hochwohlgeboren" ist nämlich garkeine Rede, vielmehr habe "ich selbst" am 19. zwischen 3 u. 5 nachmittags die Karte u. das Geld an der Stempelstelle eingeliefert. Wenn Du also nochmals schreibst, schicke bitte das Objekt [über der Zeile] mit der Strafportoforderung mit, sonst bringe es ja selbst. Ich habe sofort reklamiert, man braucht aber die Karte dazu. Es hat Zeit damit bis zu Deinem Kommen. - Ja, wann wird das sein? Hier bist Du zu jeder Stunde willkommen u. weitere Umstände werden garnicht mit Dir gemacht. Ich weiß ja, Du nimmst vorlieb.
Seit einigen Tagen geht es mir auch entschieden wieder besser. Es war eine positive leichte Erkrankung, begünstigt durch starke Ermüdung u. allerlei Ärger. Jetzt ist unten wieder regelmäßiger Betrieb mit einem ganz ordentlichen Dienstmädchen. Aber geistig u. körperlich scheint Aenne der Sache doch nicht mehr recht gewachsen zu sein.
Daß Du Finanzschwierigkeiten hast, tut mir leid. So etwas beunruhigt Dich mehr als nötig. Wärst Du meinem Rat gefolgt von P. direkt hierher zu kommen u. nach Fr. nur den Abstecher zu machen, dann hättest Du an mein Conto überweisen lassen können, oder auch an m. Adresse schicken, da man auf der Bank oft nur wenig bekommt. Außerdem haben wir ja Devisen (jetzt auch noch 1 Dollar!) also können wir uns immer durchhelfen. Also, wie Du es machst - mir ists recht, u. je eher Du kommst, umso lieber ists mir. - Ich habe in diesen Tagen trotz Fieber die Arbeit nicht versäumt, um mich dann bei Deinem Hiersein etwas frei machen zu können. Mir scheint, als ob die Witterung in ganz Süddeutschland ziemlich gleichförmig war, denn der Regen u. die plötzliche Wärme war auch hier. Seit heute ist die Tendenz zum Bessern u. da wirst Du hoffentlich noch einige recht erholsame Tage dort haben. Auch was Du von der politischen Atmosphäre schreibst, trifft für hier zu. Vielleicht entnahmst Du es schon der Zeitung, daß es hier recht lebhaft zuging. Am Donnerstag wurde die Stadthalle mit Drahtverhau u. Maschinengewehren gegen kommunistische Demonstranten abgesperrt, am Freitag waren das Gewerkschaftshaus u. der Bahnhofsplatz der Schauplatz. Weil in Lörrach angeblich Reichswehr gegen die Unruhen ver
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| wendet war, wurde hier 2 ½ Tag gestreikt! Alles trieb sich auf der Straße herum, stand in Gruppen beisammen u. in unsrer Rohrbacher war es wie in einem Bienenschwarm. Begonnen hatte das Gruppenbilden unmittelbar nach der Polizeiverfügung, die jede Ansammlung u. Demonstration verbot. Nach langen Stunden mehr oder weniger lebhafter Debatten, stob mit lautem Johlen die Jugend unter 14 davon, u. nicht lange danach setzte sich auch das Übrige in Bewegung u. die halbwüchsigen Bengels, dazwischen auch Mädchen in bunten Jacken jagten davon. Immer eine halbe Straße weit vor der Schupo her, die mit Gummiknüppeln jeden bearbeiteten, der sich widersetzte oder seitlich sich verstecken wollte. Es war eine abscheuliche Scene. An der Bunsenstraße machte die Polizei Halt, säuberte rechts u. links u. ließ niemand durch. Dort wo die Elektrische hält, stand quer über die Straße die aufsäßige Bande, drohend u. schimpfend, bis die Polizei Miene machte, nachzurücken, dann verschwanden sie endgültig. So blieb es völlig menschenleer u. seltsam still bis etwa um 8, dann rückte die Schupo ab u. Gewerkschaftler mit roten Armbinden übernahmen die Ordnung. Am Sonnabend ging es damit tadellos, noch etwas erregt, aber ganz friedlich u. jetzt ist alles wie vorher. - Es war ein kleiner Versuch, vielleicht ein Vorspiel. Immerhin hatte es keinen wirklich bedrohlichen Charakter. Jetzt wird es gut gehen, solange die Führer die Zügel behalten. Wenn aber der Hunger erst wirklich kommt, dann Gnade uns! - Überall hört man, daß die Bauern nichts verkaufen, alles aufspeichern. Milch, Eier, Kartoffeln - nichts kommt in die Stadt. Und das ist nicht Mangel, das ist nur Habgier u. mangelnder Gemeinsinn. Wie soll das besser werden?
- Ich las von Schleich: Besonnte Vergangenheit - leider klingt die Eitelkeit garzu stark mit! - Dann Bab: Goethes Leben, - ein Versuch es in seiner organischen Entfaltung verständlich zu machen, jedenfalls anregend. - Doch von alledem nun bald mündlich, nicht wahr? Seit die Straßendemonstration abreagierte, scheint mir der Zustand hier für eine Weile gefestigt. Vorher war auch ganz die erwartungsvolle Schwüle. Ich hoffe also, Du sollst hier Ruhe finden u. Deine Arbeit fortsetzen können. Du wirst schon sehen, es wird Dir wohl sein im kleinen Nest!
Also Grüße an Dora Th. u. auch an Frau Witting, wenn Du meinst?
- Auf Dich wartet in treuer Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand] Man kann Geld auch telegraphisch bestellen. Springer schickte letzthin so.