Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Oktober 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Oktober 1923.
Mein Lieb.
Gestern begann ich einen Zettel an Dich zu schreiben, während ich in der Klinik auf den Doktor wartete. Aber es ist so geschmiert, daß ich es lieber nicht schicke. So will ich heute noch einmal berichten, wie ich hier weiterlebte ohne Dich. Kann man es denn "leben" nennen? Noch fühle ich es nicht so, sondern gehe umher wie betäubt, die Maschine läuft weiter, aber die Triebkraft fehlt. Wie Du es wolltest, ging ich zunächst zur Dresdener Bank, wo man mich aber auf später bestellte u. dann wirklich die 5 M auszahlte. Auf der Rheinischen bekam ich mein Depot nicht, sondern nur die 2 Mäntel der Deutschen Bank, die ich s. Z. abgeliefert hatte u. die man doch mit den übrigen Sachen hätte aufheben sollen. Immer alles ungenau u. konfus. - Am Verkehrsbüro sollte es Gasmarken geben als Verbilligung, aber der Andrang war mir zu groß u. es gab mal wieder einen Wolkenbruch. - Nach Tisch schlief ich lange u. abends ging ich um 8 ins Bett; auch heute will die Müdigkeit nicht weichen u. zu dem schlucke ich jetzt kräftig Aspirin, da mich plötzlich ein Hexenschuß überfiel, der mich tatsächlich im Moment zu Fall brachte, so unerwartet u. heftig war er. - Und Du? Wie mag es Dir ergangen sein? Mit welcher Sorge ließ ich Dich reisen u. wie verlassen bin ich ohne Dich! Aber ich konnte Dich ja nicht halten u. es ist meine Hoffnung, daß es gut für Dich sein möge, wenn Du nun die Reiseenttäuschungen hinter Dir läßt u. in der gewohnten Ordnung lebst. Die gute Susanne wird Dir an geschäftlichen Mühen abnehmen, was möglich ist. Wenn ich nur erst hörte, daß Du die Fahrt gut überstanden hast u. keinen Rückfall bekamst. Die Mattigkeit nach dem
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| Fieber kann ja nicht in zwei Tagen weichen. Aber das Bewußtsein, den geordneten Plan des Lebens festgehalten zu haben, wird Dir das Gleichgewicht der Seele geben, das zur physischen Gesundung erste Bedingung ist. So ist mein heißer Wunsch. Und dann laß im Erinnern an diese trüben Leidenstage hier doch auch ein wenig das Gefühl mitklingen, daß treue Liebe mit Dir litt. Vielleicht sogar zu sehr; denn für Dich wäre es vielleicht besser gewesen, ich hätte nicht so tief das Gequälte Deiner erschöpften Nerven mitgefühlt. Traurig aber war es mir, daß ich Dich beim besten Willen doch nicht zufriedenstellen konnte. Das aber glaube, daß ich in diesen 14 Tagen nicht eine Minute anders als für Dich verwandte, u. daß ich mindestens so darunter litt wie Du, daß die leidige Hausarbeit u. das unglückselige Einkaufen mich so viel in Anspruch nahmen. Du sahst es ja nachher selbst, wie gut es gewesen wäre, wenn ich im Consum den Kaffee zum Geschenk für Aenne hätte kaufen können. Ich tat es doch nicht um meinetwillen! –
Nun ist also wirklich das Packet aus der Schweiz gekommen, u. sein Inhalt ist friedensmäßig üppig. Doppelt aber wäre die Freude gewesen, wenn sie acht Tage früher eintraf. Dafür mußt Du mir nun aber erlauben, daß ich Dir einen kleinen Anteil davon schicke. Ich erbitte es, als Beweis Deiner Liebe, daß Du das Päckchen freundlich annimmst u. in meinem Sinne, d. h. für Dich verwendest. - Auch der Aenne habe ich ½ <altes Pfundzeichen> Kaffee abgegeben, Du mußt also
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| womöglich jetzt nichts für sie schicken. Es ist doch von uns beiden! –
Als Höhepunkte der letzten Wochen steht mir vor der Seele, was Du mir auf dem Wege zum Schloß von Deinen neuen Gedanken erzähltest u. am letzten Tage aus dem Manuskript vorlasest. Wie dankbar bin ich für diese Stunden, da wir doch sonst so ganz um den erhofften Glanz des gemeinsamen Lebens betrogen wurden. Mir kommt die Erinnerung an Dein Ex libris, das mir damals wie von selbst entstand. Der Mensch, geborgen in der Geschlossenheit einer wertbestimmten Gesetzlichkeit. Notwendigkeit, Kausalität nannte ich es damals, Auswirkung einer fremden, fühllosen Macht; Sinn u. Wert ist es mir heute, offenbart in dem Geiste echter Humanität. Ich verstehe, wie Du Schritt um Schritt auf dem Wege gesicherten Wissens eroberst, was ich gefühlsmäßig erlebte. Denn das Verstehen des Lebens kam mir aus dem Ablauf innerer Gesetzlichkeit, aus dem Bewußtwerden geistiger Notwendigkeit. Die überlieferte Religion sieht rückwärts hinein in das Dunkel der Unendlichkeit u. setzt als Triebkraft das Gebot eines schaffenden Gottes. Der forschende Denker sieht vorwärts in die Realität u. erkennt den bildenden Geist in lebendigen Formen, ebenso unendlich u. nach ewigem Gesetz schaffend. Und so führt auch das echte Wissen wieder zurück zu Gott. - Aus diesem Glauben an einen göttlichen Willen in uns muß doch auch die Gewißheit erwachsen, daß alles Weltgeschehen einen göttlichen
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| Sinn hat. Ich glaube daran, u. ich glaube an den unzerstörbaren Wert deutschen Wesens, u. an Deine Bestimmung diesem deutschen Sinn auf Erden zu neuer Bedeutung zu helfen. Darum darfst Du nicht leichtsinnig mit dem kostbaren Gut Deines Lebens umgehen, denn es würde bedeuten, daß Du an einem Wiederaufleben unsres Volkes verzweifelst. Verzweiflung aber ist "große Schande u. Laster" hat schon Luther gesagt. Darum - nicht wahr, Du tust nicht wieder Dienst, wenn Du krank bist u. sagst selbst Düsseldorf ab, wenn es notwendig sein sollte?
Wie sehr verlangt mich nach einer Nachricht von Dir. Von Frau Ewald hörte ich heute, daß sie auch gegen Abend immer Schüttelfrost bekam, genau wie Du. Was sind das nur für schauderhafte Bazillen! Übrigens wie ist es mit Deinen Schmerzen im Bein? Ist das auch bei der langen Fahrt auf harten Bänken nicht schlimmer geworden? - Ich nehme heute abend zum 3. mal 1 gr. Aspirin u. morgen früh wieder eins. So hoffe ich arbeitsfähig zu sein. Denn ich habe versprochen, um 9 wieder anzufangen. - Das Essen habe ich vorläufig unten abgesagt. - Noch etwas: das von Dir beanstandete Bild aus der Ofenecke ist fort. Es ist mir wie eine Freude u. Erleichterung, denn ich hatte es niemals gern u. [über der Zeile] es berührte mich s. Z. unangenehm, als Aenne es mir schenkte. - Was wollen wir statt dessen hinhängen? - - Kartoffeln 8 Milliarden! - Hast du schon bestellt? Zögere ja nicht, Dich umzutun.
- Für heute ade, mein geliebtes Leben. Sei mir gesund u. sei mir gut. Immer, immer Deine Käthe.