Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Oktober 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg.18. Oktober! 1923.
Mein geliebtes Herz,
wie danke ich Dir für Deinen Brief! Ich hatte ja nur auf eine Karte gerechnet, um zu erfahren, wie Deine Reise u. Dein Befinden war. Der ausführliche Bericht machte mich sehr glücklich u. ich lebte wieder auf, nachdem ich seit Deiner Abreise nur wie betäubt umher gegangen war. Und eigentlich kann ich es auch heute noch nicht fassen, daß dies nun das so sehnlich erhoffte Zusammensein wirklich war. Es war doch eine ausgesuchte Grausamkeit, wie sie in dieser Zeit des Leidens nicht auch noch nötig gewesen wäre. - Daß ich Dich so elend fortlassen mußte, ist mir besonders schwer. Von Herzen wünsche ich, daß die Eindrücke am Montag Dir den Entschluß dieser zu frühen Abreise aufgewogen haben möchten. Denn wir beide haben doch schon öfter Gelegenheit gehabt, nachträglich zu große Gewissenhaftigkeit zu bedauern. Und es muß schon etwas sehr Wertvolles sein, was den Verzicht auf die in dieser Woche mögliche Erholung rechtfertigt. Denn nicht nur in der Mark, sondern auch hier ist die herrlichste, klare, herbe Luft, Herbsttage von einzigartiger Schönheit. Gleich am Sonntag schlug das Wetter um u. jetzt ist das Barometer warm gestiegen, die Temperatur morgens 2° u. wenn die Sonne die Morgennebel besiegt hat, bleibt der Himmel in wolkenloser Bläue. Wie schön könnte das sein mit Dir!
- Gut war es, daß meine Müdigkeit am Sonnabend weitere Einkäufe verhinderte, denn der Überschuß an Monaten, den Du lieber Verschwender, hier gelassen hast, wird mit den Ausgaben für Gas u. Petroleum sehr wesentlich verbraucht werden. Noch etwas Fett u. ein paar Eier - dann ist Schluß. - In der Wohnung arbeite ich mich so allmählig wieder zur gewohnten Ordnung durch. Da ich aber 2x zum Zeichnen gehe, sind die Tage für das Persönliche nur kurz. Morgen soll nun endlich das Packet an Dich fort. Es sind so allerlei Kleinigkeiten, u. ich bitte Dich, packe es mal in einer stillen Stunde aus. - Die Cigarrenhülle habe ich flacher geformt u. hoffe so kannst Du sie doch gebrauchen. Der Rest der Schmalzküchlein kommt auch mit u. dann sehr schöne Kekse aus der Schweiz. Wenn wir die doch früher gehabt hätten! Etwas Kaffee, Thee, Kakao, Schokolade (zur Stärkung) - den Thee bitte in die Glasbüchse tun, daß er das Aroma nicht verliert. Von Aenne sollte ich Dir Gelee mitschicken, da er aber etwas schimmlig war, gebe ich Dir lieber was von
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| meinem als Ersatz. Na - u.s.w. - - -
Heute war ich auf Betreiben von Dr. Gans in der Augenklinik, wo der Oberarzt mich untersuchte u. mir Augentropfen, Umschläge u. Kalk zum Einnehmen verschrieb. Es soll mir in der Anstaltsapotheke gemacht werden, sodaß michs nichts kostet. Die Brille ist noch völlig ausreichend. - Der Geldmangel im Hause dauert an. Der Doktor hat mit den schönen Einbänden u. wohl auch mit Spekulieren sein Geld verbraucht, u. jetzt sollen nun Anzahlungen für Kartoffeln, Gas etc. gemacht werden, u. er hat nichts. Zu dumm! Natürlich mußte ich auch schon wieder aushelfen, aber das reicht ja nicht weit. - Wie ist es denn mit Deinem Gehalt u. den Nachzahlungen? Hoffentlich bekommst Du ausreichend, daß Du Dich nicht mit lästigen Bedenken plagen mußt. Der Kohlenpreis soll ja herabgesetzt werden, stand in der Zeitung. Unser altes Frauchen erzählte mir, in einem Wiener Blatt stände von vielen Unruhen in Mainz, Hannover, Meiningen Berlin - unsre Zeitungen brächten das nicht. Hier weiß man nur von Mannheim, wo es noch übel zugeht. Auch hätten die Arbeitslosen von dort in der Nähe Weinheims Mühlen gestürmt u. mehrere hundert Centner Mehl verteilt. Bei uns ist es absolut ruhig. Merkt man in Berlin etwas von Krawallen? - Wie dankbar bin ich, daß Düsseldorf ausfällt. Es war mir ein unerträglicher Gedanke, daß Du in Deiner Angegriffenheit auch das noch unternehmen wolltest. Das Schlimmste im Leben ist doch, wenn man sein Liebstes nicht vor Schädigungen schützen kann! Ist der Gerdes ein so unzuverlässiger Hallunke oder will Frl. Jakoby was erpressen? Hast Du von Gerdes keine schriftliche Abmachung, daß er alle Reparaturen übernimmt? - Ach, gib doch den Plan nicht auf, Weihnachten herzukommen. Wir wollen uns ein schönes Weihnachtslicht anzünden. "Und wenn die Welt voll Teufel wär u. wollten uns verschlingen - es muß uns doch gelingen." Bis dahin lerne ich auch Eier zu kochen u. verdiene schrecklich viel, so daß wir uns was leisten können. Und vielleicht - vielleicht ist bis dahin der Horizont ein wenig heller. Möchte es nur eine klare, rasche Entscheidung gaben, nicht immer dies schleichende Elend. - Ist das Fieber fortgeblieben? Sei nicht böse, daß ich den Brief extra schicke u. nicht im Packet. Ich habe solch Verlangen, bei Dir zu sein.
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße an Susanne, Riehls, Maiers, Frl. Wingeleit u. wer immer. - Dich aber grüße ich anders!
[Kopf] Gib doch bitte bald Nachricht über den Montag u. Dein Befinden.
[li. Rand S. 1] Mein Hexenschuß war mit 3 gr. so gut wie beseitigt. Jetzt bin ich nur noch nach längerem Sitzen am Mikroskop steif.