Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1923 (Heidelberg)


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Habe Dank, mein Lieb, für Deine Karte, die mir mit ihren vielseitigen Mitteilungen innig freute. Du weißt ja, wie sehr ich an allem teilnehme. Tust Du etwas gegen den Husten? Wie ist die Luft in dem Schlafzimmer? Müßte man das nicht eigentlich erst trocken heizen? Aber wo soll dann die Kommode stehen? – Schwach salziges, warmes Wasser (Ersatz für Emser) ist lösend u. beruhigend für den Hals. –
Daß Du Freude am einsamen Wandern hast, erfüllt mich mit Glück. Es ist mir ein Zeichen von innerer Spannkraft u. Harmonie. Du brauchst diese Ruhe in Dir um zu gestalten – u. sie wird Dir so selten. Wie dankbar bin ich, daß Du sie findest trotz der von allen Seiten drängenden Not. Ich will Dir gewiß keine weltferne Selbstgenügsamkeit predigen, aber was nützt es, sich in vergeblichen Sorgen aufzureiben? Wir erleben eine Weltkatastrophe, die in ihrer Gesetzlichkeit von übermenschlichen Ausmaßen ist u. niemand kann da raschen, entscheidenden Einfluß üben. Daß jeder sich selbst an seiner Stelle ganz einsetze, ist doch wohl das Höchste, was man fordern kann. Wäre Goethe uns mehr, wenn ihn die Not des Vaterlandes aus der Bahn geworfen hätte?
Viel Gedanken macht mir auch Dein schwankendes Verhältnis zu Susanne. Ich wollte, das Schicksal griffe da ein u. machte einen Strich, ehe die inneren Reibungen unerträglich werden. Aber ihre Anstellung in Berlin ist wohl doch eine dauernde? – Ich kann so sehr mit Dir
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| fühlen, wie der Zwiespalt in Eurer Beziehung Dich hemmt. Es ist immer eine Qual, wenn das, was uns entgegen gebracht wird, nicht aus freiem Herzen erwidert werden kann. Auch unausgesprochen wird dann die "pflichtschuldige" Neigung zum lästigen Druck, dessen wir uns erwehren. Es ist in uns ein Gefühl, wie es sein sollte, und wie es doch nicht in unsrer Macht liegt, die Beziehung zu gestalten. Denn so nahe uns der andre kommt, uns ist er doch fern, denn es klingt nicht von uns zu ihm. Deshalb leiden wir unter dem mangelnden Einklang, sind verstimmt u. ungerecht, u. können [über der Zeile] uns doch nicht frei machen. – Sieh, mein einzig Lieb, das ist so eine betrübende Lebenserfahrung, u. es ist mir immer mein stiller Wunsch, daß Du sie nicht etwa auch an mir machen möchtest. Immer höre ich mit liebendem Sinn in Dich hinein, wie Du es brauchst u. willst, nie sollst Du mich als Last empfinden müssen. Diese wunderbare Einigkeit u. Freiheit, dieser Einklang zwischen uns, den auch der leisteste Ton zum Mitschwingen bringt, ist ein Geschenk des Himmels, das man nicht erzwingen kann. Wie tief empfinde ich das Heilige der inneren Notwendigkeit, wie verstehe ich Dein So-sein-müssen immer aus der Ganzheit Deines Wesens. — Daß Deine Jugend-Psychologie "absoluter Unsinn" sei, glaubst Du wohl selbst nicht. Wie schön, daß Du so viel noch fertig stellen konntest! – Hier ist nichts Neues. Der Leseabend ist verabredet, der Hexenschuß durch Arbeit im kalten Laboratorium rückfällig. Wegen der Umwandlung der Sparkasse in 1 Bank erlebte ich <Scan abgeschnitten> <Kopf> von höchster Komik. Man braucht dann kein Theater, das ohnehin zu teuer ist. Die Abrechnung der Rhein. Cred. Bank für Juli forderte 5 Millionen, obgleich ich noch 27 Tausend Überschuß gehabt hatte. Man ließ mich sie jetzt bezahlen, sodaß sie nicht als Schuld gebucht werden. Wenn sie aber die neue Abrechnung <Kopf S. 1> entsprechend höher machen, streike ich. Die Kündigung vom 1. Okt. gilt mit sofortiger Wirkung. – Für heute ade, mein liebstes Leben. Ich schreibe auch für 100 Millionen – obs der Brief wert ist oder nicht. – / In treuer Liebe <Scan abgeschnitten>
[li. Rand S. 1] Wir sitzen heut den ganzen Tag in dicken Rheinnebeln.
[Fuß S. 1] Aenne läßt grüßen. – Aus Berlin hörte ich nichts.