Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, Oktober 1923 (Heidelberg)


[1]
|
Mein geliebtes Herz.
Im ersten Augenblick war ich ganz erschrocken, als schon wieder ein Brief von Dir im Kasten war. Aber schon als ich ihn beim Öffnen unversehends vor die Lampe hielt, sah ich im Innern den bewußten Schein durchschimmern. So ahnte ich gleich den Zusammenhang u. danke Dir viel tausendmal für Deine liebe Sorge um mich. Nur solltest Du wirklich nicht so viel schicken. Am nächsten Montag, wenn Dr. Gans, der abermals verreist ist, wiederkommt, wird an Springer eine Rechnung abgehen u. dann bekomme ich viel Geld. Bis dahin aber kann ich gut mit dem auskommen, was ich im Haus habe u. die 3 M. im ersten Brief hätten ganz ausgereicht. Meine Vorräte sind ganz vielseitig u. Dr. G. schenkte mir sogar noch einige Pfund "Patienten-Kartoffeln". – Also denke nie, ich litte Not, denn es geht mir tadellos, viel besser als ichs verdiene. Die eigne Kocherei sagt mir sehr zu u. ich mache es recht ordentlich. Am Sonntag hoffe ich Marga Jannasch zu Tisch zu haben, von der es heißt, sie wäre nie recht satt. Die Mutter ist eben keine richtige Hausfrau u. versteht nicht, zu sorgen, daß es nahrhaft ist. Adolf ist jetzt Volontär am Kaiser-Friedrich-Museum – wie das gehen soll ohne Gehalt ist mir ein Rätsel. – Denn das Steigen der Preise ist dort ja wie hier einfach unbeschreiblich. Bekommst Du denn endlich den Gehalt zur Zeit? Hier klagt jeder Einzelne über verspätete Auszahlungen. Und die Fabriken schließen eine nach der andern. Von der Anilin-Fabrik weiß Aenne, daß die Franzosen alle Edelmetall-teile von den Maschinen abmontierten u. damit viele Betriebe still legten. Es ist eine Schikane ohne Ende. Steht in Euren Zeitungen auch von der Aufregung in der Pfalz? Die Sozialdemokraten verlangten die Ablösung von Bayern: "damit
[2]
| nicht die Franzosen die Lage benutzen könnten, um separatistische Pläne durchzusetzen."!! Der Kreistag hat einstimmig, also mit den sozialistischen Stimmen den Antrag abgelehnt, aber nun setzen natürlich die Franzosen ein, die vermutlich die blöden "Genossen" nur vorgeschickt hatten. Das Mannheimer Schloß ist besetzt, General de Metz will dort den Winter zubringen. – Wie bedaure ich, daß Du zur Mitteilung der politischen Neuigkeiten keine Zeit hattest. Ich denke unablässig darüber nach, woher die Rettung kommen könnte, wie sie aussehen wird. General Mathy behauptete, Stresemann hätte die Möglichkeit gehabt mit den Rechtsparteien zu regieren, aber sie nicht benutzt. Sein Sohn, der Kapitän-Leutnant ist beim "Stahlhelm". Wie die Schwester Hedwig meint, sei man durchaus nicht aggressiv, sondern vorwiegend bereit zum Schutz der Bürgerschaft. Den Protest gegen die Aufgabe des Ruhrkampfes lasest Du wohl? – Auch die kleine Spröhnle ist stramm national u. das tut gut. Sie hatte in Bayern die besten Eindrücke. Warst Du mit den 18 jungen Deutschen zufrieden? Wie konnten sie Dich aber so ungenau über den Weg orientieren? Ich sorge mich stündlich um Dich, mein liebstes Leben, daß es noch garnicht richtig besser mit Deinem Befinden werden will. Kann man nichts tun, günstig auf die Herztätigkeit zu wirken? Wenigstens ist jetzt die Schwüle wieder vorbei. Jener Sonnabend von Alt-Landsberg war hier einfach unerträglich, das richtige Brühwetter, mehr Warmwasser als Luft. – Und dann bist Du von Spandau so weit einsame Wege gegangen? Daß Du es tatest, scheint mir ein Zeichen, daß Du es nicht als unheimlich empfandest. Und ich denke an den lieben Weg nach Hermsdorf u. an den stimmungsvollen Abend im dämmer
[3]
|rigen Tegeler Park mit dem stillen Schloß, das wie verzaubert lag u. nur durch ein erleuchtetes Fenster Leben im Innern verriet. Wie liebe ich unsre Mark! –
Seltsam sind die Vorgänge im neuen Deutschland. Es ist mir immer erstaunlich, wie verhaßt Preußen im ganzen Süden ist! Und dann auch in der Gesamtsituation: die äußerste Rechte u. die äußerste Linke in Bayern u. Sachsen unmittelbar neben einander, wie man in einem Bilde die Kontraste zusammendrängt. – Hier hörte ich Entrüstung über die Bayrische Versichrung, nichts gegen das Reich zu unternehmen, da sie sich doch losmachten. Dabei muß doch jeder verstehen, daß damit nicht die Jammerregierung, sondern das unsichtbare Deutschland gemeint ist, auf das wir hoffen u. das wir erstreben. Wohl nicht für uns, aber für die Zukunft! – Dabei ist der Luxus der Arbeiter, d. h. der jungen noch immer derselbe. Und dieser Haß zwischen den Ständen! Die Bauern liefern nichts mehr. Der Städter kann ja verhungern. Nach vielem Laufen, Verabreden, Säcke borgen bekommt auch der Ärzte-Consum jetzt keine Kartoffeln. – Baden will eine Fest-währung einrichten, vielleicht gibt es dann etwas mehr Lebensmittel. Der Finanzminister ist von Centrum u. hofft zu reformieren. –
Auch ich hatte einen großen "Menschenhunger" u. sah in der letzten Woche allerlei Leute. Außer Mathy's besuchte ich Frau Kroll, die immer reizend nett ist, u. auch Paula Seitz u. Adele. So bin ich wieder in Connex mit andern gewesen. Mit Paula S. hoffe ich einen Lesenachmittag einzurichten, denn es ist immer angenehm, einen schwierigeren Stoff gemeinsam zu behandeln. Natürlich soll es die Metamorphose
[4]
| der Pflanzen sein, wofür ich besonders auf Gertrud Spröhnle hoffe. – Gestern abend sang Maria v. Campenhausen-Baßermann in ihrem Hause zum Besten der Studentenhilfe. Es war kein künstlerisches Erlebnis. Aber sie ist eine liebenswürdige Persönlichkeit. –
Wie gut, daß Muthesius Dir wieder besser gefiel. Möchte er doch ein dauernder Bundesgenosse sein! Warum finden sich nur so wenig Menschen zu Dir, die Dir etwas bedeuten! Gott sei Dank hat sich nun Frau Witting wieder auf sich selbst besonnen. Das freut mich sehr. Aber bei Riehl's, das ist schlimm, eine Hiobspost ärger als die andre. Müssen vielleicht Heyses auch noch nach Klösterli? Sind sie denn wohnberechtigt in Berlin? – Daß Du den Zwischenzähler nicht bekommst, ist abscheulich. Damals hättest du gleich energischer sein müssen, aber da hattest Du kein Interesse dafür. Du kannst übrigens die Sicherung aus der fremden Leitung heraus nehmen, dann brennt sie nicht.! – Der Postabschnitt von Frl. Wingeleit ist hier. Vielleicht hat der Geldbriefträger sie beschuppst? Sie ist doch so leicht konsterniert. – Wie ist das gedacht mit dem Selbstschutz? Doch hoffentlich nicht so, daß die Herren selbst zur Waffe greifen? –
Denke Dir, Carl Ruge war sehr krank. Broncho-Pne[über der Zeile] umonie u. Stirnhöhleneiterung. Er war im Krankenhaus, als Aennchen schrieb. Die Arme hat viel Not; auch die Kinder kräxen wieder. – Sehr hübsch ist, daß Günther u. Mädi für 8 Wochen bei einer Arztfamilie in Karlsbad sind, durch die Niederbarnimer Ärztekammer vermittelt. Sie schrieben sehr glücklich. – Und noch etwas: ich habe schon wieder geerbt!
[5]
| Stelle Dir vor, der gute Georg Brose hat den Geschwistern u. mir jedem 30 000 M vermacht. Ich bin wirklich gerührt über dies freundliche Gedenken. Wie wertvoll wäre mir dieses unerwartete Geschenk, wenn wir in normalen Verhältnissen geblieben wären! Jetzt ist es freilich wertvoller, daß ich die fortlaufende Arbeit habe. Dr. Gans sagte neulich, dies Buch solle im Laufe des Winters fertig werden, aber dann käme ein andres. Mir ahnt so etwas, als ob das dann nicht histologisch sein würde. Aber – wir werden ja sehen!
Es regnet täglich in Strömen u. der Neckar ist sehr groß u. imponierend. Wenigstens ist es nicht mehr so warm, jedoch immer noch so milde, daß man nicht zu heizen braucht. Wie soll das dann werden mit den Kohlen u. Kartoffeln? Du machst mich recht ängstlich, ob Du auch ausreichend versorgt sein wirst? – Ich möchte wohl wissen, wieviel das Spanische Geld wert wäre? Das wäre doch am Ende mal lohnend? Und dann sollen Dich doch möglichst viel Menschen kennen lernen. Spanien ist mir von je durch seine Kunst u. seinen Geist sympathisch. – Sage, was ist das: Juniklub? –
Für heute genug. Es soll ja nur ein Sonntagsgruß sein u. Dir recht rasch meinen Dank bringen für alle beiden lieben Briefe u. auch für die Papierle drin. Ich bin so froh, daß Dich das Päckchen ein wenig freute. Ach ja, Du mußt ja fühlen, mit welcher Liebe es gepackt wurde u. wie mir das ein ganz kleiner Trost ist, etwas für Dich zu tun, wenn mir die Sehnsucht zu schwer zu tragen wird. –
Treu u. innig
Deine Käthe.