Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. November 1923 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 4. Nov. 1923.
Mein liebstes Herz,
wenn ich mein Versprechen halten will, für 100 Millionen Dir einen Brief zu schreiben, dann muß es schon heute sein. So schnell hatte ich die Steigerung nicht erwartet. Sehr zu meinem Schaden hatte ich auch gerade vor dem neuen Marksturz meine Rechnung an Springer geschickt. Ich bin begierig, wie hoch sie den Index rechnen werden. Eventuell beschwere ich mich. Denn es geht doch nicht, daß ich das Geld immer so verspätet u. entwertet bekomme. Ich muß Dir übrigens auch erzählen, wie andre Leute ihre Buchhändler-Verträge machen. Ich sah zufällig die Verhandlung meines "Chefs" mit dem Verlage u. es ist also ausgemacht, daß er 10% von jedem für den Verkauf bestimmten Exemplar (Nettopreis vom gehefteten) erhält, zahlbar sofort nach Fertigstellung zum Goldmarkkurs des Zahlungstages, für alle Auflagen. Der Verlag will das Geld sofort wertbeständig anlegen, aber alle sonstigen Anschläge von Dr. Gans lehnt er strikte ab. Übersetzungsrecht zu verkaufen könne nach England 40-50£ einbringen (Anteil 20-25), also offenbar die Hälfte. Die Clichées, an deren Verkauf Dr. G. auch teilhaben wollte, gehören natürlich dem Verlag, der sie herstellen ließ. - Wie mag sich nun wohl Deine Einnahme im Verhältnis gestalten? Ich hoffe dringend, daß Du diesmal nicht wieder so übervorteilt wirst, denn das Leben wird so unheimlich teuer, daß Du das Geld sehr brauchen wirst. Und es ist mir ein so schmerzlicher Gedanke, daß Du nicht immer hast, was nötig wäre, - Du hast doch schon so viel an Dir gespart u. verzichtet. Es ist gewiß keine Zeit in der man nach Verwöhnung verlangte, aber wer wie Du immer u. immer andern geben muß, wer immer mit voller geistiger Anspannung nach außen wirken soll, der müßte für seine persönliche Existenz wenigstens Sicherung u. Ruhe haben.
Wie seltsam entwickeln sich die politischen Dinge. Ich bin mißtrauisch, daß Stresemann noch immer am Ruder ist. Es mißfällt mir, daß die Linksparteien zurücktreten u. wie zu vermuten, einen verfehlten Regierungsversuch der Rechten provozieren. Aber vielleicht ist meine Befürchtung irrig. Es fehlt mir außerordentlich, daß ich garnicht mir Dir reden kann. Wie vermisse ich Deine Einsicht u. Dein Urteil. Wie komme ich mir hier so traurig verlassen vor. Es ist doch niemand,
[2]
| dessen Meinung mir irgend maßgebend wäre. Dabei wächst die wirtschaftliche Not so zusehends, daß es mir oft vorkommt, wie die Sintflut. Was wird überhaupt noch übrig bleiben? - Heute abend denke ich mich aus der Zeitung über die neue "Festmark" [über der zeile] zu orientieren. Ich bin leider so pessimistisch geworden, daß ich dazu garkein Vertrauen fassen kann. Es kommt mir vor, als würde da nur wieder ein neuer Bestand abgewirtschaftet, nachdem die Reichsbank am Ende ist. Solange die unverhältnismäßigen Löhne nicht abgebaut werden, solange das Schmarotzen unzähliger sogenannter Arbeitsloser nicht aufhört - kurz, ehe nicht die alte preußische Sparsamkeit u. Strenge nicht wiederkommen, eher kann es nicht besser werden. Die Sozialdemokratie wird sich aber immer derartigen Maßnahmen widersetzen u. woher soll die Macht kommen, es durchzuführen? Wenn ich mir aber vorstelle, daß die absolute Not erst so groß werden soll, um die Reform zu erzwingen, dann fürchte ich, daß allzu viel zu Grunde geht. - -
Ob Du wohl heute bei Riehls bist? Oder ist es der Sonntag mit Dora Thümmel? Vielleicht hast Du sie mal bei Dir zum Thee. Aber man kann wohl Gebäck dazu garnicht mehr kaufen! Und Frl. Wingeleit wird weder Mehl noch Übung zum Selbstbacken haben.
Angeregt durch die Lektüre von Bab habe ich mir den letzten Teil von "Dichtung u. Wahrheit" wieder geholt. Es ist ein ganz eigen bewegter Ton darin, der mir recht im Herzen mitklingt. Wie anmutig, graziös sind diese Lieder an Lilli, ich höre sie "wider Willen" den ganzen Tag im Ohr. - Ist nicht auch wieder die Spiraltendenz des Lebens zu spüren in dem "Naturwüchsigen" unsrer Wandervögel u. Consorten, wenn man das Genietreiben jener Epoche sieht, die der alte Goethe so bedächtig kritisiert? Es ist ein Suchen nach neuem Leben, u. die Worte von Merck daß es nicht gelte, das Poetische wirklich zu machen, sondern das Wirkliche poetisch zu erhöhen - erinnern mich an Deine Mahnung, an Deine Absage an das Aesthetische, daß der Reichtum des Lebens nicht im genießenden Hinnehmen sondern im tätigen Gestalten liegt. Wird unsre schwärmende Jugend sich jetzt zur Tat sammeln, wächst die neue Kraft in unserm Volk?
[3]
|
Gestern hast Du das Colleg begonnen. Ich habe noch garkeinen Stundenplan u. lege Dir ein Papier bei, das ich recht ausführlich mit Thema u.s.w. auszufüllen bitte. Ich war auch sehr fleißig gestern, da ein ungewöhnlich heller Tag war, der das Arbeiten leicht machte. Und in der Dämmerstunde gehe ich gewöhnlich aus, z. T. auf Besuche.
Am Freitag lernte Luischen Künkler bei mir, Gummisohlen unter die Schuhe zu machen. Nein, ist das ein langweiliges Mädchen! Nicht ein Wort hat sie von selbst gesprochen den ganzen Nachmittag.
Frau Gunzert war schwer krank, scheint es aber noch einmal zu überstehen. –
Mit Sorge denke ich oft an den guten Onkel Hermann. Wie schwer ist sein Alter! Von Ruges hörte ich nichts mehr. Wenn doch Carl die Stellung als Oberarzt bekäme! Noch darf man nicht davon reden.
Die Metamorphose des Menschen - ich denke oft daran, im Einzelleben so gut, wie im Volks-, im Menschentum, überall die "geprägte Form, die lebend sich entwickelt." O ja, wir wollen noch eine neue Blüte deutschen Wesens erhoffen, denn wir haben noch ein Ziel über uns.
[4]
|
Ich wünsche Dir Sonne an Deinen Arbeitsplatz u. das Gefühl wieder erlangter Gesundheit. Wie gern würde ich Dir das abgeben, denn bei mir sind Augen u. alle sonstigen Beschwerden besser. Und das ist doch garnicht so wichtig! - Heute wollten wir eigentlich mit Adele Henning Pilze suchen, aber natürlich regnete es. So waren Aenne u. ich nur an 7 Linden bei höchst interessanter Beleuchtung. Ich grüßte Speyer u. dachte mit Sehnsucht an unser Ketsch. Wann kommen wir da mal wieder hin? Halt - noch etwas! Sage mal, wenn Du Weihnachten herkommst, willst Du mir dann etwa die Ostertage streichen? Das ist doch hier die schönste Zeit! Aber - was sind Pläne, was sind Wünsche! "Entsagen sollst - sollst entsagen"! Aber oft empöre ich mich dagegen - -
Sei mir viel tausendmal gegrüßt u. denke lieb an
Deine Käthe.