Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. November 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Nov. 1923.
Mein Einziger. Habe ich nicht sehr lange keine Nachricht mehr von Dir? Es kommt mir so vor - u. ich denke mir, der Semesterbeginn hat Dich sehr in Anspruch genommen. Bist Du auch gesund? Ist es in Deiner Wohnung u. im Seminar warm? Nun hat das Amtszimmer unter den Linden ein andrer inne! Ob er seine Sache gut macht? Es muß doch wohl eine gewisse Erleichterung sein, daß diese enorme Arbeit nun wegfällt. Aber dafür gibt es natürlich gleich tausenderlei Anderes. - Warst Du auch so erschreckt über den neuen vergeblichen Putsch? Sofort als ich den Namen an der Spitze las, war ich besorgt, denn dazu habe ich kein Vertrauen. Der sinnlose Zusammenbruch 18 kam doch mit daher, daß dieser Mann nur mit Truppenmassen, nicht aber mit der Volksstimmung disponieren kann. Wie es heißt, sei die Sache schon beigelegt. Welch neue Tragik! Wo ist der Mann, der wahrhaft den Willen des Volkes gewinnen kann? Ist es noch immer zu früh? Muß erst die Lebensmöglichkeit noch ganz versiegen? - Wie soll denn nur dieser Übergang zu Goldwährung möglich sein, wenn niemand Goldwerte bekommt? Die Beamtengehälter in Baden können nicht mehr bezahlt werden. Der "Extrabodd", der Geld von Berlin holen sollte, kam leer zurück. Die Reichsbank hat nichts. - Wie geht es Euch damit? - Mir hat Springer auf meine Rechnung vom 31. (Schlüsselzahl hier 18) am 3.XI. einen Scheck geschrieben, der am 5. abgestempelt, mir am 7. nachmittags zukam. (Schlüsselzahl hier 100.) er aber hatte mir das Zweifache der Berechnung geschickt. Nun werde ich
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| mal vorstellig werden, daß ich bei der Entwertung nicht bestehen könne. (Vorläufig lebe ich allerdings noch u. komme auch aus, aber es wird ja täglich schlimmer.) –
Es ist so hübsch, daß ich jetzt doch mal Leute auch bei mir einladen kann. Gestern hatten wir die geplante Lesestunde, bei der alle sehr eifrig sind. Jeder trägt bei, was er an Sachkenntnis aufbringt. Rösel Hecht nahm auch zufällig teil, u. abends gingen Aenne u. ich noch in einen Vortrag. - Wenn ich doch nur über all dies mit Dir reden könnte. Es ist immer, als wenn es erst dann fertig in mir würde, wenn Du es mit mir teiltest. So seltsam sind diese ganz einfachen Grundgesetze des Lebens, die doch eine so unendliche Verschiedenheit der Gestaltung zulassen. : Die stufenweise Entwicklung von Knoten zu Knoten, im steten Wechsel von Ausdehnung u. Zusammenziehung (Spiraltendenz.) Wieviel Bilder des geistigen Lebens treten da unwillkürlich zum Vergleich daneben. Mit jeder Stufe höher, feiner, differenzierter - - - u. ergänzend förmlich griff der Vortrag da ein von dem feinsinnigen Lacroix, den Du ja dem Namen nach kennst. Der Verein Frauenbildung hatte ihn veranstaltet,, nicht mehr im Lokal sondern in den Räumen der Familie Hofheinz. Marianne Weber leitete mit einigen hübschen Worten ein: wie dankbar wir alle wären für diese Gelegenheit, sich einmal aus der Misere des Alltags zu erheben. - Merkwürdig ist, wie diese Frau, die so schöne Gedanken hat, immer mit dem Ausdruck ringt, obgleich sie doch so viel öffentlich spricht.
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| Dann redete L. über "das Verhältnis der Geschlechter in Hebbels Dramen." Wie immer stellte er die Sache auf einen Weltanschauungshintergrund, den unversöhnten Dualismus in Hebbel, der wohl im Metaphysischen seinen Ausgleich finden könne, im Leben nicht. So sei es zwischen dem Individuum u. dem All, so sei es zwischen Mann u. Frau. Das sei kein logischer Schluß, das sei einfach erlebtes Leben, u. darum durch keine Argumente zu überwinden. Diesen stets ersehnten u. immer gescheiterten Ausgleich verfolgte L. nun sehr eindringend u. fein durch alle Dramen, die in stufenweiser Vergeistigung u. Nuancierung alle die gleiche Gesinnung spiegeln, den ewigen Kampf zwischen Freiheit u. Liebe. - - In die Diskussion mischten sich dann nur Frau Weber u. Hofheinz, beide vertraten die Möglichkeit eines höheren Ausgleichs, den L. widerlegte: dann sei es nicht Liebe, sondern Freundschaft. - -
Nun, so nenne man eben die vergeistigte Liebe Freundschaft, sie ist darum doch ein völliges Aufgehen im andern, eine freie, rückhaltlose Gemeinschaft. Ich wenigstens fühle mich niemals mehr Dir angehörig, als wenn ich stark u. frei meiner selbst gewiß bin. Und das ist mir kein Kampf, sondern Frieden - -
Ja, rate mal, wo ich jetzt weiter schreibe! Rösel Hecht kam u. bat, daß ich bei ihnen im Wohnzimmer sitzen möchte, um den Jungen zu bewachen, da der Mann zum Turnen u. sie in eine Versammlung gingen. Draußen heult der Wind. Es lag Schnee auf dem Königstuhl, der auch liegen blieb trotz
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| des sonnigen Tages. Gestern hätte ich auch zum erstenmal seit Deiner Abreise wieder geheizt. Nun, vermutlich wird man im Frühling brauchen, was man jetzt sparte.
Eine ewig problematische Existenz bleibt doch der arme Walther. Heute morgen bekam ich einen Brief, der mich ernstlich besorgt macht. Das ist doch wie ein Verhängnis über allen von der Familie Rüdiger! Du erinnerst Dich, Lena sei krank geworden. Sie ist noch nicht bei ihm u. ich fürchte, meine erste Ahnung, daß bei ihr wieder psychische Depression eingetreten sei, scheint richtig zu bleiben. Sein Brief macht mich recht traurig u. ich muß ihn Dir mal mitschicken, denn es steht sehr viel zwischen den Zeilen. Der arme Mensch hat doch ein so gutes Herz u. so wenig Talent zum Leben.
Montag habe ich Gertrud Spröhnle zum Essen. Morgen, Sonnabend, soll ich mein Depot auf der Bank bekommen. Nachmittags gehen wir vielleicht nach Ziegelhausen, um Äpfel zu holen. Am Sonntag muß ich endlich mal wieder plätten. Da ich infolge der gebesserten Augen sehr fleißig zeichne, bleibt die häusliche Arbeit viel liegen. Und es wäre doch so nötig, einmal damit durchzukommen. Ich weiß so viel, so viel, was ich tun möchte. - Immer kehren die Gedanken wieder zu dem politischen Conflikt in Bayern. Wie glücklich wäre ich gewesen, wenn da eine starke, einsichtige Regierung entstanden wäre. Statt dessen macht es den Eindruck der Zwiespältigkeit im Beginn. Ob es sich noch klären wird? Und wie würde Frankreich ein politisches Erstarken dulden?
- Verzeih, ich schrieb mit mancher Unterbrechung, so ist es recht konfuses Zeug. Aber, Sonntag mußt Du doch einen Gruß haben, nicht wahr? - Ich sehne mich, von Dir zu hören. Möchte es Gutes sein! Innig u. treu
Deine Käthe.

[Kopf] Von Bertha van Anrooy kam die Todesanzeige des Vaters.