Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. November 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. November. 1923.
Mein geliebtes Herz. Habe Dank für Deinen lieben Brief, der mich sehr glücklich machte. Denn der Einklang mit Dir, ist mir Lebensluft, die Quelle aus der all meine Kräfte wachsen. Nur mit dem Husten bin ich nicht einverstanden. Hat er sich wohl inzwischen gebessert? Unter Umständen ist es garnicht ratsam, nur den Reiz zu unterdrücken durch Medizin, sondern etwas Lösendes ist besser? - Auch für die ½ Billion vielen Dank, mein lieber unverbesserlicher Verschwender. Ich habe gleich dafür Gasmarken u. Eier gekauft. Auch von Springer bekam ich wieder Geld, diesmal per Eilbrief, aber nicht wertbeständig. (3,381.000 MM) Ich werde aber nochmals vorstellig werden, denn Dr. Gans ist auch dafür. - Der Verlag soll jüdisch sein? Das wußte ich garnicht. - Bleibe nur ja fest in Deiner Abwehr gegen den talmudistischen Juden. Wir haben allen Grund da einzudämmen, denn sie überwuchern uns völlig. - Seltsam mutet mich allerdings immer die Hetze der Nationalsozialen gegen die fremde Rasse an. Denn sie tun so, als könnten wir sie vertilgen oder verbannen. Ich meine aber, nur nach Möglichkeit von einflußreichen Stellen fern halten ist das Höchste, was wir erreichen können. - Von Frau Ruge lasen wir heute einen Brief. Sie ist in München; aber wovon sie lebt, weiß man nicht. Von ihrem Mann meint sie, er wäre im Stich gelassen worden, "nachdem er alles dem Vaterland geopfert hatte" - so ist sie also jetzt nach mancher Ehekrisis ganz auf seiner Seite u. sieht in ihm den Märtyrer.
Was Du von Lena schreibst, ist ganz meine stille Idee gewesen. (Auch ist ja nicht sie erblich belastet, sondern er!) Ich
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| hatte das nur nicht so klipp u. klar aussprechen wollen. Denn es ist in mir oft eine richtige Scheu vor dem Wort. Ich habe das Gefühl, als ob etwas erst dann unabänderlich würde, wenn es gesagt wurde. Solange es noch im Dunkel des Unterbewußten ruht, kann es vielleicht noch sich wandeln u. auswachsen. Ist es zum Wort geformt, dann ist es dem Schicksal ausgeliefert. So kann ich ja auch nie über etwas sprechen, womit ich innerlich nicht fertig bin. Es ist dann wie aus meiner Macht heraus gerückt. - In Bezug auf Lena finde ich es nun ein Zeichen von absoluter Deutlichkeit, deren sich Walther wohl kaum bewußt ist, wenn er schreibt, daß sie am Tage erkrankte, als sie die eigne Wohnung beziehen sollten. Außerdem sagt er, wenn er nochmal vor der Wahl stünde, ob er die Reise machen solle, so würde er es nicht tun, er sei ein Schreibtischmensch! Ich bitte Dich, wenn ich denke, was es heißt zu reisen, welche Seligkeit dies gemeinsame Genießen diese Freiheit, dies Wandern auf sonniger Höhe - u. er schreibt so von seiner Hochzeitsreise. Tragisch. –
- Hier ist auch ein fürs Leben gedachter Bund zerbrochen: Frl. Gahs u. Herbig haben sich getrennt. Die Letztere ist eben eine ganz fanatische Natur, die in der Nähe unerträglich ist. -
Über die Stellung der Frau hat Lacroix eigentlich anders geurteilt. Er meinte, daß gerade daraus die tragische Schuld erwächst, daß der Mann sie in der Eigenart ihrer Persönlichkeit nicht hoch genug achtet, daß sie ihm nur Besitz, nicht freie Gefährtin sei. -
Daß Susanne litt in der Zeit der Trennung war wohl besonders schwer, weil Ihr in Unfrieden auseinander gingt. Aber wie sollen solche Reibungen vermieden werden?
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Deinen schönen Heimatkundeaufsatz habe ich jetzt eingebunden. Leider nicht so schön, wie er es verdient. Hedwig Mathy will ihn geliehen haben. Wir waren gestern bei ihr u. es ist immer genußreich u. anregend. Sie hatte wieder eine kleine Plastik fertig, die wirklich in Linie u. Ausführung sehr anziehend ist. Es sollte in Bronze gegossen werden! - Hedwig las uns von Rilke: die Weise von Liebe u. Tod - u. schwärmte auch von Bonsels. Wenn er ein widerwärtiger Mensch sei, in seinen Büchern wäre das nicht. Denn sie selbst ist eine herbe, wenn auch leidenschaftliche Natur u. würde von Niedrigem abgestoßen werden. - Ich lieh mir von ihr Maeterlink, die Bienen, was ich schon vor vielen Jahren einmal las. Ganz besonders berührt mich diesmal das, was man den objektiven Geist des Bienenstocks nennen könnte, dies seltsame, sinnvolle Zusammenarbeiten aller, dies plötzliche Reagieren u. sich entschließen ohne daß man einen regelnden Willen, eine Centralstelle aus übender Gewalt wahrnehmen könnte. Da ist alles selbstverständlich dem allgemeinen Interesse untergeordnet.
Und bei uns? Welch ein gefährliches Gift ist doch die Macht in gewissenloser Hand! Was hat die Stadtbevölkerung dem Bauern getan, daß er jetzt lieber seine Produkte verderben läßt, als daß er sie dem Städter verkauft? Die beständige Geldentwertung mag bis zu einem gewissen Grade berechtigte Zurückhaltung begründen, aber darüber hinaus ist ein Haß, eine Böswilligkeit, die erschreckt. - - -
Bekommst Du jetzt Dein Gehalt in Rentenmark?
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| Die Äußerung von Fräulein Wingeleit gibt mir zu denken. Was "will" sie denn? Ob es nicht zu einer guten Stabilisierung Eurer Beziehung dienen würde, wenn Du einmal mit ihr reden würdest, mit allem Vorbehalt natürlich, daß Du sie ganz selbstverständlich unterstützen würdest, wenn sie arbeitsunfähig würde? Du hast noch niemals jemand im Stich gelassen. Das würde sie sicher beruhigen.
- Aber was Du vom Geld schreibst, daß es den Weihnachtsplan unmöglich mache, das kann ich nicht gelten lassen. Mein Einziger, wenn es gesundheitlich bedenklich oder sonst ein ernstes Hindernis sein sollte, das könnte ich einsehen. Aber was ist das Geld, wenn es uns nicht das verschaffen soll, was dem Leben Wert leiht? Du darfst es mir nicht verwehren, daß ich zu diesem Zweck irgend einen meiner vielen unnötigen Luxusgegenstände veräußere. Ich tue es ja nicht für Dich, sondern für mich. Für die Bahnfahrt wird es langen u. das Essen kostet hier nicht mehr als bei Euch. - Ich staune manchmal, wie ich im Geldausgeben verproletarisiert bin. Das ist der Zwang der Verhältnisse, daß man möglichst sofort alles ausgeben muß, solange es noch einen Wert hat. Und alles fürs Essen! Ich nähre mich wirklich gut, mein Lieb, u. ich hoffe nur, Du bist ebenso versorgt.
Ich grüße Dich viel tausendmal u. bin mit ganzem Herzen bei Dir.
Deine
Käthe.