Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. November 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Nov. 1923.
Mein liebstes Herz, ich bin das Schreiben zum Sonntag jetzt so gewöhnt, daß ich einfach nicht anders kann! Und da Du mich heute auch noch mit Deinem lieben Briefe überraschtest, habe ich ja allen Grund, Dir schleunigst zu danken. Du hast es übrigens immer raus, wenn ich gerade garkein Geld mehr habe, u. so bin ich Dir auch für die liebe Einlage sehr dankbar. Du bist wohl nicht genug Billiönchen los geworden, mein Lieb, daß Du mir immer so viel von dem Deinen mitteilst?
Über den Ausflug nach Potsdam bin ich ganz glücklich. Wie schön, daß alles so gelungen u. harmonisch war. Auch der Fortgang der Arbeit ist fabelhaft. Wie leid ist mirs, daß ich nicht am Entstehen teilnehmen kann wie damals hier! Wir hatten auch hier noch wundervolle Herbsttage, erst seit gestern Frost. Aber bis auf einen gelegentlichen Weg am oder über den Neckar hat man natürlich nichts davon. Der Tag ist immer gänzlich ausgefüllt u. da ich mich frisch u. arbeitslustig fühle, ist das ja nur gut. Wenn ich nachher noch Zeit habe, mache ich mal einen Auszug aus meinem Ausgabebuch, damit Du siehst, daß ich sehr gut lebe. Aber vermutlich wird das gegen die Unkosten Deines Haushalts sehr bescheiden aussehen, obgleich es im Erfolg für die heutigen Verhältnisse beinah üppig genannt werden kann. Ich kann mich so ärgern, daß es nicht gelingt, Deine Ausgaben auf das möglichst geringe Maß einzuschränken. Wo keine Veruntreuung zu fürchten ist, da muß nun der Unverstand kostspielig werden! - Übrigens: könnte Frl. W. nicht mal das Brot wo anders kaufen? Und schneidet sie es etwa schon stundenlang vorher, ehe Du kommst? Hat sie vielleicht während Deiner
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| Abwesenheit Vorräte angeschafft, sonst wäre solcher Verbrauch doch unmöglich. - Sollte vielleicht ein schlechter Taback an Deinem Husten schuld sein? - Über das Leiden von Frau Riehl kann ich eigentlich so aus der Beschreibung nicht klar werden. Eitrige Halsentzündung - aber die Ursache wäre doch nur bakteriologisch festzustellen. Sehr angenehm u. wie ich glaube nützlich, waren mir die kleinen Calcin-Eierchen, die ich auf Veranlassung des Augenarztes nahm. Aber das müßte doch am besten der Arzt verordnen. Hat sie denn Appetit, sodaß man sie kräftig ernähren kann?
Scheint Dir die Nachricht aus Partenkirchen nicht auch den Ansatz zu einer Gesundung von innen heraus anzudeuten? Es sieht doch aus wie ein Verlangen nach Besserung des Verhältnisses, - wenn es nicht etwa nur eine Schuld irgendwo sucht, anstatt bei sich selbst anzufangen.
Du hast ganz recht, wenn Du bei der Unsicherheit des nächsten Tages keine Pläne auf Wochen hinaus machen willst. Ich muß allerdings bekennen, daß gerade diese Unsicherheit oder vielmehr, die Gewißheit, daß es nur immer unmöglicher werden wird, mir den heißen Wunsch erweckt, es möchte sich jetzt noch einmal ein schönes Zusammensein hier ermöglichen lassen. Ich stellte mir vor, daß Du dann von hier direkt nach Düsseldorf fahren könntest, also eine Reise sparen würdest. - - Ja: Düsseldorf! Denke Dir, vom 1. Januar ab wird dort Dr. Gans an der medicinischen Hochschule lehren. Er denkt, mit mir auch von dort aus weiter arbeiten zu können. Aber wer weiß! Das ist
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| keine schöne Überraschung, nicht wahr? So kommt die Unsicherheit der Existenz über einen nach dem andern. Auch Susanne ist zum 1. Januar entlassen? Sie selbst versichert immer, sehr mit ihrer Arbeit verwachsen zu sein u. ich hoffe, sie hat darin mehr recht als Du. Vielleicht hilft es ihr auch ihren Schwerpunkt mehr dorthin zu verlegen, wenn Du liebes borstiges Scheusal recht eklig zu ihr bist!! - Denke Dir nur, dem Mann von Rösel Hecht, der doch kaum erst angestellt wurde, ist wieder gekündigt, u. zwar sofort - mit Gehaltszahlung bis 1.XII. Ich fürchte, er ist nicht tüchtig, u. ihre Praxis ist sehr zurückgegangen - wovon sollen sie nur leben! Auch die Schwester Cläre ist wie viele Fürsorgeschwestern entlassen, also Sorgen überall. –
Ebenso droht dem ältesten Sohn von Ewalds, dem Geologen, beständig Dienstentlassung. Dafür hat sich nun aber der Jüngere mit einem sehr netten Mädel, die sehr tüchtig u. auch vermögend ist, verlobt. Sie ist Laborantin am Pathologischen Institut, weil sie nicht "Haustochter" daheim spielen wollte, wo doch keine Arbeit für sie war.
Von Carl gab Aenne mir jetzt bessere Nachricht. Aber - wie arg - die erhoffte Stelle ist augenblicklich von der Stadt Berlin gesperrt. Doch hofft man, sie wieder frei zu machen. - Auch aus der Schweiz von Frau v. Donop hatte ich mal wieder einen Brief. Sie schreibt immer so treu. Es ist wie ein Ton aus der Kinderzeit für mich, u. ich denke gern an die alten Zeiten. Ist doch auch diese "Heimat" so verwoben mit Dir, als hätten damals schon geheime Fäden unser Schicksal verknüpft.
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Im gleichen Sinne, wie Du über Bonsels urteilst, hörte ich andre auch über Meyringk reden. Es scheint mir also beinah etwas daran zu liegen, wie man gerade an einen Menschen heran kommt. Ich will gewiß nicht B. in Schutz nehmen u. kann gut leben, ohne etwas von ihm zu lesen. Aber es ist doch wohl möglich, daß man nicht jedem seiner Werke die Ausartungen seiner Jugend anspürt. Für Hedwig Mathy jedenfalls möchte ich mich verbürgen, daß ihr nichts Niedriges gefallen kann. Sie ist als Künstlerin eine Natur, die stark durch die Sinne lebt; bei ihr wurde diese (väterliche) Anlage zur schöpferischen Kraft, die bei der Schwester Edith (Partenkirchen!) so auf Abwege führte. –
Mir ist in letzter Zeit auch einiges durch die Hände gegangen, was mich teilweise abstieß. Ich las - wenn auch flüchtig - den Friedemann Bach, der wirklich sehr lebendig geschildert ist. Aber die Zustände am Dresdener Hof - abscheulich! Und noch viel ärger fand ich - als Wartelektüre beim Augenarzt - Daudet, das Leben in der Pariser Gesellschaft: Der Unsterbliche. Die Atmosphäre ist unerträglich u. außer einem Künstler Védrine kein einziger Mensch, der diesen Namen verdiente. Es war mir ein interessanter Vergleich, wie verschieden der Geist der Darstellung gleicher widerwärtiger Verhältnisse doch beim Deutschen u. beim Franzosen ist. Der Deutsche schildert, der Franzose schwingt mit u. malt aus.
- Etwas sehr Schönes erlebte ich aber auch: die Rede das neuen Rectors Callius am Dies. Er ist Anatom
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| u. sprach über das Verhältnis der Anatomie zur bildenden Kunst mit einer so allseitigen Vertiefung u. seinem Verständnis, einer so warmen Gesinnung u. ernsten Würde, daß es eine Wohltat war, ihm zuzuhören. Für die philosophische Stellung u. begriffliche Klarheit kann ich nur citieren, daß er von den Griechen sagte: "sie hatten Ehrfurcht vor der Wahrheit, aber keine Angst vor der Wirklichkeit." Denn ihre Werke sind bei aller scheinbaren Naturwahrheit absolut nicht realistisch. - Er endete mit einem Appell an die Jugend, die mit Fahnen u. in Wichs rundum die Aula schmückte, u. die seine Rede wiederholt mit Beifall unterbrach. - Vorher hatte Anschütz mit seiner schwadronierenden Redeweise Bericht über das Vorjahr erstattet. Die Zahl der Studierenden hat bisher nicht abgenommen. - Anwesend war auch der Herr Staatspräsident Köhler, ein Schwarzer. Ich habe aber außer der Anrede nichts von ihm bemerkt. - Leichtsinnig, wie wir sind, wollen wir am 30. in ein Concert gehen, auf die oberste Galerie natürlich. Helene Renate Lang kommt nämlich, u. spielt im Wendling Quartett. Das wird sicher sehr schön. Zum Glück will sie scheinbar nicht bei uns wohnen. - Der Dr. hat zu Aenne gesagt: ihr Spiel hat mir gefallen, aber sie nicht. Er hat also doch ein viel besseres Urteil als man denkt.
Und im 6. Dez. redet Frau Jellineck in der "Zwanglosen" wieder bei Hofheinz' über Boll’s Buch: Sternenglaube u. Sterndeutung. Also Freuden ohne Ende! Wir werden ja sehen.
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Was hast Du wohl diesen Sonntag vor? Dienst? Besuche? - Ich nähe mir ein Kleid u. habe überhaupt greulich viel zu tun. Aber es geht mir sehr gut dabei. Wenn nur der Tag doppelt so lang wäre!
Ich grüße Dich viel tausendmal u. bin wie immer
Deine
Käthe.

Es ist zu spät noch genau nachzurechnen, ich will nur kurz berichten, daß ich im Oktober nach Deiner Abreise noch 43 Milliarden, u. im November bisher 5.354 Md. gebraucht habe. Dabei viel Eier u. Milch.