Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Dezember 1923 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Dez. 1923.
Mein liebstes Herz, da kommt schon wieder ein Brief, wenn auch von mir eigentlich garnichts Neues zu melden ist. Denn mein Leben geht eigentlich nur zwischen dem Haus u. der Klinik hin u .her. Dabei ist Weihnachten heran gekommmen, u. für nichts ist gesorgt! Eins nur möchte ich Dich bitten, mein Lieb, daß wir uns diesmal nichts schenken. Ein Brief von Dir ist mir Glück u. Freude, mehr brauche ich nicht zu meiner Festtagsstimmung. Ich habe auch kein Geschenk für Dich, nur ein bißchen backen will ich, u. dann an Deine Adresse ein Packet schicken, in dem auch ein paar Kleinigkeiten für die Kurfürstenstr. mitkommen. Die bitte ich Dich, dann am 25., ehe Du zu Jägers gehst, bei den Meinen abzugeben. - Über ein "Einheitsgeschenk" habe ich mich vergeblich besonnen. Ich höre u. sehe zu wenig von der Welt u. kaufe persönlich garnichts, wie ich auch garnicht dazu komme, irgend einen Wunsch zu haben. Dein "Kleinigkeiten" gibt es ja nicht mehr. - Wenn ich nach dem Eindruck urteilen darf, den hier in meinem Kreise Dein Heimatkunde-Vortrag macht, dann würdest Du damit viel Freude machen. Ist er noch zu beschaffen? Ich gäbe gern 1 M dafür! - Die Preise sind ja überall jetzt gesunken, bei Euch natürlich mehr als hier in diesem stets besonders teuren Nest. Aber wie soll man denn mit den Beamtengehältern auskommen? Hast Du auch keine Sorgen, mein lieber Einziger? Hoffentlich bringt Dir das Buch ein, was sonst an Geldquellen ausfällt. Ich kann den Gedanken garnicht ertragen, daß es Dir knapp gehen könnte, u. ich bitte Dich vor allem, schicke mir nicht immer,
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| ich verdiene ja regelmäßig. Das Zeichnen geht weiter u. ich habe wohl mehr als 20 Zeichnungen vorbereitet für die Abwesenheit von Dr. Gans. - Der ausfallende Mittagsschlaf wird mir doch zuweilen hart, u. es kommt vor, daß ich mal rasch 5 Minuten mit dem Arm auf dem Zeichenpult einschlafe! Das muß Springer dann mitbezahlen. Denn im Grunde arbeite ich rasch.
Zum Lesen kommen wir, außer der Zeitung, so gut wie garnicht. Ich habe für mein Patchen Gisela in Stolp ein Jäckchen gestrickt u. auch sonst liegt viel angefangene Arbeit da. Den vorigen Sonntag verlor ich zum Teil, weil ich mit einem Antiquar wegen des roten Pokals verhandelte, der ihn für 15 M zu einer Auktion annehmen wollte. Ich habe ihn aber schließlich doch nicht gegeben. Ich fürchte nur, wenn ich mal verkaufen muß, hat niemand mehr Geld. –
Wie steht es mit Deiner Schulter? Ist das milde Wetter günstig oder ist es in der Wohnung feucht? Ob Du nach Düsseldorf gehst, hörte ich noch nicht. Sehr oft denke ich auch an das, was Du über die Nachfolge Troeltsch geschrieben hast. Wenn das ein etwas stillerer Posten wäre, so würde michs natürlich sehr freuen, falls Du ihn erhältst. Aber ich kann mir garnicht denken, daß man den einzigen Pädagogen gewissermaßen z. D. stellen wird. Ich verstehe aber nicht genug davon, um all Deine Gründe einzusehen. Ich habe nur das Vertrauen, daß Deine Entschlüsse wohl erwogen sind. Und ich weiß, daß Du jederzeit da entscheidend eingreifen wirst, wo Du es
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| für nötig findest. So stehe ich auch zu der Wahl des Themas für den Sommer. Beide sind so gewichtig, daß sie von größter Wirkung sein müßten - das erste rein menschlich, das andre vermutlich nicht ohne Bezug auf die Gegenwart. Da ginge es doch nicht ohne klare Stellungnahme u. es fragt sich eben, ob die Zeit jetzt reif ist; ob es jetzt möglich ist, im Namen des neuen Staates zur Mitarbeit zu rufen? - - Du hast ein so feines Gefühl für die Symptome des Lebens u. wirst es wohl schon entschieden haben, was Dir geeigneter erscheint, wie Du auch die Aufforderung zur Opposition gegen den Abbau ablehntest. Ich stimme da ganz mit Dir überein. Denn so hart es ist, wir müssen doch nun einmal ganz konsequent die "Ausgaben" einschränken, möchten wir statt dessen umso intensiver geistigen Aufbau betreiben können. - Scheint es Dir auch, als mehrten sich trotz aller pekuniären Not die Zeichen innerer Besserung? Oder ist es nur eine Friedensstimmung der Zeitungen vor dem Weihnachtsfest? Ob wir vielleicht doch ohne blutige Zusammenstöße zu geordneteren Verhältnissen kommen werden? Das Tempo ruhigerer Entwicklung, das wir in Deutschland immer hatten, hilft uns doch vielleicht ohne Katastrophe durch diese schwere Krisenzeit. –
Zu all der allgemeinen Not u. Sorge kommen immer noch allerlei persönliche Kümmernisse. So liegt mir etwas ganz schwer auf der Seele, was auch Du mit Teilnahme hören wirst: Lena Sardemann lebt nicht mehr.
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| Walther teilte es mir mit - "er habe seine liebe Frau verloren. Ich wisse ja, daß sie länger krank war. Nun hat sie ein plötzlicher Tod ihm entrissen -" Ob er nicht zuerst schreiben wollte: nun hat sie - ihrem Leben ein Ende gemacht? Ich bin es überzeugt. Ist es nicht schrecklich? Ich hatte seither so oft gedacht, ob sie wohl zum Fest wieder beisammen sein würden. Und wie schwer es wohl für sie sei, wenn sie sich nicht dazu entschließen könnte - u. nun ist der Entschluß gefallen! Wie mag sie unter dem Geschick gelitten haben, das sie selbst heraufbeschwor, denn sie hatte ja s. Z. die Initiative ergriffen. Der arme Walther! Wie soll er das nur ertragen. Er ist doch wie ein Verfehmter, dem alles zum Unheil ausschlägt. –
Aber nun muß ich mit diesem traurigen Bericht schließen. Es ist spät u. morgen früh sollen die Augen ausgeruht sein. Ich hoffe bald auf eine Nachricht von Dir, u. hoffe, daß es eine gute sei. Ist der Husten endlich fort? - Aenne geht es normal, mir gut. Ich bin seit 1. Dez. wieder ganz in Pension unten, denn das Kochen in der Kälte oben war zu beschwerlich.
Grüße alle lieben Freunde, besonders Riehls u. Susanne. Ist die Halsentzündung bei Frau Riehl geheilt? - Wegen Susanne weiß ich keinen Rat. Kommt das Übel von den Zähnen, oder aus dem Magen - je nachdem kann man ja einwirken. Aber das erste ist natürlich, die Ursache zu erforschen. - -
Nun sei mir in Liebe gegrüßt u. denke mein wie ich mit all meinen Sinnen bei Dir bin.
Deine Käthe