Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1923 (Heidelberg)



uns zuweilen. Am Sonntag soll sie mit der Schwester u. Frl. v. Hofmann, die sie von Berlin her kennt, bei mir sein. Letztere ist jetzt bei Rudolf Steiner angelangt u. ich mußte mich auf ihren Wunsch zu einem Aufsatz über "St. u. die Religion" äußern, der aus einem Buche stammt, in dem Rittelmeier lauter Seiten Steinerscher Universalität von verschieden Leuten beleuchten läßt. Bei solcher Lektüre empfinde ich immer ganz besonders, wie sehr verwöhnt ich bin durch Deine Schriften. Da führt die Klarheit des Aufbaus wie von selbst zum Erfassen der gedankenreichen Tiefe – während dies ein unklares Schalten mit unscharfen Begriffen schien. Aber so viel schien mir daraus hervor zu gehen, daß man auf Grund Steinerschen "Schauens" die Realität einer höheren Welt zu erfassen glaubt. Da ist wieder "Mystik" (Heinrich Maier!!) vom reinsten Wasser u. alles "Geschaute" tritt mit dem Anspruch absoluter Wahrheit auf. Auch im Oberlin ist eine seltsame Landkarte der jenseitigen Welt – gibt es denn so viele Menschen, die diese Greifbarkeit der Vorstellungen brauchen? Heißt es nicht: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen?" Und ist nicht alles gesagt mit Deinen
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| schönen Worten: In der Gewißheit, die kein Wissen ist, liegt die wahre, ethische Kraft.?
Wenn man die Plakate auf den Straßen beachtet, so ist da ganz die übliche Revolutionsmischung: Tanz, Kino, Vorträge über die letzten Dinge. – So sucht jeder zu erhaschen, was ihm möglich ist u. die Einsicht in den wahren Lauf der Dinge haben nur wenige. – Welch gesunder Ansatz scheint das Ministerium Cuno – aber die Linke sammelt sich zum Kampf.
Dein Freund Boll spricht in der Universität Freitags von 6–7 über die geschichtliche Entwicklung der Astronomie. Das soll ungemein interessant sein, u. ich würde es sehr gern hören. Wenn man für mäßiges Geld einen Hörerschein haben kann, dann versuche ich es. Sollte es aber sehr teuer sein, weil man alle möglichen Dinge mitbezahlen muß, glaubst Du, daß ich ihn dann bitten könnte, mich zuzulassen? Vielleicht ist es ihm aber garnicht recht, da schon 2–3 Vorträge gewesen sind.
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–  Heute, Donnerstag, ist Aenne in Ludwigshafen, diesmal bei Erich's. – Denke nur, Winters haben die Lotte schon aus der Schule genommen u. das Kind wird vollständig als "Stütze der Hausfrau" angestellt, da sie wie so viele, kein Mädchen haben. Sie hat nur Stenographie-stunde, sollte Chemie der Küche bei einem Kollegen des Vaters u. – Kunstgeschichte bei diesem selbst bekommen, aber daraus wird nichts., denn die Herren haben ja keine Zeit. – Nun soll Lotte im Laufe des Winters öfter mal über Sonntag zu uns kommen u. wir würden da gern etwas mit ihr treiben. Was rätst Du wohl dafür? –  – Bei der Untersuchung im Krankenhaus schien die Diagnose günstig. Aber das Resultat der Röntgenphotographie steht noch aus. Im ganzen ist ja aber ein recht auffälliges Nachlassen aller Kräfte zu bemerken. – Um 10 Uhr werde ich sie von der Bahn holen u. diesen Brief mit hinbringen. – Ach, wenn ich doch lieber Dich von der Bahn holte! Ich bin reichlich unvernünftig, solche Wünsche zu haben u. gar auch noch auszusprechen; aber da ist nichts zu machen. Ich möchte auch so gern wissen, wie es Dir geht. Ob Du freudig Deine Kräfte fühlst, ob Gelingen ist bei
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| allem, was Du tust. Ich bin so glücklich, daß Du schriebst: die "Gedanken" sind nun überwunden. – Auch in mir ists wieder klar u. frei – durch Dich. – Kennst Du die Sonette der Elisabeth Browning:
"Ich hab mein schweres Herz so feierlich – wie einst Elektra ihre Urne trug, – und, Dir ins Auge blickend, hin vor Dich stürz ich die Asche aus dem Aschenkrug. – Das da war Schmerz in mir: der Haufen, schau, wie düster drin die Funken glühn, vom Grau verhalten. Und Du tätest, glaub ich gut, verächtlich auszutreten ihre Glut – bis alles dunkel ist – – "  doch nicht den Schluß, den nicht, sondern: nein, bleibe bei mir, denn Du hast die Macht, die düstre Glut zu klarstem Licht entfacht –
Ob Du Sonntag wohl Zeit haben wirst, mir einmal wieder zu schreiben? Recht viel von Dir, mein Lieb, denn in mir ist jetzt wieder Frieden. Und alles ist doch nur durch Dich! Bleibe gesund u. voller Zuversicht in Deinem segensvollen Wirken.
Ich grüße alle lieben Freunde, besonders Riehls u. Susanne.
Immer
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Wenn Du eine von den kleinen Cigarren ansteckst – weißt Du auch, wie sie Dich von mir grüßen soll?