Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1./2. Januar 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 1.I.1924.
Mein innig Geliebtes!
Gottlob ist die endlose Reihe der unruhigen und angreifenden Feiertage nun vorüber. Ein neues Jahr hat begonnen, und ich habe Dir so viel über die Gefühle auf seiner Schwelle zu schreiben, daß ein Brief dazu kaum reichen wird.
Zumal ich Dir noch immer einen ausführlichen Dank schulde für das reichhaltige und liebevoll zusammengestellte Weihnachtspacket. Was für die Kurfürstenstr. bestimmt war, hat Susanne gestern dort hingebracht, und die hörte dort leider von der merkwürdigen und nicht ganz leichten Krankheit, die Deine Schwester durchgemacht hat. Frl. W. ist mit ihrem Packet schnell verschwunden. Ich aber wurde erst auf eine Geduldsprobe im echten Märchenstil gestellt, um die Linsen, die sich durch das Ganze ergossen hatten, auszusondern und den Weizen zu behalten. Den Kranz aufzubäumen, fehlt noch der Haken, den ich für mich jetzt manchmal gewünscht habe. Ich habe ihn auf die Glocke der Nachtlampe gelegt, wo er mit so goldnen Nüssen bis gestern prangte. Der Wochenkalender mit dem vielsagenden Titelbild wurde sogleich in Gebrauch genommen. Er hat eine würdige historische, also nicht traditionslose Erscheinung. Der kleine Kalender wird mich wie jedes Jahr geleiten. Der Lampenschirm paßt vor
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|läufig nirgends, und dasselbe gilt von den Kragen, die, ehrlich gesagt, nicht mein Geschmack sind und zu denen andere Krawatten gehören als ich habe. Kragen an sich sind sehr erwünscht. Das Gebäck ist trotz der bodenlosen Unmasse, von Freßwerk, mit der man mich beglückte, schon angenagt, reicht aber noch weiter. Vermutlich habe ich noch nicht einmal alle Herrlichkeiten erwähnt: ich fasse sie in einem summarischen herzlichen Dank zusammen.
Daß mein Packet so spät ankam, ist mir sehr schmerzlich, aber diesmal (oder wieder) nicht meine Schuld. Hertzog muß es am Donnerstag vor Weihnachten abgesandt haben. Daß Ihr anscheinend aus den Bogen so ein Kapitel herausgepickt habt, ist ganz gegen meine Intention. Köster pflegte zu sagen, sein Kolleg sei keine Kalbskeule, aus der man sich ein Stück herausschneiden könne. Jemand, der wie ich alles aus dem Ganzen heraus denkt, muß solche Leser mit seinem Zorn treffen. Was aber in aller Güte geschieht.
Von meinen trotz der Not der Zeit sehr zahlreichen Weihnachtsgeschenken u. von meinen Weihnachts"jagden" = Feiertagen will ich nicht ausführlich erzählen. Wir hatten und haben hier sehr strenge Kälte, nachts bis 12°R. Das scheint bei Euch anders zu sein. Es ist alles andere als angenehm.
Mein Befinden möchte ich auch nicht gern breit erörtern. Es ist mir doch rätselhaft. Ist es nun eine allgemeine Hysterie?
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| Oder etwas Reales? Der Husten ist wohl besser, aber manchmal gerade in seiner Motiviertheit merkwürdig. Das Herz arbeitet entschieden dauernd unnormal. Und der Gelenkrheumatismus will alle 8 Tage durch größere Dosen Aspirin in Schach gehalten werden. Es ist die typische Geschichte: ich komme nur mühsam in die hintere Rocktasche, also durchaus Gelenk. Damit verbinden sich nun wandernde Schmerzen der verschiedensten Art, oft auf der Brust, jedoch nicht so, daß man sie lokalisieren könnte. Der eine Zahn ist, obwohl er nicht wehtut, ein fauler Kunde u. steckt vielleicht (?) wieder hinter dem Ganzen. Ich möchte ihn mir morgen ziehen lassen, weiß aber nicht, was das Herz zu der Injektion sagen wird. Ein circulus vitiosus.
Das ist die Außenseite. Schlimm ist ein unbefriedigter Innenzustand. Die "Nachschübe" des letzten Jahres haben, wie ich bemerke, eine verhängnisvolle Veränderung in mir hervorgebracht. Ich habe meine Tätigkeit zu lieben verloren. Vielleicht nicht unverständlich, wenn man so Bankrott gemacht hat. Die Folge ist, daß ich die zahllosen Ansprüche der Menschen an mich ohne jede Geduld hinnehme und den ständigen Abwehrkampf verdrossen, ja fast verzweifelt führe. Dazu kommt nun die Situation, die Du kennst. Es ist hier wirklich (außer Riehl) niemand, der mir in meiner jetzigen Epoche nahesteht, als Susanne. Sie ist mir buchstäblich unentbehrlich. Und es hat etwas Großartiges, wie sie in diesem einen einfachen Gefühl für mich aufgeht. Trotzdem vergeht kaum ein Zusammensein,
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| bei dem ich ihr nicht absichtlich oder unabsichtlich zum Ausdruck brächte, daß sie mir geistig nicht mehr, sondern immer weniger wird. Sie selbst sieht das ein, müßte aber ein anderer sein, um das zu ändern. Und so leiden wir beide unter diesem Aufeinanderangewiesen sein bei dem Ausbleiben der höheren geistigen Werte, die doch ein solches häufiges Verkehren miteinander erst rechtfertigen würden. Ich selbst fühle, daß ich ihr unrecht tue. Ein seltsamer Zwitterzustand. Es wäre zu ertragen, wenn sonst "jemand" da wäre. Der gute Nieschling wäre auf die Dauer Susanne II. Die andern sind mir als totalem Menschen zu fern. Heinrich Maier lebt nur für - die neue Auflage von Sigwarts Logik u. vernachlässigt alle Amtsgeschäfte; sonst immer der alte ehrliche Kerl. Bei Werner Jaeger fühlte ich durch alle gute Beziehung eine schwere Trennungslinie hindurch. 1) ist er doch nur Gelehrter, oder neigt sich immer mehr dazu ein. 2) kann zwar ich seiner wissenschaftlichen Individualität gerecht werden, er aber nicht der meinen. Daß er die "Lebensformen" so äußerlich kritisierte, hatte doch tiefere Ursachen. Ganz wie Meinecke (der vielleicht sogar Neid fühlt??) schwimmt er im Meer der Geschichte und sieht nicht das Philosophische, das ich nun einmal suchen muß. - Goldbeck hat vieles, was mich anzieht. Aber ich lasse mich hängen, wenn das nicht die reinste jüdische Mentalität ist. Hans Heyse hättest Du am 3. Feiertag auf m. Sofa sitzen sehen müssen ....... Die jungen Leute, besonders
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| Littmann, verstehen doch nicht die unbefangene Art mich zu geben. Und außerhalb Berlins: Frau Witting scheint mir jetzt fast etwas pathologisch.
So also steht es. Ich lebe und arbeite in einer Einsamkeit, wie sie nur bestand, als ich den Humboldt schrieb. Man weiß dann kaum, für wen man schreibt. Trotzdem habe ich, durch Lügen und Intrigen, soviel Stunden für mich erkämpft, um Kap. II zu schreiben. Es ist mit 48 großen Seiten viel länger geworden, als es sollte. Außerdem habe ich wohl 50 unvermeidliche Postsachen abgesandt in diesen Ferien. Nur zu den vielen Arbeiten, die ich lesen soll, bin ich nicht gekommen, u. es ist ja klar, daß ich das Semester dann erschöpfter beginne, als ich es geschlossen habe aber das Buch muß nun einmal fertig werden.
Niemeyer sandte mir den Briefwechsel zwischen Dilthey u. Grafen Yorck. Nach einigen Proben ist er höchst interessant. Aber das Bild v. D. ist auch hier nicht angenehm. Ich weiß nicht, ich fange an, meinen Beweistypus gering zu schätzen, und das ist etwas früh, wenn man selbst noch nicht seine höchsten Maße erreicht hat. Bei dem Buch lag die Notiz, daß die Lebensformen nun völlig ausverkauft sind, und daß die Nachforderung sehr stark ist. Damit kommt eine neue Sorge. Soll ich ein noch lebendes Buch, weil ich in vielem weiter bin, aus dem Verkehr ziehen?
Und die Perspektiven: Kant- u. Riehljubiläum, Goetherede, Sommervorlesung, Festschrift für Kerschensteiner (70)
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| organisieren. - -
Heut war ein Tag, der sich etwas besser anließ. Kühnes (Geheimrat im Handelsministerium, sie die Schwester des Ministers u. des Professors Heinze) schicken ihren Rudolf. Der kleine Kerl macht mir immer die größte Freude. Nach Dann war ich bei m. Vetter Imhülsen, der die Erfahrung macht, daß seine Mutter absolut unregierbar ist (Familie Spranger!). Werner I. in Amerika hat natürlich Heimweh. Nachm. war ich bei Harnacks eingeladen. Geburtstag der Tochter. Üblich großer Kreis. H. selbst soeben abgereist. Jeder sollte ein Gedicht auf den Winter vorlesen. Diese Idee habe ich poetisch veräppelt und damit großen Erfolg erzielt, so daß ich zweimal lesen mußte Frau H. war sehr persönlich nett zu mir.
Für jeden der folgenden Tage ist jemand absolut Gleichgiltiges angemeldet. Ich könnte in ein Kino gehen, nur um einmal nicht zu geben, sondern zu empfangen. Aber selbst dazu läßt man mir die Freiheit nicht. Würde es nur wärmer, daß etwas mehr Lebensfreude käme.
Gestern war ich bei Benary u. brachte ihm 50 gute Zigarren. Der Befund war so traurig, wie ich mir gedacht hatte. Er selbst hatte Herz leiden eben überwunden. Immer noch im Beruf; muß wie Dein Onkel Kohlen aus dem Keller schleppen. Die eine Tochter hoffnungslos tuberkulös. Es schien auch, als ob sie sich jetzt ganz auf die Hinterzimmer der großen Wohnung beschränkten. Das ist der Aufstieg unserer Kultur! Du glaubst doch nicht an die Symptome der Besserung? - Spä
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|stens in 2 Monaten ist es mit der Wertbeständigkeit wieder vorbei. Mir gleich; ich habe fast mein ganzes Geld zu Weihnachten ausgegeben. Dabei haben die Besten fast nichts gekriegt.
Briefe, die wirklich erfreuen, bleiben fast ganz aus. Wie anders war das sonst! Jeder ist aufs äußerste mit sich beschäftigt. Man ist nur dazu da, die Leute zu bedienen.
Bitte stelle, wenn Du kannst, folgendes fest: 1) wann auf der Reichenau das Jubiläum ist. Von dort sandten übrigens im Sommer Sombarts Grüße, die dort m. Spuren begegnet waren. 2) ob es einen billigen Schwarzwaldort gibt, der im frühen Frühjahr schon mildes Klima u. doch nicht schlappe Luft hat. Ich glaube, ich werde etwas für mich tun müssen. Hoffentlich können wir's zusammen. Geldfrage! wie alles!
Jetzt ist es wohl Zeit, für heute Schluß zu machen. Sei nicht böse über Pausen in meinen Briefen. Das Ms. ermüdet meine Hand z. Z. so, daß ich manchmal rein des Schreibens wegen nicht mehr kann. Walthers Geschichte verstehe [über der Zeile] ich nicht ganz, nein, ich verstehe sie garnicht. Dein Leben ist gehetzt wie meines. Auch das war früher anders! Dein Eilbrief kam rechtzeitig. Von Hermann u. Heinz gemeinsame Karte. Bist Du das Zahnweh los??

2.I.24. Ich kann heut nur noch einen herzlichen Gruß hinzufügen, damit der Brief endlich fortkommt. Bleibe gesund und sei noch einmal innigst zum neuen Jahr gegrüßt
Dein Eduard.