Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Januar 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 14. Januar 1924.
Mein Liebstes!
Um der Wahrhaftigkeit willen, die zwischen uns herrscht und herrschen soll, muß ich Dir sagen: Es ist nicht möglich, daß Du auf meinen Silvesterbrief so antwortest, wie in den beiden bisher erhaltenen Briefen. Ich fühle aus ihnen dieselbe große Liebe wie stets, aber auch nicht die Spur von Verständnis dafür, daß ich Dir aus einer großen Seelennot und Lebenskrisis geschrieben habe. Mit physischer Ermüdung ist das nicht zu erklären und mit dem warmen Ofen nicht zu heilen. Gewiß, ich konnte nicht alle Tatsachen erwähnen. Aber was damals vorlag, ist im wesentlichen gesagt. Seitdem geht es weiter, und es scheint, als ob sich schwere innere Schicksale für mich zusammenziehen. Auch über die werde ich Dir so restlos schreiben, wie über alles frühere, sobald ich in diesem Wirbel irgend Klarheit gefunden habe. Bis dahin bitte ich, Dir mit Vermutungen, die notwendig fehlgreifen würden, weil Du meine Entwicklung seit einem halben Jahr nicht mehr richtig verstanden hast, kein Kopfzerbrechen u. keine Sorgen zu machen. Ich werde
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| schon fertig damit; wenn auch unter Wunden.
Der Unfall unsrer Freundin tut mir aufrichtig leid, und ich bitte Dich, ihr das mit meinen herzlichen Grüßen zu sagen. Heilt der Arm gut, soweit man bis jetzt merken kann?
Ich muß Dir noch bekennen, daß ich Deinen vorletzten Brief vermutlich auf der Straße verloren habe. Ich entnehme dies daraus, daß der Briefumschlag geöffnet u. leer heut mit der Morgenpost ankam. Also ist wohl beides, Umschlag u. Inhalt, erst aus m. Mantel gefallen, dann von einem Finder in den Kasten gesteckt worden. Dein Name war nirgend genannt, und der Inhalt, abgesehen von dem Schluß u. einer Erwähnung von Dilthey (die ich nicht verstanden habe) [über der Zeile] wesentlich medizinisch. Ich werde aber künftig vorsichtiger sein.
Mit innigsten Grüßen wie stets
Dein
Eduard.