Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Januar 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 21. Januar 1924.
Mein innig Geliebstes!
Herzlichen Dank für Deine beiden lieben Briefe. Meine Antwort wird sich durch mehrere Briefe hindurchziehen. Inzwischen ist zwar keine endgiltige Lösung, wohl aber eine Klärung, Beruhigung und Grenzberichtigung eingetreten. Gesundheitlich geht es mir wesentlich besser. Es scheint, als ob die ungeheuren Erregungen und Anstrengungen der letzten Woche in dieser Hinsicht eher günstig gewirkt hätten. Ich war – anscheinend – innerlich halb erstarrt. Das Gefühl: ich lebe brach durch die Leiden hindurch, und insofern wenigstens sind sie nicht unproduktiv geblieben.
Damit Du den Zusammenhang siehst und nicht das Symptom für den Kern nimmst, will ich Dir heut wenigstens die Vorbedingungen schildern. Die Sache selbst dann in einem späteren Brief, zu dem ein ganzer "Aktenmaterial" gehört, z. T. tagebuchartige Notizen für Dich, und der also eingeschrieben folgen muß. Daß Du micht nicht "verstandest" – das ist nicht als Vorwurf gemeint gewesen.
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| Du müßtest schon allwissend sein, wenn Du dies komplizierte Gefüge hättest ahnen sollen. Es ist da besser, auch nicht zu "glauben", man ahnte schon, weil dadurch nur alles in eine schiefe Beleuchtung rücken muß. Woraus ich Dir Vorwürfe mache, das folgt ganz klar und ehrlich und ohne Nachtragen zum Schluß.
Der Hauptvorgang liegt sehr in der Tiefe. Mein Leben und meine Weltanschauung waren auf wesentlichen Voraussetzungen aufgebaut, die sich nachträglich als falsch erwiesen haben. Ich weiß nicht, ob Du ganz ermißt, was das bedeutet. Die Frage ist natürlich: können die Folgerungen bestehen? Sind sie in sich echt?
Mein Entwicklungsgang war ein normaler, auf der Geltung ethischer Institutionen und Überzeugungen beruhender. Ich glaube an Gesundheit von Moral und Familienleben. Daß ich das nicht gerade an meiner nächsten Umgebung abgelesen habe, weißt Du längst. Die Sache ist aber nicht aus. Ich kämpfe mit einem Toten. Er will mich unterkriegen. Ich beginne heut, die Ödipustragödie zu verstehen, die wir als Jünglinge vor 25 Jahren (!) ahnungslos mit Begeisterung griechisch gespielt haben.
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König Laios findet mich nicht unbewehrt. Er wird mich nicht überrumpeln. Aber auseinandersetzen müssen wir uns. Einmal, weil er doch auch in mir drinsteckt; und dann: eine Weltanschauung, die man nicht nur selbst bekennt, sondern lehrt, muß bis in die Tiefen recht sein. Es ist z. B. schrecklich, ein Buch zu Ende zu schreiben, dessen Anfänge noch ganz der alten Weltanschauungsschicht angehören. Dies ist das eine. Nenne es kurz: die Gespenster. Aber in Gespenstern können auch Götter stecken – es fragt sich, ob bloße Erdgötter oder höhere.
Das andere ist damit äußerlich nur lose verbunden; aber es hängt – wie der dritte – offenbar in der Tiefe mit dem ersten zusammen. Ich kann die professoralen Maßstäbe nicht mehr ertragen. Und doch muß ich sie erfüllen, schon vor mir selbst und berufsmäßig. Bin ich unzulänglich, bin ich darüber hinausgewachsen? Ich denken zunächst immer das erste. Aber dann sehe ich wider die gänzliche Unlebendigkeit jener bewunderten Vorzüge. Was aus diesem Konflikt wird – vielleicht eine Flucht – das weiß ich noch nicht. Denn im Moment habe ich wieder etwas Boden unter den Füßen; ich sehe, daß ich die Studentenschaft habe; ich fühle, daß die Kollegen mir gegenüber zunehmende Wärme und Herzlichkeit entwickeln; und ich sah am 18.I., als ich die matte, fein gestrichelte Rede von W. Jaeger hörte, daß dagegen in
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| mir ein Michelangelo lebt.
Aber wohl deshalb bin ich hier ganz einsam. Und was sich daraus zusammengeflochten hat – immer in einer ganz providentiellen Anordnung und Häufung – davon im nächsten Brief.
Ich plane fest, am 10. März bei Dir zu sein. Ob wir dann auf 8 Tage fortgehen, weiß ich noch nicht. Wie ist es mit Baden-Baden? Wolfach? oder Würzburg mit Umgegend? Später bleibe ich noch 1–2 Wochen in Heidelberg bei Dir. [zwischen den Absätzen] (Wüßte man, daß es in der Linde geheizte Zimmer u. draußen Sonne gibt, sagte ich: 4 Tage Freudenstadt.)
Ich war vorigen Donnerstag kurz davor, Dich um Dein Kommen zu bitten. Aber was hätte das für einen Sinn gehabt, wenn ich, wie vorige Woche fast täglich, um 10 fortgehe und um 10 wiederkomme? Auch ist die drohende Katastrophe (die es für mich nun einmal gewesen wäre) vermieden worden. Zu heilen bleibt freilich genug, und zu fürchten auch. – Sehr dringend möchte ich Dich nun bitten: Richte Dein Leben jetzt nach Möglichkeit so ein, daß Du Anfang Janu März mit deinen Kräften nicht ganz unten bist. Lade auch niemanden für diese Zeit ein. Ich brauche Dich nun einmal ganz. Du ahnst nicht, wie viel daran hängt, auch daran, daß Du fähig bist, Wege mit mir zu gehen, denen Du zunächst gefühlsmäßig widerstrebst. Zur Wahrheit gehört Kraft. Und eben auf diese Wahrheit, nicht auf mich, kommt es mir bei dem ganzen Ringen an.
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Ich will jetzt auch zwei Dinge nicht verschweigen, an denen ich Anstoß genommen habe. Das eine ist nur eine Bemerkung: "Es gibt auch für mich Stunden, ..... wo ich Lena beneide." Das ist nicht schön, nicht würdig, nicht freundschaftlich gedacht, oder – nicht wahr? – bloß nicht schön u.s.w. gesagt. Aber man spielt mit solchen Worten nicht.
Sodann möchte ich erwähnen: Als ich Dir die Bogen zu Weihnachten schickte, geschah es mit dem herzlichen Wunsch und Willen, daß Du sie von allen Menschen zuerst lesen solltest. Den Amtsrichter Walther Hadlich habe ich damit nicht gemeint. Denn solche Leser hätte ich auch hier. Abgesehen davon, daß ein Buch, ehe es herausgekommen ist, immer noch etwas von ganz persönlicher Anrede an eine liebe Seele sein kann: der Autor ist mit fast abergläubiger Ängstlichkeit auf die erste Äußerung, das erste Echo gespannt. Denn er steckt doch sein Leben drin. Nun konntest Du die Bogen wochenlang liegen lassen. Denn die Schonung Deiner Augen und Deiner Kräfte ist mir wichtiger. Auch will ich gar keine abgesetzte, zerstreute Lektüre. Du konntest auch mit ganzem Ernst sagen: "dies Buch scheint Dir mißglückt", "es ist mir als Ganzes fremd" – aber die nichtssagende Bemerkung ("großenteils schon bekannt") konntest Du nicht schreiben
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Du mein Liebes, meine einzige und ganze Heimat auf Erden, fühle auch aus solchen scharfen, klaren Worten nur die Wahrhaftigkeit, die sein muß und offen reden muß, wenn sich nicht etwas "fest nisten" soll! Damit ist die Angelegenheit für mich völlig geebnet und es bedarf keines weiteren Eingehens darauf.
Mit dem Schild, bitte ich Dich, mach Dir jetzt aus den oben angeführten Gründen noch keine Mühe. Wir besprechen das in Heidelberg. – Dein Brief ist nicht verloren, sondern lag genau an der Stelle, wo es hingehörte. – Heut vor 8 Tagen habe ich mir in der 2stündigen Mittagspause einen Zahn ziehen lassen – ohne jede Nachblutung u. Nachschmerzen. Der Lubowski ist ein fabelhafter Kerl. Deshalb werde ich mir wohl sehr bald wieder einen ziehen lassen. Ich hatte wegen des Herzens gezögert; aber es tat in dieser Richtung garnichts; auch geht es damit etwas besser.
Antworte auf diesen Brief, der ein Fragment ist, nicht, ehe Du die Sammelsendung erhältst, was allerdings ein paar Tage dauern wird. Denn ich muß in dieser Woche 10 umfangreiche Arbeiten lesen.
Innigste Grüße
Stets Dein
Eduard.
[Fuß] Wie viel "Heimatkunden" willst Du haben?
[re. Rand] Der Dekan war krank. Ich habe ihn – Gott sei Dank nur kurz – vertreten müssen.