Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Januar 1924 (Wilmersdorf)


[1]
|
Wilmersdorf, den 24.I.24.
Mein innig Geliebtes!
Hier folgt die Fortsetzung meines Briefes. Du findest in dem verschlossenen Umschlag die Geschichte der Vorgänge, die mich so stark bewegt haben. Stelle ihn so wieder her und bewahre das Ganze bei Deinen Papieren auf. Die anderen Briefe wirken in diese Ereignisse hinein und müssen nach dem Datum in ihrer Momentwirkung beurteilt werden. Diese bitte ich mir zurückzusenden.
Und nun zum begleitenden Kommentar! Vor allem bitte ich Dich: Zürne Susanne nicht, und schätze sie nicht geringer, sondern bewahre ihr Deine Freundschaft. Ist jemandem zu zürnen, so bin ich es. Ich wünsche mich nicht anders darzustellen und nicht anders gesehen zu werden, als ich bin. Die Voraussetzungen, die in meiner Gemütslage enthalten waren, habe ich Dir geschildert.
Eine eigentliche Lösung dieser Probleme gibt es nicht; nur ein Durchkämpfen und Überwinden. Jene Seite des Lebens ist nicht unedel. Und sie ist in mir nicht schwach entwickelt. Aber es gibt – ähnlich wie bei Goethe – Perioden in mir, in denen das alles besonders stark aufwallt. Sie sind zugleich die Zeiten meiner
[2]
| größten Schöpferkraft, allerdings auch Zeiten, in denen ich gesundheitlich ungeheuer leide. Denn Neuralgien, Müdigkeit, Hypochondrie – alles hängt damit zusammen.
Quälend treten hierzu die psychoanalytischen Theorien, mit denen ich nicht so fertig bin, wie es in dem Buch ausgesprochen ist. Jene Lösung ist papieren, für andere und für mich. Ich selbst bin das Kind – wenn ich einmal den besten Fall annehme – einer leidenschaftlichen Aufwallung. Das lebt nun einmal auch in mir. Wollte ich die bürgerlichen Maßstäbe zu letzten machen, so hätte ich ja wohl überhaupt kein Daseinsrecht. Ich will und kann aber auch nicht die Maßstäbe meines Vaters zu meinen eigenen machen. Ich kann diesen Mann nicht freisprechen und nicht verurteilen. Sein Fehler war im ganzen mehr das Wie als das Was. Er ist mit seinem ganzen Leben an diesem Problem gescheitert. Mich hat er damit vom ersten Lebenstage an in ein Verhängnis verstrickt, das lange passiv war, aber doch auch aktiv wurde und ist.
Das Antinomische aus unsrem Leben herauszubringen, ist noch niemandem gelungen. Irgendwo bleibt die Wunde, die leere Rolle, und tausend Siege über sich selbst und das Leben löschen sie nicht weg. Susanne hat in diesem Zusammenhang auch nur eine Symbolfunktion. In demselben
[3]
| Augenblick, in dem ich ihr gegenüber zu weit ging, kam jener andere Brief mit dem Inhalt: Du bist ja garnicht elementar, ursprünglich genug, um überhaupt weit gehen zu können.
Das ist die Situation, und sie bleibt ungelöst, wenn ihr auch, wie es scheint, der Charakter des unmittelbar Gefährlichen genommen ist. Und hat man einmal angefangen, mit diesen Augen in die Menschenwelt zu sehen – da ist keiner, der diesem Dämon nicht irgendwo geopfert hätte, dessen Stärken nicht mit traurigem Verlust erkauft worden wären, so daß man fühlt: Auch du wurdest damit nicht fertig. "Jedermann".
Ich schreibe heut wieder unter einer neuen Depression, der Depression vollkommener Leere. Morgen wird der Organismus durch Energie wieder angekurbelt, und dann läuft er wieder, wie er muß. Das ist nicht die innere Lage, in der man Erzieher sein kann. Es ist einfach eine psychische Unmöglichkeit. Natürlich: die erworbenen Bestände funktionieren weiter, aber wie steht es dabei mit der absoluten Wahrhaftigkeit? Die Lebensprobleme sitzen doch viel tiefer und sind viel schwerer als die Schulphilosophie sie gelten läßt.
Im übrigen: ich bin noch in keiner Situation völlig unterlegen. Aber die Wunden machen doch nicht nur stärker, sondern auch müder.
[4]
|
Mit Schrecken lese ich, daß Du dich so furchtbar an der Stirn gestoßen hast. Diese schauderhafte Dunkelheit des Winters! Selbst elektrisches Licht würde davor nicht ganz behüten! Ich fürchte, daß auch Deine Nerven davon recht unangenehm erschüttert worden sind.
Dein Brief kam heute Mittag. Das mit den Selbstmordandrohungen gehört zu dem pathologischen Erbgut Deiner Familie. Hat man solche Stellen in sich erkannt, so kann man und soll man dagegen kämpfen, nicht aber sich dem Reiz hingeben, den gerade das Pathologische immer hat. Nur ich möchte doch glauben, daß die dahinterliegende Furcht auch zu solchen Schwächen gehört. Solange wir aneinander glauben – was soll denn da geschehen? Aber dieser Glaube ist alles. Und Wahrhaftigkeit ist das andere, was sein muß. Ich werde nie eine Falte meiner Seele, auch wenn ich mich ihrer schämen müßte, verber vor Dir verbergen. Das wäre der verhängnisvolle Schritt. Du siehst mich heute ganz – ob alt ob neu – ich bin derselbe wie seit Jahren. Aber es ist vieles in mir seltsam, fast krampfhaft. So war ich heute gebeten, in einem vornehmen Hause mit dem Grafen Keyserling zusammenzutreffen, der mich kennen zu lernen wünscht. Mich "kennenlernen"! Ich wäre eher von Berlin fortgereist, ehe ich dorthin gegangen
[5]
| wäre. Denn ich trage meine Fragmente nicht gern herum. Und mein Ganzes – wer will denn das, wer begreift denn das außer Dir?
Das aber ist nun wieder im Irrtum, wenn Du sagst, das Ganze des Buches sei Dir vertraut. Denn da ich damals, als ich die Vorlesung hielt, den entscheidenden Einheitsgedanken noch garnicht hatte, da er sich überhaupt erst im letzten Kapitel ganz entfaltet, so kannst Du ja diesen Gedanken auch nicht <unleserl. Wort> haben.
Zum Schluß noch eines: Wundere Dich nicht, wenn die zwischen Susanne und mir gewechselten Briefe nicht beiliegen. Es ist an ihnen nichts zu verbergen, weder von ihr, die wirklich in ihrer einfachen Seele ganz rein ist, noch von mir. Aber von meinem ersten Brief, der ganz kurz war, existiert keine Abschrift. Der zweite würde, nachdem nicht geschehen ist, was er ausspricht, heute gelesen, theoretisch wirken. Und ihre Briefe allein mochte ich nicht beilegen. Was in ihnen drinsteht, ist so einfach, daß man es erraten kann. Er ist voll Liebe, und sieht nirgends in die Tiefe – denn die ist ja in ihr mit diesem einen Wort und Gefühl erschöpft.
Ich muß für heut schließen. Lebe wohl, Du mein ganzes Glück und liebes Herz. Gute Besserung!
Dein
Eduard.