Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Februar 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 20. Februar 1924.
Mein innig Geliebtes!
Es scheint mir nicht richtig, diesen Brief nur deshalb zu verschieben, damit er nicht vor dem 25.II. bei Dir eintrifft. Die Pause ist ohnehin schon größer geworden, als mir lieb ist, und Du kannst ja am Montag das, was sich auf den Geburtstag bezieht, noch einmal extra lesen. Im übrigen sind meine Geburtstagsgaben sehr dürftig. Ich hoffe ein Buch zu bekommen, das Dich einmal interessierte. Ein schönes, mir liebes Buch. Aber meistens sagt der Buchhändler von solchen: nicht vorhanden, oder vergriffen, und dann bleibt nur das zweitbeste. Das Futter zum Kostüm dürfte verspätet kommen, wenn es schon fertig ist. Also bleibt nur ein Wechsel auf die Zukunft, bestehend in dem Projekt, etwa 5 Tage nach Baden-Baden zu gehen, und dies doch wohl am besten erst nach Heidelberg, da es diesmal sehr spät warm zu werden scheint. Wir wenigstens haben hier jede Nacht noch 9°R Kälte. Selbst Frl. W. bekam einen Schnupfen, der im ganzen - vorübergehend - etwas erkältend wirkte.
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Es ist mir doch sehr lieb, daß Du in Cassel warst. Gewiß eine anstrengende und eine aufregende Fahrt. Aber, nach Menschen Ermessen, ein Abschied bei Bewußtsein, und das ist doch für den Zurückbleibenden immer ein beruhigendes Gefühl. Den Heimatkundeaufsatz habe ich zum 75. Geburtstag geschickt. Hoffentlich genießt der arme Patient noch einige Frühlingsmonate mit einigen Freudenblicken. Es wäre ihm doch gewiß wohltuend, Rudis Abiturium noch gesichert zu sehen.
Ich habe so angestrengt gearbeitet, wie es im Monat Februar zu liegen pflegt. Unendliche, meist schlechte Manuskripte habe ich erduldet. Es ist aber Gottlob alles immer noch zu bewältigen gewesen, und es geht mir gesundheitlich ganz erfreulich, abgesehen von einer gewissen Reizbarkeit und Ungeduld, die wohl damit zusammenhängt, daß ich zu sehr in die Rolle des Grandseigneur hineinwachse, um mir noch mit der Selbstbeherrschung die nötige Mühe zu gebe. Aber der Gnadenstand kommt auch mit äußerlichen Zeichen. Das, was die Hülle der Bauchgegend zu bilden hat, wird mir jedenfalls notorisch zu eng. Hierfür schulde ich dem
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| regelmäßig genommenen Lebertran Dank, den ich eingeführt habe, als ich allerhand Brustschmerzen hatte, die nun aber auch vergangen sind.
Vor 9 Tagen sprach ich in Potsdam im Auftrage der Neupfadfinder über das "Seelenleben des Jugendlichen" in der maßlos überfüllten Aula des Gymnasiums. Ich war wenig gut disponiert und sprach schlecht. Das gefällt ja aber den Leuten meistens am besten. Außerdem ein Tag mit eisigem Oststurm und eine Woche, in der es kaum je vor 12 oder 1 Feierabend gab. - An Deinem Geburtstag wird nun eine ganz große Sache steigen: die Schlußfeier der Studiengemeinschaft, 5 Uhr im Zentralinstitut. Die Mitglieder haben die Sache zu einem großen "Fez" aufgetakelt. Dies ging schon daraus hervor, daß der übliche deutsche "Stunk", der bei keinem gemeinsamen Fest ausbleibt, auch hier pünktlich eintrat, übrigens in Formen, die mich sehr belustigten; und es scheint, als ob wirklich eine üppige Geschichte zustande kommen sollte. Denn die höchsten Würdenträger haben schon zugesagt und wollen sogar an dem Bierabend teilnehmen. Und im Ministerium heißt es auf einmal, ich hätte nur zu fordern brauchen, dann wären alle Quellen geflossen -
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| - na, wir haben ja gesehen.
Die Vorlesung hält sich auf einer Höhe von 450 regelmäßigen Besuchern und gelingt mir selbst so erstaunlich, daß ich (ohne Unbescheidenheit) sagen darf: es sind die Jahre der erreichten Meisterschaft, in denen die Natur einem gewährt, auch das unvollkommen Vorbereitete gleichsam kampflos zum Ganzen zu formen. Augenblicklich stehe ich bei einer Analyse des Gegenwartsgeistes, in dessen Mittelpunkt ich die "immanente Mystik" gestellt habe. Du siehst, daß ich - ungewollt - alle Grundmotive fortspinne. Wann war es doch, daß ich Dir darüber eine Skizze sandte?
Beinahe zum 1. Male in meinem Leben befinde ich mich auch in geordneten, auskömmlichen Finanzen. Ich habe kleine Verbesserungen gemacht, so im ganzen für 100 M wertvolle Bücher gekauft, ein Bücherregal machen lassen, das genau zwischen Sofa u. Tür paßt (40 M) und eben heute für die 3 Hinterfenster Vorhangstoffe erstanden (31 M.) Mein weiterer Ehrgeiz geht auf Teppiche und vielleicht auf einen leichten Lodenmantel, den ich mit auf die Früh
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|jahrsreise nehmen möchte. Für die Lebensformen, die in 14 Tagen fertig sind, habe ich ca 4000 M zu erwarten, und das Kolleggeld habe ich auch noch garnicht erhoben, obwohl die ersten Belegenden 0,04 M für die ganze Semestervorlesung eingezahlt haben!
Entweder gibt es sehr wenige in Deutschland, die etwas taugen, oder ich tauge sehr viel. Mindestens 20 Aufforderungen zu Vorträgen in der Osterzeit habe ich erhalten. Ich nehme nur, was mir gerade einfällt: Düsseldorf, Marienburg, Königsberg, Danzig, Riga, Cottbus, Görlitz, Breslau, München, Tübingen, natürlich vielfach in Berlin, u.s.w. Die Kerschensteinerfestschrift ist in Vorbereitung. Die Riehlfeier muß in die Hand genommen werden. In Königsberg bin ich natürlich eingeladen. Und mindestens 3 wichtige Aufsätze sollen auch noch geschrieben werden.
Neben alledem habe ich fortdauernd, sehr viel mit mir selbst zu tun gehabt. Es ist manchmal hart hergegangen. Denn es handelt sich um ein Epochenhaftes, was aus den Untergründen der persönlichen Entwicklung aufwallt, und was nicht mit einem "Entschluß" erledigt ist. Aber ich bin so weit, alles dies auch als
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| sinnvoll und notwendig in meinem Gesamtbilde, nicht mehr als Fremdkörper zu empfinden. Und so wird mir auch dies zum Reichtum. Denn schließlich lebt man nur, solange man kämpft. Und ich bin wie neugeboren, seitdem wieder einmal eine Bewegung in mir ist. Alles quillt und strömt, und doch beginne ich zu ahnen, "wie alles sich zum Ganzen fügt", freilich nur zu ahnen. Oft wankt alles bis in die tiefen. Aber dadurch kommt auch Trost in die Tiefen.
Nicht alles wankt. Die hellsten Sterne stehen fest. Und es bleibt auch meine Heimat in Dir die gleiche. Meine Ungeduld auf den 10. März ist groß. Es sind ja nur 14 Tage nach Deinem Geburtstage. Sorge nur dafür, daß wir die kurze Zeit - etwa 17-19 Tage ungestört von Äußerem ausnützen können, und daß Du nicht allzu erschöpft bist, wenn ich komme. Denn es gilt doch, neue Höhen zu durchleben, und das kann man nur, wenn man vom Druck des Alltags möglichst frei ist. Es gibt tausenderlei gemeinsam zu denken, zu besprechen, zu ergründen, wie es immer
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| zwischen uns war. Inzwischen aber fliegt meine Seele schon sehnsuchtsvoll zu Dir und begrüßt Dich an dem Tage, an dem mir die Planeten zum freundlichsten Gruße standen. In all der rätselhaften "Metamorphose" des Menschen entfaltet sich nur die in ihm schlummernde Wahrheit tiefer. Ich habe bisher noch keine Wahrheit gefunden ohne Dich. So soll es auch bleiben.
Heut aber ist es schon spät - ich schreibe nach der Senatssitzung, also nach einem 11stündigen Dienst. Und so muß ich jetzt abbrechen, obwohl noch lange nicht alles gesagt ist. Sei tausendmal innig gegrüßt zum 25.II. und fühle meine raumlose, zeitlose Nähe.
Dein Eduard.

Die Briefe von der Stümcke u. Susanne habe ich nicht zurückerhalten. Sie müssen noch bei Dir sein.
Die eingeschriebene Sendung v. Niemeyer war an - Rothacker.
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Schleiermachers Platoübersetzung von 1817 mag eine andere Orthographie haben, als die von 1855. Ich kenne die ältere Ausgabe nicht. Gefällt der unvollkommenen Scheibe (heute ist übrigens direkt Mondfinsternis) die Ort. von 1817 nicht, so ist garnicht einzusehen, weshalb ihr die von 1855 besser gefällt. Sie soll dann doch alles in neue Orth. übertragen. Denn irgend ein authentischer Wert kommt der von 1855, wo Schl. längst tot war, natürlich nicht zu. Auch soll man den Pheidos nicht abschreiben, sondern im Herzen tragen. Na, wir werden ja sehen. - Mein Platoseminar blieb sehr mäßig. Werner Jaegers Schüler haben mir nichts geholfen, und es will mir scheinen, als nähme er ab, aus physischer Schwäche. Seine Frau, die ich direkt liebe, wenn ich sie sehe, ist in Garmisch. Sie ist recht herunter mit ihren Kräften.
E.

Morgen früh ½ 8 aufstehen. Ziel: Neukölln, Besichtigung einer Bauzweckschule.
Felizitas wächst jetzt in das hinein, was ich mit ihr gewollt habe. Wie schön!!