Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3./5. April 1924 (Wilmersdorf)


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Donnerstag, 1 Uhr, 3. April 24.
Paket noch nicht angekommen!
Mein innig Geliebtes!
Gestern habe ich 13 Briefe, heut bereits 6 und ein Ms. von 22 Seiten auf die Post getragen. So geht es Tag für Tag. Ich bin der Verzweiflung nahe; nie ein Buch, nie Studium, nie Wissenschaft. Mein Kopf ist vollständig angefüllt mit lauter kleinen und kleinsten praktischen Dingen. Verzeih, wenn ich zerstreut bin und auch heut auf das tiefere Deiner lieben Briefe nicht eingehe. Meine Stellung würde unter diesem Druck auch allzu negativ ausfallen.
Ich will Dich nur über das Äußere orientieren. Bei Riehls traf ich Jaensch, einen angenehmen Mann. Sonst geht es erträglich dort, mehr nicht. H. Maier ist wieder da und voll von Feuer der Aktion gegen die drohende Fakultätsteilung. Ich habe ihm gesagt, diesmal solle er die Sache machen, ich hätte mit m. Vorlesung zu tun. Heut Abend müssen gegen 100 Drucksachen wegen Riehl fertig gemacht werden. An Propp habe ich wegen der Adresse geschrieben. Lehnt er ab, so mußt Du uns schon helfen; und zwar denke ich, man stellt einen schönen Umschlag her, etwa in Größe dieses Bogens, oder etwas größer. Dann kann jeder beliebige Text im letzten Moment eingefügt werden. - Elisabeth Scholz soll es sehr schlecht gehen. - Der Paß ist gekommen.
Ich fahre Sonnabend sehr früh hier ab, bin in 12 Stunden in Düsseldorf, wohne dort bei Studienrat Dr. Hoesch, Jülicherstr. 84. Am Sonntag fahre ich nach Cöln, wo ich mich an beiden Stellen angemeldet habe. Am Mittw. sehr früh wieder fort. Vielleicht gehe ich am Abend dann hier noch in den Senat. Freitag früh Abreise nach Marienburg, Direktor Schwanbeck, Seminar. Dort bis 17. April. Ob ich nach Königsberg gehe, behalte ich mir vor. Da ich noch nichts für die Vorlesung getan habe u. die Verhältnisse in K. nicht gerade lockend sind, kehre ich vielleicht gleich zurück. Auch das Wetter ist maßgeblich. Heut früh lag wieder Schnee. Es ist sehr rauh. Zu Goethe komme ich garnicht mehr. Alles ist unhaltbar. Ich wundere mich manchmal, daß ich bei dieser Unlust noch so viel erledige.
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Abends 11 Uhr. Das Schicksal dieses Briefes ist typisch. Um ¼ 2 - während ich beim Essen saß - kam Dr. Herchenbach auf der Durchreise. Er freute sich, daß es diesmal "so gut paßte", saß bis 3 Uhr bei mir. Mit Mühe kramte ich m. Bücher zusammen, ohne sie angesehen zu haben, jagte in die Stadt. Post. Sitzung der Studiengemeinschaft. Seminargeschäfte. Eine Besorgung. Um ½ 8 zu Hause. Mit Susanne, die in allem kontrolliert werden muß, 70 Drucksachen fertig gemacht. Um 10 damit zu Ende. Von 10-11 die nötigsten Notizen für die Düsseldorfer Vorträge. Und nun möchte ich hier noch weiterschreiben. Aber es geht nicht. Wenn ich, wie es dabei der Fall wäre, über m. Situation nachdächte, würde mich nur die Verzweiflung packen.
Ein seltsam feierlicher, nicht ganz natürlich empfundener Brief von Goldbeck. Ein Artikel aus einer Breslauer Zeitung über die - Denkschrift des Kultusministeriums über Schulreform, der sich - in der Voraussetzung, ich hätte wesentlichen Anteil daran, spaltenweise mit einer Analyse meines Wesens beschäftigt. Dabei habe ich diese Denkschrift, die Susanne gekauft hat, von ihr mir gepumpt und noch nicht einmal gelesen. Schöne Zustände. Es ist nur eine Stimme, daß Bölitz weg muß. Aber solche Nullen halten sich jetzt am besten. Wenn ich nur von der Vorlesung für den Sommer frei werden könnte. All mein Arbeiten ist ja nur noch Dilettantismus. Jeder Anfänger ist in der Literatur mehr auf der Höhe.
Du siehst, ich kann dir nichts Gescheites schreiben. Habe nur Geduld und Nachsicht mit mir. Ich brauche beide sehr. Es ist alles hier nicht so, wie es sein sollte. Diese Labyrinthik! Vielleicht gehörte nur Energie, oder nur Härte, dazu, um alles zu lösen. Aber ich kann das jetzt nicht. Wer sägt den letzten Ast ab, auf dem er sitzt?
Weißt Du, daß ich 460 M Steuern von m. Bücherhonoraren, d. h. 1/5 zu zahlen habe? Heinrich Maier will für Riehl 40 M geben!! Nicht mal die Adressen hat man mir von Babelsberg rechtzeitig geliefert.
Ich lege 30 M ein, nicht mehr, der Sicherheit wegen. Habe tausend Dank für Deine Liebe in diesen Tagen. Es kommen auch mal wieder bessere Zeiten. Ich verwünsche das sog. Berühmtsein. Was bringt es, als Anliegen und Belästigungen? Eine stille Studierstube habe ich nicht mehr, auch nicht außerhalb Berlins.
Grüße den Vorstand. Ich bin in herzlicher Liebe Dein geplagter Eduard.

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Sonnabend früh.
Heut früh ist das Packet angekommen. Ich danke tausendmal dafür; auch für die schöne Zigarrentasche, die ja nun in D. wieder verloren gehen kann, für den Lungenschützer u. das Gebäck.
Propp macht die Adresse.
Was wir bei Carlebach gekauft haben u. übrigens auch noch nicht gekommen ist, befindet sich vollständig im Seminar.
Noch einmal herzliche Grüße. Heut sind 4 Besuche gemeldet.
E.