Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. April 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 10. April 1924.
Mein innig Geliebtes!
Der Stoff ist ins Unheimliche angeschwollen. Es ist gar keine Aussicht, ihn heut zu bewältigen, zumal schon 15. Briefe heut geschrieben sind und ich bald ins Bett muß, um morgen früh in die – Schneelandschaft hinausfahren zu können. Daher nur kurz den tiefsten Dank für Deine beiden Briefe nach D. und den heutigen nach hier. Sodann ein Bericht über das Wesentlichste.
Tante Tilly Koch ist eine heiter-lebhafte Natur, von warmer Herzensbildung, noch heut sympathischem Äußeren, eine muntere Siebzigerin, mit der ich in einer Minute aufs innigste vertraut war, obwohl ich sie bis dahin nur einmal, und zwar vor 29 Jahren – gesehen hatte. Ich trank bei ihr Kaffee, wir fuhren auf den Friedhof zu Tante Bertha, und um 6 erreichte ich meinen Zug nach Düsseldorf. Abends arbeitete ich eine Stunde und konnte um 10 ins Bett.
Meine 4 Vorträge gelangen formell sehr gut. Inhaltlich waren sie (für mich) keine meiner Höchstleistungen. Ich bin eben ausgepumpt. Als ich anfing, war der Saal
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| noch nicht ganz voll. Beim dritten Satz tat sich die Tür auf, und es kamen noch 250 Personen herein. 5 Min. darauf fiel eine Dame in Ohnmacht. Alles nicht sehr stimmungsvoll zum Anfang. Aber am Schluß des 1. Vortrages hatte ich meine ca 700 Hörer und behielt sie bis zum letzten. Nach mir sprach Litt; ganz meisterhaft, wie ich es kaum je gehört. Scharf, treffend, voll von Groll über Sachsen, energisch, geistvoll. Den meisten war er zu konservativ, daher schien mir meine Wirkung doch tiefer zu sein. Der liebe Kersch. hörte alle 8 Vorträge mit an. Der 3. Redner, Jesuit Graf Dunin-Borkowski gewann durch seine schöne Erscheinung u. sein sanftes, feines Wesen. Leider konnte ich ihn nicht hören.
Montag Nachm. wird mir unvergeßlich bleiben, obwohl ich wieder unter m. Armbeschwerden litt. Wir gingen durch den schönsten Teil der Stadt (größtenteils der alte Jacobische Besitz) dann fuhren Kersch, Litt, mein Wirt Hoesch u. s. sympathische Frau mit mir nach Wittlaer am unteren Rhein. In einem Fischerhaus (u. Künstlerklause) tranken wir unter heiteren Gesprächen Kaffee, gingen dann an dem herrlichen Ufer nach Kaiserswerth. Dort eine uralte Pfalz (!)
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| eine romanische Kirche mit dem goldenen Schrein der Gebeine des Hl. Suitbert, alte Straßen, Fliedners Diakonissenanstalt. Ein sonniger Tag, ein sanfter Abend – kurz ein tiefes Erlebnis. Dienstag schloß ich meine Vorträge mit ein paar kräftigen nationalen Worten unter tosendem nicht endenden Beifall. Erythropel sagte mit seiner markigen Stimme: "Nur 2 Worte! Dank! Und wir wollen dem nachleben." Wieder tosender Beifall. Nochmals brachte ein katholischer Konvertit (natürlich Jude) eine ultramontane Friedensstörung, die ich nicht gehört habe. Ein kurzer Weg durch die Stadt. Das muß man gesehen haben! Militär über Militär. Kaum ein Haus ohne prätentiöse französ. Inschrift. Diese Bedrückungen muß man sich erzählen lassen! Dann kocht das deutsche Gefühl nur so auf. In Köln bei den Engl. ist alles viel besser. Um 5 Kaffee für die 3 Solisten bei Erythropel. Er erzählte sehr interessant von dem französ. General Morin (Kavalier) und von d seinen eigenen Gesprächen mit Hindenburg über Hitler. H. scheint über letzteren nicht günstig zu denken. Kersch, obwohl selbst ganz anderer Richtung, stellte ihm das beste Zeugnis aus. Um ½ 7 Diskussion über m. Vorträge. Etwa 250 anwesend. Viel
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| kam nicht heraus. Aber ich hatte auch hier Fühlung, selbst mit den Katholiken. Um ½ 8 Diskussion über Litt, der sich wieder glänzend als Herr der Situation erwies. Er ist ein Mann. (Du weißt, daß er sein Buch in 2. Aufl. mir gewidmet hat.) In den nächsten Tagen spricht er an m. Stelle in Danzig. Vielleicht kommt er nach M. u. wir gehen zusammen nach Königsberg.
Bis Mitternacht in heiteren Gesprächen mit Hoeschs. Um ½ 6 auf. Um ½ 7 aus dem Hause, um ½ 7 zu Hause, nach sehr guter Fahrt. Niemand am Bhf. ca 35 Postsachen, meist gehaltlos. 12 Stunden Schlaf. Heut nur Laufendes erledigt.
Nachm. kam Susanne. Es ist zweifelhaft, ob sie reist. Siehst Du, das ist etwas ganz Labyrinthisches. Ich kann sie nicht mehr entbehren. Ich sehe sie gern. Ich habe sie gern. Aber darüber hinaus geht es nicht. Und deshalb ist dieses Problem kein ernsthaftes Problem. Gewiß, ich entbehre etwas, eine Seite des Lebens. Mir fehlt jetzt Kraft und das große Ziel, das mich dafür ganz entschädigen könnte. Ich fühle mich hier tief einsam. Das ist die Situation. Du kennst sie ja aus wiederholten Schilderungen. Neues ist dazu nicht zu sagen. Einen Ausweg gibt es auch
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| nicht als mit Kraft und Reinheit danach zu streben, daß der sinnliche Unterton in der Beziehung zwischen Susanne und mir sich zu einer reinen klaren Freundschaft emporläutert. Daran arbeiten wir beide mit immer erneutem Ernst. Wenn es nicht sogleich gelingt, so wollen wir doch nicht aufhören, danach zu streben.
Du aber lebst in meinem Herzen mit einer ganz anderen Glorie. Und weil Du mir alles bist, so komme ich auch voll unendlichen Vertrauens mit allem zu Dir. Du verstehst es, wenn ich Dir sage: Laß mir diese Beziehung, die ich nicht töten kann, weil mein tägliches Leben hier sonst sein bißchen subjektive Wärme einbüßen würde. Vielleicht verurteilst Du dies als "Halbheit". Aber das Ganze ist weder nach der einen noch nach der anderen Seite möglich. Das Wichtigste ist, daß Du mir ganz so nahe bleibst wie seit Anbeginn. Dann werde ich nicht schwach werden. Deshalb danke ich Dir für Deine häufigen Briefe, die ich ja freilich in m. chronischen Reisezustand nie ganz ausreichend beantworten kann.
Es ist gut, wenn Du Frau Weinkauf 3 mal kommen läßt. Tu es um meinetwillen. – Natürlich
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| bitte ich auch um die Notizen aus dem 1. Teil von Dichtung u. Wahrheit, so wie später aus den Wahlverwandtschaften, die ich eingeschrieben schicken werde.
Die Jugend, die die Herbig meint, ist frisiert. Ich kenne sie auch. Es ist gemachte Jugendbewegung, die man bei der 10 Jahresfeier auf den hohen Meister ausgetrommelt hat.
Hanna Schwalbe sehe ich hier vielleicht einmal. Ich wollte ohnehin das Lette Haus besuchen. – Das Notizbuch ist eigentlich aus Versehen liegen geblieben (wir haben schön gepackt diesmal!) Aber ich brauche es jetzt nicht. – Handelt es sich bei Hennings Vorträgen um Rom? Ich dächte, um Neapel? Da gehen alle Juden u. charakterlosen Leute hin.
Mit der Riehlsammlung geht es sehr flau. Niemand hilft. Heinrich Maier fängt an, mich zu ärgern. Nicht einmal, daß er mein Buch bekommen hat, hat er gesagt. Ein rechtes schwäbisches Schaf, das sich sehr klug u. tätig dünkt.
Nun muß ich schließen. Es ist noch nichts gepackt. Sei mir unendlich oft gegrüßt, mein liebstes Herz. Ich bin immer bei Dir. Dein Eduard.