Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. April 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 29.IV.24.
Mein innig Geliebtes!
Mittwoch Abend bei meiner Rückkehr von K. fand ich Deinen lieben Brief, der mich erfreut hätte, wenn er nicht die Nachricht von dem Tode Paul Ruges enthalten hätte. Es liegt etwas schwer Tragisches über dieser Verbindung, über die wir vor langen Jahren zweifelnd und doch zuversichtlich sprachen. Als Deine arme Schwester heimging, mußte man es in doppeltem Sinn als Erlösung auffassen. Der Tod von Paul erscheint mir fast tragischer; denn das Wort ".....und hätte der Liebe nicht" verfolgt mich dabei. Die armen Kinder! Es fehlt doch die eigentliche Heimat, vielleicht das lebendige Bild der Mutter, sicher das des warm sorgenden Vaters. - Auch mich hat der Gedanke, den Du andeutest, einmal bewegt. Wenn ich mich frage, warum seine Verwirklichung so ganz jenseits des Möglichen liegt, so komme ich wieder auf den alten Knoten in mir: Verzicht auf alles Persönliche um der objektiven Funktion willen, absolute Versachlichung, und ich muß lächeln, wenn ich denke, daß Litt (der eben Familie hat) dies als das eigentliche Evangelium in Düsseldorf u. Marienburg
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| predigte.
Von den Ereignissen der Zwischenzeit werde ich Dir schwerlich eine lückenlose Schilderung geben können. Ich fange bei Elbing an. Der Fall liegt dort so: Sie, in erster (7 jähriger) Ehe geschieden, jetzt mit einem 29 jährigen Musiker und Juristen verheiratet, vor ¼ Jahr zum 2. Mal entbunden, ist so schwer tuberkulös, daß sie nur mit einer kurzen Lebensdauer zu rechnen hat. Sie möchte nun die Erziehung ihrer beiden Kinder (Junge 2½ und Mädchen ¼) im voraus festlegen, ganz in ihrem Sinne. Ich sagte ihr, daß man dies nicht könne, daß aber alles auf die 1. Erziehung, und vieles auf ein geistiges Vermächtnis ankomme. Gegen 3 Stunden saß ich mit ihr in m. Hôtel, zum Schluß auch der noch sehr jugendliche, aber brave Gatte. Am nächsten Morgen, sehr pressiert, besuchte ich sie noch für 20 Minuten und gab ihr in dieser Zeit einige praktische Erziehungsbeispiele; daß ihr der Mund offen stand. - Ein schwieriger Fall, wie Du siehst.
In Königsberg bestand meine Seligkeit in dem Hôtelwohnen. Goldene Freiheit, mit 100 M nicht zu teuer bezahlt. Erst am Sonntag Abend trat ich aus m. relativen Inkognito heraus. Ich hörte Driesch, formal
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| und didaktisch exzellent, inhaltlich recht diskutabel. Dann las Menzer einen nicht ganz ausgereiften Vortrag, den Heinrich Scholz geschickt hatte. Die eigentlichen Festtage standen unter dem Zeichen schlechtesten Wetters (Schneesturm.) Prunk überwog den Geist. Harnack war das Beste. Abends Musik in der Stadthalle u. Begrüßungen (Jarres u. preuß. Ministerpräsident Braun, ein Königsberger Sozi.) Im Salon machte ich, trotz meines unhochzeitlichen Gewandes viele Bekanntschaften: Bölitz begrüßte mich zweimal durch Handschlag, schien sich aber "nicht zu erinnern". Also werde ich ihn erinnern müssen. Der Reichspräsident Löbe sprach mich auf m. Jugendbewegungsvortrag hin an. Frau Driesch "sammelte" mein Autogramm. Driesch sagte mir über m. Psychologie so Dummes, daß ich sah, er hat nicht eine Zeile gelesen. Die anderen In- u. Ausländer will ich nicht aufzählen.
Dienstag Feier der Universität im Theater. Farbenprächtig, theatralisch. Bodenlos flache Rede des dortigen Ord. Goedeckemeyer. Anscheinend um Niveau zu zeigen, hielt Becker auch einen Vortrag, geistvoll, schief, ohne erkennbare Entscheidung der aufgestellten (falschen) Alternative - jedoch mit lyrischem Schluß. Nachm. Bohnenmahl der Freunde Kants. Rede von Unger.
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| Mein Nachbar Heimsoeth. Abends Festtheater, Fidelio. Nichts wie Beethoven, der aber nicht zu Kant paßt. Abends ein stiller Schoppen. Nachts um ½ 2 sprach mich noch ein Berliner Zahnarzt ehrfurchtsvoll auf die "Lebensformen" an, die nun anscheinend jeder kennt. Jedenfalls schmolz das Eis meines Gewandes, sobald ich erkannt war. Mittwoch fuhr ich mit Harnack im gleichen Zuge zurück. Da aber S. Exzellenz erst "den andern Tag" zu speisen schienen, traf ich im Speisewagen nur den - Pedell als Tischgefährten, der mit den goldnen Ketten und Staatsgewändern reiste.
Vergessen habe ich noch das gemütliche Essen bei m. Spezialkollegen Schultze. Er führt diesen Namen mit Recht. Ist aber ein lieber, braver Mann, mit 3 netten Kinder. Seine Frau ist Heidelbergerin, Rohrbacherstr. 60 (z. Z. Wiesloch.) Angenehme, liebe Frau. An m. Stelle logierte bei ihnen ein Oberlandesgerichtsrat aus Stuttgart, der mich damals gehört hatte u. d. "Lebensformen" kannte.
In Berlin begann gleich die Arbeit für die Riehlfeier. Die Vorbereitungen klappten. Es sind ca 1400 M von ca 70 Leuten eingegangen. Wir haben überreicht: 1 künstl. nicht ganz gelungene Adresse, 1 Buch über Südtirol, 250 Zigarren, 65 Flaschen Wein, 500 M in bar für
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| Pflege u. Verschönerung des Gartens. Nach unserem Wunsch soll ein Baum zum Gedächtnis gepflanzt werden. Ich fuhr mit Susanne früh heraus, fand ihn recht gut und munter. Die Zahl der Gratulanten betrug ca 35-40 am Vormittag. Der Rektor fehlte. Es sprachen der Dekan, H. Maier (gemütvoll, vergaß aber alles geschäftlich Wichtige, semper idem), Wenke; der letzte am besten. Bei weitem am besten aber Riehl in s. Erwiderung. Anwesend waren u. a. Meinecke (!), Ed. Meyer, Stumpf, Exc. Schmidt-Ott etc. Um 1 hatten sich alle verzogen. Zu Tisch war nur ich da. Nachm. kamen nur wenige einzelne. Der Tisch war überreich mit Geschenken u. Ehrengaben bedeckt; auch zahlreiche Briefe, Telegramme, etc. Die Südtiroler hatten eine eigene Aktion gemacht. Was in Berlin vor sich ging, war fast ausschließlich von mir informiert.
Nun ist auch dies vorbei, und morgen beginnt der Dienst, obwohl ich, wegen mangelnder Vorbereitung, diesmal erst am 6. Mai (!) zu lesen anfange. Es wird bis Pfingsten enorm anstrengend. Das Kolleg muß ganz im Moment gemacht werden; außerdem kilometerweises Lesen täglich in Goethe. Und, was das Schlimmste ist, minderwertige Manuskripte in Fülle,
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| unter denen wieder Halfter die Blutprobe der Geduld darstellt. Was ist das Leben? Ein Sichabwickeln, leider nicht mehr ein Sichentwickeln. - Angenehm war mir der Besuch des baltischen Biologen Baron v. Engelhardt, Freundes v. Üxküll, der mir Grüße v. Frau Rijs brachte u. mit dem ich mich exzellent verständigte. Morgen Senat, übermorgen Fakultät, überall schwere Aufgaben, die ich (für Heinr. Maier) lösen muß.
Zur Nachlese bemerke ich noch, daß auf der Rückfahrt alle 4 Schwanbecks an der Bahn waren u. mir einen Kasten Eier brachten. Die Reise war schön, vor allem auch deshalb, weil ich - vielleicht zum 1. MMal - nicht zu rechnen brauchte. Quelle u. Meyer hat das Honorar erhöht u. schon voll ausbezahlt.
Wann u. wo hätte ich gesagt, daß ich in Heid. keine ruhige Studierstube gehabt hätte? - Die Dernburgstr. in Charlottenburg ist m. W. nahe am Lietzensee.
Es war ein völliger Irrtum, wenn ich aus 1 Brief an Susanne gelesen zu haben glaubte, daß sie im numerus clausus sei. Sie ist es nicht, u. ob sie weiter beschäftigt wird, erfährt sie erst morgen. Von ihrer Reise ist sie sehr erfüllt. Aber es dringt nichts sehr in die Tiefe, u. nicht einmal intellektuell wird das Wichtigste erfaßt. Ich muß jetzt schließen u. arbeiten, obwohl ich noch tausenderlei zu sagen u. zu fragen hätte. Innigste Grüße Dein
Eduard