Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Mai 1924


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2.V.24
Mein innig Geliebtes!
Es wird mir kaum gelingen, Dir in Sachen der Wahl einen vernünftigen Rat zu geben. Unter den bestehenden Parteien ist keine nach meinem Sinne. Ich gehöre zur Partei der Sachlichen, und die existiert unter den Fraktionen der Parteilichkeit nicht. Der Staat, den ich bejahe, ist der Staat der Ordnung, also auch der Unterordnung, der Pflicht und der national-kulturellen Selbstbehauptung. Diesem Gedanken am nächsten stehen die Deutschnationalen, soweit ihnen alte Beamte u. Offiziere angehören, nicht die Agrarier, die „Frommen“ und die Reaktionäre. Die Deutsch-Völkischen wissen nur, was sie nicht wollen. Ihr Mann, Ludendorff, ist nicht mehr mein Mann. Der Kampf gegen die Juden, im gewissen Sinne notwendig, ist kein politisches Programm. Die kriegerische Haltung im Augenblick noch verfrüht.
Sollte man aus reiner Vernunft, im Hinblick auf das Erreichbare, wählen, so könnte man eine zu starke Rechtsschwenkung jetzt nicht wünschen. Denn wir haben keine Macht, um nach dieser Gesinnung zu leben u. zu handeln. Aber indem ich wähle, beabsichtige ich zweierlei: 1) im Rahmen einer mir nicht zusagenden Staatsform auf eine künftige bessere Verfassung hinzu
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|wirken. 2) mein Ethos, meine Gesinnung, nicht meine Opportunitätsmeinung zur Geltung zu bringen. Ich hoffe u. wünsche, daß die, die dann im Ausgleich des einseitigen Rechts und Links wirklich zur Regierung kommen, dann das für den Augenblick Rechte pflichtgemäß erkennen u. tun werden. Aber ich kann nicht die Mitte wählen, weil dann nicht die Mitte, sondern die Linke zur Regierung kommt.
Über die gestern erhaltenen Zettel (die beschriebenen) würde ich mich mehr freuen, wenn ich nicht denken müßte, daß Deine ohnehin schon so schlimm angegriffenen Augen dadurch noch mehr in Anspruch genommen worden wären. Wie sehr ich Dir dankbar bin, weißt Du. Auch für die unbeschriebenen u. für die hübsche Erinnerung an Baden-Baden. Übrigens: Hast Du eine Ahnung, wo Deine Auszüge aus den Goethejahrbüchern sind? Habe ich sie mitgenommen? Waren sie in Deinem Packet? Oder sind sie noch dort?
Hier viel Trubel, nichts Neues von Belang. Frau Matejat schreibt mir, daß sie zum 6. Male sich einer Brustoperation unterziehen müsse (anscheinend Krebs) - Ich selbst habe gestern m. regelmäßigen Sitzungen beim Zahnarzt aufs neue für lange Zeit eröffnet. Für den Garten habe ich 8 Tannen à 9 M u. Rosen bestellt. Aber von Frühling ist hier immer noch wenig zu sehen. Ich habe heut 5 Stunden zu prüfen. Du siehst, immer nur subalterne Arbeit. Zum Kolleg komme ich fast nie. Die entsetzlichen Manuskripte.
Ich bekomme mindestens 25 Aufnahmearbeiten für Seminar. (Neue Schutzmaßnahme, wirkt sehr abschreckend.) Für heut in Eile <re. Rand> nur dies u. innigste Grüße Dein Eduard
Sonntag bei Exc. Schmidt-Ott
[li. Rand] Von Frau Witting u. Felizitas seit Anfang März nur 2 Karten
[Kopf] Riehlspende = 1455 M.