Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Mai 1924 (Berlin, Postkarte)


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22.5.24.
M. L! Schon eine Ewigkeit habe ich Dir nicht geschrieben, u. es wird leider immer noch nichts Rechtes. Wochenlang sind unter schwerer Arbeit ohne Pause, aber recht <Wort unleserlich> verlaufen. Gestern hat die Sache nun eine etwas dramatischere Wendung genommen mit der großen Sitzung im Min. über die Schulreform. Obwohl ich seit Tagen stockheiser bin, habe ich mich an die Spitze der Aktion gesetzt, und ich habe tatsächlich alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte. Viel Liebe habe ich damit in dem Hause nicht gesät. Aber Eindruck hat es gemacht. Der Chef u. der Hauptattentäter waren am Nachm. schon auf der bekannten Linie der Liebe, des Friedens u. der unbedingten Verehrung. Diese Taktik ist immer am unangenehmsten. 6 Stunden war ich dabei. (Vorher Seminar, abends "Spitzendiner" der Univ. beim Rektor.) Von den Geladenen Professoren hat auch nicht einer pro gesprochen. Abends saß ich neben Wilamowitz u. hatte mit
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| Harnack angeregte Aussprache über vielerlei. - Wie geht es Dir denn? Siehst Du etwas vom Frühling? Ich buchstäblich nichts, weniger als je. Das Kolleg erfordert alle Arbeit. Selbst Goethe kommt nicht weiter. Von hier sonst gar nichts zu erzählen. Aber ein Brief folgt sobald wie möglich. Behalte inzwischen Geduld u. sei meines innigsten täglichen Gedenkens gewiß. Dein Eduard.