Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25./27. Mai 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 25.5.24.
Mein innig Geliebtes!
Ich habe nun also 3 Briefe von Dir und Du noch keinen in diesem Semester von mir. Es wird sehr schwer möglich sein, alles nachzuholen, und ich bitte Dich im voraus wegen des zu erwartenden Durcheinanders um Nachsicht.
Zunächst möchte ich mitteilen, daß ich gestern einige Minuten mit Herrn Quelle gesprochen habe. Es kam eigentlich weiter zu nichts, als daß er immer wieder versicherte, der Erfolg des Buches sei ungeheuer; noch sei keine Besprechung da und doch würde es in Massen gekauft; ein solcher Fall sei ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen. Im September soll mit dem Druck der neuen Auflage begonnen werden. Da wäre ich nun "allen Freunden, Verwandten und Bekannten" für Verbesserungsvorschläge sehr dankbar.
Das Semester hat stockend eingesetzt, wegen der ungeheuren Gebühren, die die meisten Studenten nicht bezahlen können. Wie erwartet, ist m. Vorlesung wesentlich schwächer besucht als sonst; ich taxiere die
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| Anwesenden auf 300. Das Niveau der Intelligenz scheint nicht schlecht. Ich selbst habe mit der Vorlesung ungeheuer zu tun, ohne sie auf die erforderliche Höhenlage bringen zu können. Dazu hätte eben Vorbereitung in den Ferien gehört, und Du weißt, wie es damit war. Bis jetzt habe ich behandelt: Machiavelli, Graf Castiglione, Luther u. Calvin, Thomas Morus, das Naturrecht, speziell Hobbes; eben stehe ich bei Ratke. Die Gegenstände sind an sich sehr interessant, wichtig u. zeitgemäß. Ich möchte bei dieser Gelegenheit bemerken, daß Spenglers kleine Schrift: "Die politischen Aufgaben der deutschen Jugend" ganz ausgezeichnet ist: das Werk eines überragenden Geistes. Du wirst dort Übereinstimmungen mit m. Rede von 1915 u. mit dem Kapitel der Jps. finden
Ins Seminar sind auf Grund von Arbeiten oder alter Mitgliedschaft ca 54 Leute aufgenommen, die heterogenste Gesellschaft, die man sich denken kann. Thema sehr interessant: Bildungsideale der deutschen höheren Schule seit 1890. bis zur Denkschrift 1924     1. Referat (Sigmar) hat alles versaut. Für das 2. Thema hat sich niemand gefunden; kurz:
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| es klappt eben doch nicht. Aus den Deutschen ist kein Niveau mehr herauszuholen; sie haben eben keine Schule mehr durchgemacht.
Und damit komm ich auf die Hauptaktion. Die Stimme aus Hinterpommern dürfte die einzige gewesen sein, die Herr Boelitz gelobt hat. Und dem zugehörigen Frl. Schwester möchte ich in Erinnerung bringen, daß Heidelberg nicht in Preußen liegt.
Um mit dem objektiven Tatbestand zu beginnen: es ist offenes Geheimnis, daß die Denkschrift in 3 Tagen von Rickert hingeworfen ist, daß selbst im Ministerium keiner von ihr Kenntnis gehabt hat, und daß der Sinn dieser ganzen Heimlichkeit und Eile war, den Abbauforderungen des Finanzministers durch eine Art von durchgeistigtem pädagogischen Abbau, d. h. durch innerlich motivierte Stundenzahlbeschränkung zuvorzukommen. Dies Geheimnis weiß heut so ziemlich jeder. Es sind also nicht gefragt: viele Ministerialräte, die Bischöfe, die Philologen, die Hochschulen. Alle diese sind eingeschnappt. Die Aktion konnte nur dann gelingen, wenn der selbstgebraute Schnaps allen geschmeckt hätte. Er schmeckt aber nach m. Kenntnis niemandem.
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Subjektiver Verlauf: Du weißt, daß ich schon längst verdrossen war. Bei der ganzen Aktion hat mich immer gestört, daß ich die Sache und meine persönl. Verstimmung nicht ganz zu trennen vermochte. Folgende neue Umstände waren hinzugekommen: der Minister hatte auch einen 2. Brief des Inhalts, wie ich ihn aus Heidelberg geschrieben, unbeantwortet gelassen. Der Ministerialdirektor von U II hatte einen Altphilologen, ein ziemliches Schwein, der von seinen Fachgenossen als ungeeigneter Examinator für klass. Philologie galt, außerdem zum Examinator für Philosophie u. Phil. Propädeutik bestellt - "auf seine Bitte". Endlich kamen Stimmen hinzu, die behaupteten, ich hätte an der Reform aktiven Anteil gehabt.
Die Mängel der Reform ergeben sich nicht aus den schönen Worten vorn, sondern aus den schlechten Plänen hinten. Ich schrieb heut vor 14 Tagen einen Artikel für den "Tag", den Du bald erhalten wirst. Ich bin mit ihm nicht zufrieden. Goldbeck hat ihn vorher gelesen, nicht mißbilligt, aber auch nicht gelobt. Erschienen ist er, wie stets, erst post festum.
Dann um die Laune zu verbessern, lud der
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| Minister etwa 20 Hochschulprofessoren aus Berlin u. anderen Orten zu einer Beratung der Reform ein, die übrigens seit Ostern bereits eingeführt ist. Wir Berliner (auch die T.H.) machten eine Vorbesprechung am Tage zuvor, bei der sich völlige Übereinstimmung der Ansichten, aber auch der Ablehnung ergab.
Vor Beginn der Sitzung am 21.V. machte Rickert sich an mich heran, wurde aber sehr kühl abgefertigt. Becker sagte ich, daß sich meine scharfe Aktion nur gegen den Chef und Rickert u. teilweise U II, nicht gegen ihn und U I richte. Ich merkte aber schon, daß er die Reform schätzt und - nicht nur als Ressortbeamter - deckt. Der Minister kam u. wollte mir die Hand geben; ich zögerte einen Moment u. fragte ihn sofort, ob er m. Brief erhalten habe. Verlegenheit. Wir würden darüber noch reden. Ich setzte mich, um die Gesellschaft gut im Auge zu haben, ganz oben an die Tafel, mitten zwischen die Räte. Nach nichtssagender Einleitung des Min. hielt Rickert ein Referat, das allgemein als eine Brüskierung unsrer Verständniskräfte aufgefaßt wurde, trotzdem aber 1 Stunde dauerte. Unmittelbar danach erhielt ich als 1. Redner das Wort u. führte ruhig, aber mit eisiger Schärfe folgendes aus: Ich spräche nicht als Deputierter der Fakultät, sondern unter rein persönlicher Verantwortung.
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| Wir wüßten sehr wohl, daß der Minister allein zu entscheiden habe und hätten unsrerseits die endlosen Schulkonferenzen auch satt. Aber da der Herr M. sich ausdrücklich zur Einheitsschule bekannt habe, sei es befremdend, daß er ohne die mindeste Nachricht an die Hochschulen einen für diese verhängnisvollen Schritt getan habe, dessen Bedeutung kurz der sei: Aufhebung des Begriffes Hochschulreife überhaupt, Herabsetzung der Zielforderungen auf Ober- oder gar nur Primarreife. Es fehle übhpt an der wünschenswerten Verbindung. Ich z. B. ....... Vertreter der Päd. - hätte nie die mindeste Fühlung mit U II gehabt u. erführe das Wichtigste erst aus den Zeitungen; trotzdem werfe man uns vor, daß wir keine geeigneten Lehrer lieferten. Ja, wer besetze denn die Prüfungskommissionen?! Und wie würden sie besetzt? (Fall von oben.) Der Ministerialdirektor v. U II ergelbte. Boelitz sah aus wie ein saurer Kloß. Nun nahm ich den Inhalt der Denkschrift vor, zerpflückte ihn, ähnlich wie in dem Artikel, der 2 Tage später erschien; wies auf die nationalen Gefahren (Sinken des geistigen Niveaus) hin; warnte vor Überschätzung der Jugendbewg, die ich auch kennte etc. etc. Bei meiner schweren Heiserkeit muß alles bitter wie aus dem Grabe geklungen haben.
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| Harnack nannte am Abend beim Rektor meine Rede "scharf". Sie war es. Nach mir sprach der Vors. des Deutschen Hochschulverbandes, i. V. v. Brandi, dessen durchaus ablehnendes Exposé nachher verlesen wurde. Als 3. sprach Ziehen (Frankfurt), diesmal ganz mit mir einig. Als darauf Rickert zu einer (übrigens matten) Erwiderung das Wort erhielt, erhob sich unten Revolution: man wolle sich keine Vorträge halten lassen, sei gekommen, um sich zu äußern. Inzwischen war der Min. zu einer politischen Sitzung gegangen. In Geschäftsordnungsform fragte ich den Vors. Becker, ob er wiederkomme; wir legten Wert darauf, diese 1. Gelegenheit, mit Herrn B. selbst zu reden, auch wirklich zu haben. Beruhigungsversuche. Erklärung meinerseits: wenn wir über die Denkschrift diskutierten, ändere dies nichts daran, daß wir sie in pleno ablehnten. Dann noch 2 Stunden Debatte: nicht einer sprach pro, alle zerpflückten die Sache weiter. Einen Ansatz zur Verteidigung machte Harnack; indessen hatte s. Rede genau den Stil: "Der, wo da liegt, ist der Adam Levi. Ich hab' ihn gut gekannt. Sein Bruder war noch viel schlechter". Die Rede des Katholiken Mausbach kündigte die Ablehnung seitens des Episkopates an.
Mittagspause. Ich ging nicht zu dem gemeinsam
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| Essen, um Abschwächung der schroffen Wirkung zu verhüten. Vielmehr aß ich allein im Schwarzen Ferkel, wo ich Hoetzsch traf. Als ich zurück kam, war ich einer der ersten. Nur Rickert war da u. versuchte eine Verständigung. Ich sagte ihm, hier sei die Stimmung verdorben u. nichts zu hoffen. Der Minister trat hinzu. Beide trieften von Friedensbereitschaft. Ich packte weiter aus. Wir hätten die versprochene Denkschrift nicht bekommen. Er: ich lege den allergrößten Wert darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Ich: Ja, so war es in Sachsen auch. Erst als ich einen Ruf nach Wien hatte, habe ich erreicht, daß mir die wichtigsten Verfügungen zugingen. Er: Noch heute werde ich dies verfügen. Bewunderung meiner Jugendpsychologie - u. a.: es muß einmal auch autokratisch durchgegriffen werden. Ich: ganz mein Fall. Er: also gleiche Basis. Ich: Ja, nur mit dem Unterschied: diesmal waren Sie's nicht ich, (ich meinte eigentlich: wenn man so verfährt, muß man Besseres leisten.)
Fortsetzung der Debatte. Jaeger matt, aber ablehnend. Andere Kollegen sprachen sehr gut. Bei dem ganzen Aktus benahm sich Becker als Vorsitzender wie ein Florettfechter. Man hatte wieder
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| den ungünstigsten Eindruck. Ist er wirklich so urteilslos? Verteidigt er nur als pflichttreuer Beamter? Aber was er auch rühmte: das jedenfalls war in der Denkschrift nicht einmal zum Ausdruck gekommen.
Ich ging vor der Zeit fort u. kam am nächsten Tage nicht wieder. Man soll da mit Erfolg gezeigt haben, daß der Rp. so Unsinn sei. Der Vertreter der TH. sagte: Wenn er Minister gewesen wäre, hätte ihm das Resultat des Ganzen einiges zu denken gegeben. Ich persönlich glaube: er wird an diesem Kunststück als Minister sterben.

27.V.
So ist es immer: Tagelang keine Möglichkeit, etwas fortzusetzen, wenn es nicht zu dem gehört, was in 1 Stunde fertig sein muß. Auch heut ist es schon spät, und ich bin von 8 Stunden konzentrierter Arbeit sehr müde.
Also weiter: Am 2. Tage nach der Konferenz - vielleicht Zufall, - erhielt ich durch das Zentralinstitut die Mitteilung, der Herr Minister wünsche lebhaft die Wiederholung der Studiengemeinschaft und werde sie unterstützen. Dies war von mir zur Bedingung gemacht. Die Herren irren jedoch, wenn sie glauben, daß ich mich mit einer so platonischen
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| Erklärung begnügen werde.
Am Sonnabend sollte ich bei der Tagung für Körperkultur reden über "Lehrer u. Lehrerpersönlichkeit. Ich wußte nicht, vor wem, in welchem Sinne u. wozu. Meine Einstellung lautete auf 40 Minuten. Als ich in den dunklen, scheußlichen Saal des Reichswirtschaftsrates komme, sagt man mir, es solle 20 Min. dauern. Sickinger begrüßt mich als einer der Oberbonzen. Verdrossen und heiser rede ich 30 Min. lang m. Spruch. Darauf erhebt sich ein Beifall, wie ich ihn noch nie gehört habe. Die 300 Leute waren ja überwiegend Turner, aber so habe ich noch nicht mit den Händen turnen hören. Warum?? - Nach ½ Stunde ging ich fort; im Hof grüßten mich 2 Herren vom Marineministerium in Uniform, als ob ich der Großadmiral der Turnerei wäre.
¼ Stunde danach bei Becker als Mitdeputierter der Fakultät mit Dekan u. Planck. Protest gegen Teilung der Fakultät. Ich war sehr vordringlich und wortreich. Es scheint wenig zu erreichen. Wenn man mit Becker redet, ist es, als ob man eine Qualle anfaßt. -
Nachm. im Gewitterregen zu Riehls.
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Dem Juden Gans kaufe bitte ein Exemplar der Jugendpsychologie und berechne es ihm (gebunden) mit 6,75 M. Auf diese Weise habe ich die wenigste Schererei damit.
Susanne ist seit Semesterbeginn weiter voll beschäftigt. Sie hat viel Stunden in den Oberklassen, die ihr Freude, aber auch viel Arbeit machen. Wir sehen uns relativ selten; fast nur Di. u. Fr. nach der Vorlesung. Sonntag habe ich ihr durch meine offene Erklärung, daß sie an m. eigentlichen Menschen nicht herankomme, einen großen Schmerz gemacht. Und wenn ich denke, daß sie doch nicht dafür kann, sie schmerzt mich wieder die Wunde, die ich ihr versetzt habe und die sie offenbar schwer getroffen hat. Du siehst, es bleibt bei dem alten Wirrwarr und mein Privatleben, wenn es eines gäbe, ist nach wie vor durchaus desolat.
Von dem Goetheproblem kristallisieren sich trotz allem einige große Gedanken heraus. Die Hauptsache zum Thema steht doch in der Italienischen Reise.
Eigentlich müßte ich jetzt Deine lieben Briefe alle noch einmal durchsehen, ob ich die wichtigsten
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| Fragen beantwortet habe. Aber dann würde die Absendung wieder noch einen Tag dauern. Hab' also Nachsicht. Ich bin wirklich schwer mit Arbeit belastet. Die Johanna Wezel bombardiert mich, obwohl ich nicht antworte, jetzt schon zum 4. Male. Von allen Seiten erleide ich den Fluch des Ruhmes. - Himmelfahrt habe ich Bernhard Runge u. Erika Gomies zu Mittag eingeladen.
Verzeih, wenn ich nur 20 M für die Auslagen beifüge. Ich habe 130 M verborgt u. nicht mehr kleines Geld im Moment da. Ich kaufe viel zur Verbesserung der Einrichtung. Denn zum 1. Mal in m. Leben ist kein Mangel.
Meine Zähne fahren fort, mich zu quälen. Jetzt beginnt die Zerstörung auch vorn.
Am 14. ist die Rede in Weimar. Am 26. ist die 350 Jahrfeier des Grauen Klosters; beim Festessen soll ich reden. Reval ist auf Ende Oktober verschoben. Und der Sommer??
Tausend innige Grüße u. Wünsche
Dein
Eduard.

[li. Rand] Wer ist das Bild? Die kleine Schwalbe??