Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Juni 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 5. Juni 1924.
Mein innig Geliebtes!
Seit 3 Wochen mit Husten und Schnupfen schwer erkältet, von den ununterbrochenen Anstrengungen schon ganz erschöpft, auf die Goetherede sehr mangelhaft präpariert - so stehe ich vor dem Pfingst"fest". Ich habe soeben Deine 3 lieben Briefe noch einmal gelesen und möchte Dir doch zu den Feiertagen einen Gruß schicken. Natürlich habe ich auch am 3. Juni vergangener Tage lebhaft gedacht.
Auch meine außerdienstlichen Unternehmungen sind "Verpflichtungen". Himmelfahrt haben Bernhard Runge und Erika Gomies bei mir gegessen, zwei liebe Menschen, die aber mehr unterhalten sein wollen als unterhalten. Sonntag war Dora Th. zum Kaffee bei mir. Montag Wenke zu Mittag. Dieses Festmahl hat Frl. W. derartig zu einer Mastkur gestaltet, daß ich noch am nächsten Tage nicht in Ordnung war. Sie ist darin ganz wie die Ewert. - Ein Ausflug nach <Wort unleserlich>-Birkenwerder dazwischen bei gutem Wetter mißglückte in der Stimmung.
Joh. Wezel hat im Mai nicht weniger als 5 umfangreiche Briefe geschrieben. Beantwortet habe ich nur den letzten,
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| direkt geschäftlichen. Man scheint sie zur Nachfolgerin von Frl. Schwarz haben zu wollen.
Meine Vorlesung ist maßlos anstrengend und macht mir wenig Freude. Trotz schwerer Abspannung wirkte aber die Stunde über F. d. Gr. ungewöhnlich tief. Im Seminar habe ich unter 50 Teilnehmern nicht weniger als 3 Jesuiten u. 2 kath. Schwestern. Der Vortrag eines Jesuiten gestern war das Beste, was in dem Raum von Referenten je geleistet worden.
Von Hegel ist schwer etwas zu lesen und zu verstehen. Ich empfehle Dir aber sehr, Dir von der Bibl. die Rechtsphilosophie kommen zu lassen u. die große Vorrede zu lesen. Unerhört tiefsinnig u. schön in der Sprache. Vielleicht pickst Du Dir aus dem Folgenden einiges heraus.
Das Flicken solltest Du nicht alles selbst besorgen. Laß es doch einmal machen u. schicke mir die Rechnung. An mir wirkt sich jetzt - nach 13 Jahren - zum 1. Mal aus, daß ich ein Mann in einem der höchstbezahlten Ämter bin. Ich habe reichlich Geld. Dafür habe ich mir 20 Broschürenkasten gekauft (66 M), gestern für 100 M Wäsche, Bücher kaufe ich aus jedem (nur nicht dem Carlebachschen) Antiquariatskatalog. Andere Anschaffungen sollen in maßvollen Abständen folgen.
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Nach Weimar scheint so ziemlich alles zu gehen, was ich kenne. Ich selbst fahre erst Freitag Mittag, wohne bei Muthesius (Zöllnerstr. 14a) und komme am Montag wohl schon früh zurück. Dann muß sofort der Aufsatz für Kerschensteiner gemacht werden.
Köster †, ebenso v. Sczepanski, ein Redakteur, der zuerst bei Stolpes, zuletzt in Freudenstadt gewohnt hat.
Es kommen jetzt viele inhaltreiche Briefe über die Jps. Ein paar Proben lege ich bei, erbitte sie aber bald zurück. Jede Fühlung mit den Potsdamern hat aufgehört. Sie enttäuschen mich. Goldbeck hat mittlere Herzverkalkung u. muß nach Pfingsten nach Nauheim.
Wenn möglich, besorge doch noch 10-12 von m. Paßbildern. Ich brauche sie Ende Oktober für Reval. München, Frankfurt, Dortmund, Dresden, Eschwege quälen mich um Vorträge. Ich muß Dir gestehen, daß dieser Grad von Berühmtheit auf die Dauer physisch nicht zu ertragen ist. Aber ich kann nichts abwälzen. Was ich nicht selbst mache, wird meistens schlecht gemacht.
Erinnere mich daran, daß ich Dir den ausführl. Bericht über die Marienbader Tagung schicke. Im Augenblick
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| kann ich ihn nicht entbehren.
Was wirst Du zu Pfingsten machen? Lies doch, was Goethe 1797 über Heidelberg u. Neckargemünd schreibt; fahre ein bißchen hinaus u. früh wieder heim. Einer von uns muß doch etwas Natur genießen.
Ich muß abbrechen, weil gleich ein Doktorkandidat kommt u. dann mein früherer Schüler Oberregierungsrat Dr. Oertel aus Dresden. Was sagst Du dazu, daß der fossile Trendelenburg jetzt gern noch Lebenserinnerungen erscheinen läßt.
Viele herzliche Grüße an unsre Freundin. - Es ist gut, daß die alte Frau Mathy erlöst ist. Aber was macht nun der alte Herr?
Sei tausendmal in Liebe gegrüßt!
Dein
Eduard.