Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Juni 1924 (Weimar)


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Weimar, den 15. Juni 1924.
Mein innig Geliebtes!
Als ich gestern vor meiner Rede um 12½ zum Umziehen nach Hause kam, brachte mir Muthesius Deinen lieben Brief entgegen, und das Bewußtsein, in einer bedeutenden Stunde mit Dir vereint zu sein, machte mich unsagbar glücklich. Heimat!
Ein Pfingstfest habe ich, außer Deinem lieben Brief und dem schönen Bilde vom Rhein, nicht gehabt. Ich habe gearbeitet bis zur äußersten Anspannung und bis zur letzten Minute. Freitag früh las ich, um die Zeitdauer zu erproben, m. Rede Susanne in einer Generalprobe vor. Ich war selbst von diesem Gemälde am Schluß so ergriffen, daß mir die Stimme versagte. Um 2 fuhr ich ab; um 6 empfing mich Muthesius, in dessen poetischem Gastzimmerchen ich diese Zeilen schreibe. Man war schon nervös geworden, ob ich käme. Köbe saß an der Straße und schlemmte. Hussain aus dem Stamme Mohammeds des Propheten hatte schon nach mir gefragt. Ich schlief mäßig, da der Tag bei zahlreichen Gewittern recht schwül, dann kühl gewesen war; meine Nerven
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| waren überreizt, zumal auch (vielleicht infolgedessen) wieder Auseinandersetzungen mit S. vorangegangen waren.
In der "Armbrust" fand ich 700 Menschen. Ein schlechtes, wackliges Rednerpult. Ich mußte, der vielen Zitate wegen schon, lesen. Aber ich glaube, ich las mit rhetorischer Vollendung. Die Akustik war glänzend. Der schwere Gegenstand fand 1¼ Stunden ungeteilte Aufmerksamkeit. Es war fast eine heilige Andacht. Als ich geendet hatte, brach ein Beifallssturm los, wie ich ihn nie gehört habe, und wie er in der G. G. nie gewesen sein soll. Minutenlang. 3mal mußte ich von m. Stuhl neben dem Ministerpräsidenten v. Thüringen aufstehen und mich dankend verneigen. Es war ein wahrhaft großes Ereignis von allertiefster Wirkung. Die Rede ist auch wunderschön: ein Kunstwerk nicht nur, sondern eine kleine Welt.
Des Fracks entledigt, kehrte ich mit Muthesius u. Wenke in den Saal zurück. Ich saß neben Magnifica Roethe, links Frau Trendelenburg (Frau v. Vetter Deines Tr.) und Roethe, rechts Oettingen u. - mir ergreifend zu erfahren, die Schwester v. Erich Schmidt. Man feierte mich aufs Höchste. Friedrich v. d. Leyen hielt eine schöne Rede auf mich. An Bekannten sah ich u. sprach ich: Frau H, geb. Müllen
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|siefen
[über der Zeile] Ziertmann, Friedländer u. Frau, Käthe Windscheid, Kiehm, Friedberg, Wezel, Halfter, Waldemar v. Baußnern, Sohn u. Vater Biedermann, Gertrud Troßnitz, Lienhardt, Förster (Leipzig.) Wundts Sohn, viele alte und gegenwärtige Schüler. Nachm. ging ich bei Regen mit Wenke, Kiehm, Wezel, Friedberg zum Kaffee u. ein wenig in den Park. Ins Theater ging ich nicht; stattdessen ruhiger, schöner Abend bei Muthesius in Goetheatmosphäre. Heut Abend bin ich bei der Fürstin von Albanien im Hause neben Goethes Gartenhaus (Schmidtsches Haus) eingeladen, fahre aber schon 7 Uhr zurück. Sonnabend muß ich nach Göttingen.
An der Bahn vor der Abreise sprach ich 5 Minuten Hermann, der Irmgard mitgebracht hatte, ein sehr kleines und nicht sehr lebhaftes Wesen. Mehr kann ich heut nicht mitteilen; die Feder ist zwar von Gold, aber ich wünschte, man könnte mit ihr schreiben.
Siehst Du, wenn ich jemanden als erstem eine solche Rede vorlese und er kann schon vor Verklingen des letzten Wortes sagen: "wunderschön" - dann fühle ich, daß der nicht tief genug reagiert u. komme mir wie beleidigt vor. Aber dafür kann ja der Mensch nicht.
Ich grüße Dich viel tausendmal. Du warst hier, auch wenn Du nicht hier warst; bei mir.
Noch ein Wort in Eile: Ich bin doch
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| jetzt schon sehr abgearbeitet, und es soll noch 6 Wochen im gleichen Trott weitergehen. Ich dachte, daß wir beide um den 10.8. auf 3 Wochen nach Hinterzarten, oder dort in die Gegend, gehen. Ob man in der Linde schon bestellt? Dann vielleicht via Bodensee nach Partenkirchen, oder doch in die Nähe. Ich erkälte mich zu leicht u. muß mal wieder etwas mehr zur Abhärtung tun. Noch immer habe ich denselben Schnupfen (seit 4½ Wochen) und dazu einen allerdings lose sitzenden Bronchialkatarrh. Trotzdem hat m. Stimme bei der Rede voll u. schön geklungen, wie selten.
Ich werde zum Kaffee befohlen. Viel innigste Grüße, Du einzige, unsterbliche Geliebte.
Dein
Eduard.

[] Ich denke an Berka u. wie wir in diesem Hause, als es gebaut wurde, herumkletterten.