Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Juli 1924 (Berlin/Seminar)


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Seminar, den 2. Juli 1924.
Mein innig Geliebtes!
Hoffentlich hast Du meine Teilnahme an Deinem Leiden nicht nach der Geschwindigkeit meines Schreibens bemessen. Ich war sehr erschrocken, und ich möchte nur wissen, woher diese Tendenz zu Eiterungen bei Dir kommt. Denn an die Schuld des Arztes glaube ich diesmal auch nicht. Hoffentlich hat sich die Sache nach dieser Seite hin endgiltig geöffnet und kommt kein Nachschub. Da Du zum 27. nichts Näheres schrieb, möchte ich gern glauben, daß Du wieder in Ordnung bist, obwohl ich fürchte, daß eine große Abspannung auch diesmal der Halsgeschichte folgt.
Für mich war die vorige Woche auch nicht gut. Gewitterspannungen, schwere Nervosität, Müdigkeit. Trotzdem ohne Rast u. Ruh weiter gewirkt. Der Geburtstag ist für mich beinahe nur eine neue Belastung. Was soll ich mit den 10 Kuchen machen?
Über Deine 3 Packete, die alle pünktlich kamen, habe ich mich sehr gefreut, vor allem natürlich über Deinen lieben Brief. Die Landschaft, die übrigens recht gut den Eindruck wiedergibt, ist wohl eine Kopie von einem alten Besitz, die Du gemacht hast? Oder wie
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| kommst Du zu diesen Gesichten? Die Schloßbiskuits werde ich mir aufheben, während die Chokolade schon in Gebrauch genommen ist. Mörike macht einen recht volkstümlichen Eindruck; aber er spricht in jedem Gewand zur Seele. Der erneuerte Zigarrenabschneider kommt in eine Weste. Für alles tausend Dank!
Zu Deinen Bemerkungen über Hindenburg hätte ich etwas zu erwähnen, was ich in Düsseldorf gehört habe. Die Worte von ihm und die Situation, die Erythropel dort wiedergab, sind mir unvergeßlich eingegraben. Doch eignet sich das nur für mündlichen Bericht. Wenn der politische Jugendstil durchdringt, dann Gnade uns und dem Staate. Ich arbeite immer darauf hin, jetzt diesen élan vital durch Ideen zu bändigen. Ob solche Leute im Kolleg sitzen, bei denen das lohnt?
Bericht über meine Tage: da ich durch den Fortfall der Reise nach Göttingen einen freien Tag gewonnen hatte, dachte ich mir eine Geburtstagsvorfeier zu gestatten und fuhr am Sonntag (22.) mit Susanne nach Brandenburg. Sehr lohnend. Stadt kunstgeschichtlich und historisch höchst interessant, nachm. sogar Dampferfahrt und schöne Seelandschaft am Ufer. Ein wohlgelungener Tag. Doch war ich am Montag nun doppelt müde.
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Eine Freude war es mir, daß mich der Rektor mit Glückwünschen der Universität zum 350jährigen Jubiläum des grauen Klosters delegierte. So erschien ich dann - als einziger mit der großen goldenen Kette - in der Nikolaikirche und hielt eine Ansprache, die aber nicht berühmt war. Die Höhe meiner beiden Bö-Bö-Vorgänger (Boelitz u. Oberbürgermeister Böß) hat sie immerhin erreicht. Frack u. Überzieher, ungeheurer Schweißverlust. Nachm. Kolleg vorgearbeitet. Abends um 7 zum Festessen, wo ich mit dem Ministerialvertreter u. dem Stadtschulrat in große Gemütlichkeit kam. Meine Rede, die offizielle Hauptrede, war wiederum kein Meisterwerk, riß die 200 Anwesenden aber doch noch aus der schon eingetretenen Fidelität zurück und schien zu ihren Herzen zu sprechen. Mit Hilfe eines Autos, das ich für meinen 78jährigen Französisch-Lehrer nehmen mußte, kam ich nach 1 nach Hause. (Manche alte Mitschüler begrüßt.) Am 27. früh konnte ich den Besuch m. Vetters um ¾ 8 begreiflicherweise noch nicht annehmen. Beim Frühstück kam Frl. Mai. Ludwig wurde nicht vorgelassen. Um ½ 11 bei schwerster Schwüle nach Neubabelsberg. Um ¼ 1 dort. Großer Aufbau: Torte, Bild von beiden alten Herrschaften, Blumen, eine neue Ledertasche. Und ein kleinen Perserteppich aus altem Besitz. Mittagessen nach m.
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| Begriffen zu überladen. Um ½ 4 Aufbruch, um 5 Kolleg; von 7 ¼ - 8 mit Susanne bei Aschinger, Friedrichstr. 79 a. Dann Bierabend der Notgemeinschaft d. Dtsch. Wiss., wo wieder, wie immer, der Muskeltaster Sievers mein Nachbar war. Nach 11 zu Hause.
Sonnabend Ausflug mit der Universität nach Tegel geschwänzt, stattdessen mit Dora Thümmel nach Birkenwerder. Es war recht schön, aber wieder dauerte es sehr lange. (Sie hat mir eine schöne Kaffeedecke geschenkt.) Sonntag Aufarbeiten der endlos angeschwollenen Post. Seit Montag jeden Abend bis in die Nacht Arbeit an dem Kerschensteinerbeitrag, der eigentlich schon gestern hätte in Leipzig sein sollen. Es wird aber nichts Gescheites.
Ich schrieb wohl noch nicht, daß Q. u. M. zunächst 4000 Exemplare (pro Bogen u. Tausend 50 M) unverändert drucken u. daß die veränderte Auflage für Weihnachten geplant ist. Sie haben den ganzen Reuther u. R. kaufen wollen - ist aber leider nicht gelungen. Eben war er hier.
Ich habe viel angeschafft: [über der Zeile] 20 Pappkasten, Linoleum für Badestube, ein volles Waschservice, ein gutes Tafelservice für 12 Personen (= 165 M) Ergänzung auf 18 Teile ist gleich bestellt. Jetzt denke ich daran, anstelle des wackligen Regals im Korridor ein gutes, bis an die Decke reichendes machen zu lassen, damit ich Platz bekomme.
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Mit Frl. Wingeleit ist es vielfach jetzt nicht angenehm. Sie ist bei bescheidener Intelligenz meist sehr eigensinnig, quält mich mit Dingen, die ich nicht will, kommt um ein Frühstück dreimal mit Fragen in m. Arbeiten hinein, hat nur Freude, wenn ich krank bin u. sie Rezepte anbringen kann, während sie kleine Dinge zu m. Behaglichkeit u. Erleichterung niemals lernen wird.
Die Linde in Hinterzarten hat erst ab 25.8. frei. Das ist für die dortige Gegend u. für m. Pläne zu spät. Entweder müssen wir etwas anderes im südl. Schwarzwald suchen, aber möglichst an der Eisenbahn, oder wir gehen mal nach Heiden oder Walzenhausen über dem Bodensee. Was meinst Du dazu?
Ich werde jetzt mein Schreiben, das ohnehin konfus ist, abbrechen müssen. Denn ich muß m. Würstchen verzehren. - Sonnabend reist Susanne. Über dieses Thema werden wir uns auch unterhalten. Es hat vielfach nicht geklappt - die Grenzen der Bildsamkeit. Der Kern ist gut, aber sehr einfach. Nimm m. Zeilen nur als einen Vorläufer. Danke auch dem Vorstand. Ich muß zunächst die Kerschensteinersache fertig haben. Tu mir die Liebe u. bleibe gesund. Und sei tausendmal innig und dankbar gegrüßt von Deinem Eduard.