Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Juli 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 18. Juli Abends. 24.
Mein innig Geliebtes!
Mit Dir scheint nicht viel los zu sein, und wir sind auch darin mal wieder einig. Gut wäre nur, wenn wir beide wenigstens Mut und Kraft zur Ruhe behielten. Mit den Mieten in Lenzkirch bin ich sehr zufrieden; ich glaube nur, es wird gehen, wie in Gersfeld: "ja, nach 5 Tagen wird etwas frei." Darauf können wir uns aber nicht einlassen. Denn wenn wir am 10. kommen u. bis zum 31. bleiben, kommen wir bei den jetzt immer sehr kühlen Nächten vielleicht schon in ungünstiges Wetter hinein. Ich dachte dann einen Abstecher nach dem Bodensee (jedoch ohne Wohnen auf der Reichenau) anzuschließen. In der Gegend von Friedrichshafen würden wir schließlich der eine nordwärts, der andere ostwärts fahren. Die Schweiz damit zu verbinden, wenn es nur auf 1-3 Tage ist, hat wohl nicht viel Sinn. Die Pestalozzisache kommt auch nicht als Vorwand in Frage, weil ich vorläufig aus Ärger über einen unangenehmen Kontrakt von der Redaktion zurückgetreten bin. Für einen Aufenthalt in Heidelberg wäre ich diesmal nicht; ich fürchte mich, und es geht nur noch mehr von den eigentlichen Sommertagen drauf.
Vor allem aber werde gesund. Der Zustand gefällt mir eigentlich nicht. Es hat etwas Schleichendes u. Herum
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|wanderndes. Könntest Du nicht einmal eine erhebliche Schwitzkurz machen? Aber so allein im Hause ist das schwer durchführbar. - Mein Leiden ist noch unbenannt. Es sind die Empfindungen und Schmerzen im rechten Unterleib wie 1913, wieder nicht scharf lokalisiert, mindestens oft wandernd, diesmal aber verbunden mit unregelmäßiger Verdauung. Möglich sind Leber (aber da fehlt das gelbe Aussehen) Bruch (aber es ist nichts herausgetreten, das sich wegdrücken ließe), Gallensteine? Blinddarm? Neuralgien? Ich massiere den Unterleib mit günstigem Erfolg, trinke seit Wochen teuren Rotwein u. bin nur deshalb wenig besorgt, weil bei alledem der Appetit nicht nur gut, sondern zeitweise gesteigert ist. Aber ich möchte nicht mit dem verdorbenen "Magen" in die Kost eines Dorfwirtshauses gehen.
Viel Gescheites kann ich Dir sonst nicht schreiben, viel überhaupt nicht. Denn ich habe für die nächsten 3 Tage einen Berg abzutragen. Ich will nicht immer dasselbe Lied singen, aber es ist allmählich mörderisch, was von mir verlangt wird. Zum Spazierengehen komme ich nie mehr; daher wohl auch jene Störungen. Die Vorlesung wird gegen Schluß immer schwerer (heut Hegel), die Idioten, die sich an mich drängen, immer zahlreicher. Jeden Sonnabend im Juli Examen, oft viele Stunden lang. Neulich fiel mir einer dieser Immaturi nicht nur durch, sondern gleich im Saal ohnmächtig lang hin. Er war aber so unreif, daß ich auch hätte in Ohnmacht
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| fallen können.
4 Korrekturen nebeneinander: Jugendpsychologie, Kerschensteinerfestschrift, Goetherede u. Doktorjahrbuch. Seit Susanne fort ist, muß ich jeden Gang selbst besorgen. Verzeih, wenn ich nur noch Karten schreibe; aber es wird natürlich bis zum 1.8 nur schlimmer, nicht besser. Köhler will 1 Jahr in Urlaub gehen. Ich habe auf dem Ministerium schon gesagt, das bedeutete meinen Tod. 3 können die Arbeit nicht machen, die bisher 6, zeitweise 7 gemacht haben.
Ich lege 100 M bei, und damit der eingeschriebene Brief weniger auffällt, noch 2 Kuriosa. Einen bestimmten steuerfreien Satz hat man Dir doch angerechnet. Es müssen m. W. mindestens 600 M im Jahr sein (cf. Dienstboten, die nicht zu kleben brauchen.) Mit Betrübnis höre ich auch von Dir, was ich mit Betrübnis auch schon von Frau Riehl hörte, es wäre besser, die Einnahmen garnicht anzugeben, nur daß Frau R. tausende meinte u. Du Zehner. Überhaupt, die Lebensfremdheit dort wächst in besorgniserregendem Maße.
Ganz im geheimen: Jaeger hat einen Ruf nach Heidelberg. Wir wollen ihn natürlich halten, und dabei trat zutage, wie ungewöhnlich hoch er im Kurse steht. Am letzten Sonnabend war bei ihm "Gesellschaft". H. Maier sehe ich nicht mehr. Er ist für dieses Leben unbrauchbar.
Frl. Guttmann hat einen engl. Offizier v. d. Kontrollkommission in ihre Wohnung genommen u. muß
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| selbst möblierte Wohnung suchen. Mit Herre habe ich die Beziehungen durch einen Besuch wieder angeknüpft, Nieschling 1 Stunde gesprochen, als ich neulich in Neubabelsberg war. Seine Mutter u. Schwester sind dauernd bei ihm.
Von den Lebensformen sind bis jetzt 1600 Ex. verkauft.
Ich muß jetzt aufhören, um meine anderen Kunden zu bedienen. Vor allem wünsche ich Dir baldiges besseres Befinden und erbitte darüber Nachricht. Grüße den Vorstand u. sage in meinem Namen herzlichen Dank für seine Mühen.
Innigst
Dein
Eduard.

Ich habe ein Regal bestellt, das im Korridor anstelle der Wackelbretter stehen soll u. bis an die Decke reicht, bei geringer Tiefe. Mit allem Luxus ausgestattet, soll es 105 M kosten, während die 3 kl. Bretter in m. Arbeitszimmer, die Susanne hat anfertigen lassen, 50 M gekostet haben. Ein neuer Beitrag zu dem alten Lied: man muß alles selbst besorgen. Übrigens: die Wohnung wird nächstes Jahr genau so aussehen wie die Pestalozzistr. Ich denke an Umzug aus Gesundheits- u. Sicherheitsgründen. Freilich, verlangen kann man nichts. Ich zahle noch immer monatlich - - - 10 M!