Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. September 1924 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, Pension Witting
den 15. September 1924.
Mein innig Geliebtes!
Ich bin jetzt schon 8 Tage hier und Du hast noch immer keinen Brief von mir erhalten, während ich Dir für Deinen ausführlichen Reise- u. Ankunftsbericht zu danken habe. Es ist hier, wie immer, sehr viel Ablenkung. Im ganzen ist mir das recht; denn die Beschäftigung mit mir selbst ist unerfreulich, und ich habe wenig Lust, die tausend Klafter aufzugraben, unter denen mein eigentliches Leben sitzt, obwohl es früher oder später einmal geschehen muß.
Hoffentlich ist es Dir gelungen, eine neue Frau Weinkauf zu finden. Wegen Deiner Augen wünschte ich, daß Du einmal ganz gründlich feststellen ließest, ob das wirklich rein nervös ist, um Dich dann danach zu behandeln. Sollte es nervöse Überermüdbarkeit sein, so würde Dir garnichts übrig bleiben, als mit zahlreichen Pausen von 10 Minuten zu 10 Minuten zu arbeiten, so lästig dies sein mag. Mit der Ermüdung des Kopfes bin ich früher auf diese Art nicht nur fertig geworden, sondern ich habe sie sogar im
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| Laufe der Jahre überwunden.
Hier ist das Wetter halb gut, halb schlecht, und es ist mir recht so. Ja es fehlt mir fast etwas, wenn es nicht kräftig regnet. Die Beziehungen zum männlichen Teil der Familie, besonders zu den Söhnen, sind kühl u. entfernt. Ich kann da keine Mühe mehr aufwenden. Felizitas ist in der Blüte ihrer Lieblichkeit; man möchte das mit zitternden Händen festhalten. Jedenfalls ist sie die ganze Freude meines Hierseins. Wir essen zusammen mittags u. abends im Speisesaal. Frau Witting, obwohl von Sorgen aller Art bedrückt, hat doch einen Teil ihrer alten Heiterkeit wiedergewonnen. Es fehlt nicht an Stoff zur Unterhaltung. Zum Aufgraben der Klafter aber fehlt ihr Geduld u. wohl auch Interesse.
Zwei sog. Ausflüge habe ich schon gemacht: einmal an einem glühend heißen Nachm. mit Feliz. auf dem steilsten u. weitesten Wege nach dem Gschwandner Bauern, der der Glanzpunkt der Ruhe ist. Am Sonnabend, als ich wieder um 6 die Alpspitze vom Bette im zartesten Morgenrot sah, entschloß ich mich in aufwallender geheimer Selbstständigkeit zu einer Solotour. Ich ging um 8 hier fort u. den
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| wundervollen, farbenreichen Weg nach Elmau, von da sogleich an den Seen entlang weiter nach Mittenwald (1 Uhr.) Nach einer Mittags- u. Kaffeepause stieg ich die Karwendelwand noch 1¼ Stunden empor; kam in 65 Kehren fast bis zur Hütte, mußte aber des frühen Zuges wegen vorher umkehren. Unten traf ich meinen Kollegen Penck - also den 3. Kollegen. Heimgekehrt hatte ich kaum Zeit zum Essen; dann begann der Fackelzug zum Vorspiel der Einweihung des hies. Kriegerdenkmals von Wackerle. Feliz. und ich erlebten das alles mit wie die beiden den "Tell" im "Grünen Heinrich". Die Bergfeuer u. das Feuerwerk waren großartig; am schönsten die 3 erleuchteten Gipfel der Dreitorspitze (ca 2700.) Felizitas hat für solche Schönheiten einen eben erwachenden lebhaften Sinn. Gestern, die eigentl. Einweihungsfeier, war das packendste Schauspiel dieser Art, das ich je gesehen habe. Die Kriegervereine aller umliegenden Orte bis nach Tirol hinein waren in Tracht u. mit Musikkapellen erschienen, z. T. wunderschöne Gestalten in historischen Gewändern; viele Generäle u. Offiziere; die Geistlichkeit im Ornat. Feldmesse, Umzüge, Parade. Es war ein wirkliches u. erhebendes Stück Volksleben. Überhaupt ein schöner Tag für mich. Denn abends kam Kerschensteiner, der mit s. Frau in Garmisch ist, herüber u. aß mit Fel.
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| und mir. Dann hatten wir schöne, tiefe Gespräche, und nach 10 begleitete ich ihn noch durch die warme Nacht, die dem sonnigen Tage folgte, bis Garmisch hinüber; das Licht an den Häusern u. Straßen war zauberhaft.
Heut ist nun ein Regenguß, wie selbst wir ihn noch nicht erlebt haben. Dabei steht hier noch das Heu, das sonst Mitte August eingebracht wird, auf den Stankern. Das infame Geböller, das jetzt seit 3 Tagen fortgeht, hat noch nicht aufgehört. Aber der Festschmuck der Straßen (seit vielen Jahren sah ich wieder eine Illumination) wird verdorben sein. Mittags erwarte ich einen Studenten aus Kempten. Ob er kommt?
Riehl hat mir einen Brief (am 30.8.) nach Lenzkirch geschrieben, der an ihn zurückgegangen ist. Ich habe mich beim Postdirektor v. L. beschwert. So mag es wohl auch mit Beuron gegangen sein. An Frau Koch habe ich geschrieben. Sonst bin ich hier so untätig wie in L. Die eingehende Post beschränkt sich auf Anfragen wegen Vorträgen (Bonn, Dortmund, Celle) etc. Meiner Wohnung drohen die Maurer. Wahrscheinlich fangen sie gerade an, wenn ich komme. - Das Zimmermädchen kommt, um das Zimmer aufzuräumen. Ich muß ihr Platz machen. Daher breche ich ab u. füge nur noch einen innigen <re. Rand> Dank für die schönen Wochen im Schwarzwald hinzu, u. 1000 gute Wünsche für eine gute Nachwirkung bei Dir.
<Kopf>
In Liebe Dein Eduard.