Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. September 1924 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 25. September 24.
Mein innig Geliebtes!
Du wirst erstaunt sein, daß ich noch hier bin. Aber Susanne hat geschrieben, daß gerade in dieser Woche die Dielen in meiner Wohnung aufgerissen würden, und das wollte ich doch nicht in unmittelbarer Nähe miterleben. Ich fahre also erst am Sonnabend und bin Sonntag Abend zu Hause.
Ehe ich auf Deine beiden lieben Briefe eingehe, will ich berichten, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Am Sonntag war ich bei sommerlicher Wärme mit Frau W. nach alter Art in Elmau und Mittenwald. Erst am nächsten Morgen erfuhren wir, daß sich inzwischen wieder eine abscheuliche Szene ereignet hatte – eine Prügelei zwischen Hans und seiner Braut (er ist mit einer Czechin verlobt) im Garten des Hauses. Die Einzelheiten so widerlich, daß sie sich nicht wiedergeben lassen. Die Folge waren am nächsten Tage endlose Beratungen. Ich mußte auch noch heran, um auf das Mädchen einzuwirken, und empfahl ihr dringend, P. zu verlassen und sich wieder auf eigene Füße zu stellen. Wenige Tage vorher waren Unannehmlichkeiten
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| mit Anderl (und leider auch mit Felizitas, die ich mir dann wirksam vornahm) gewesen. Du kannst Dir nicht ausmalen, was die Frau auszuhalten hat. Es ist ein Wunder, daß sie dabei das heitere Grundtemperament behält. - Der Besuch des Hauses ist übrigens besser als jemals im September. - Montag Abend ging ich, z. T. im Gewitterguß, zu Kerschensteiners hinüber u. verlebte den Abend, etwas langweilig, mit allen 4 Gliedern der Familie. Dienstag mußte ich um ½ 7 heraus, um Exc. Schmidt von der Bahn zu holen, der von Innsbruck nach München 2 Stunden Aufenthalt hatte. Ich fuhr ihn im Einspänner nach der Pension u. gab ihm auf m. Balkon ein kleines Frühstück. Es war sehr nett mit ihm und bei der Abfahrt früh 9.30 war auch Kerschensteiner zugegen. Am Nachm. reiste Anderl ab, der eine Stellung in Elberfeld hat. Wenn dieser Brief ankommt, ist er vielleicht mit einem Karlsruher Bekannten gerade in Heidelberg. Gestern war ich in München, um die für die Durchreise getroffene Verabredung mit Alois Fischer einzuhalten. Ich stieg in Starnberg aus und, obwohl ich kaum ernstlich darauf gehofft hatte, fand dort noch Frau Prof. Paulsen. Ich blieb nur 20 Min; sie fragte lebhaft nach Dir. Abends mit dem letzten Zuge traf ich wieder ein und war selig, in dieser Stille u. himmlischen Luft noch 2 Tage vor mir zu haben.
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Mein Gesamtzustand hat sich gebessert. Gesundheitlich geht es mir glänzend. Aber Du weißt ja, daß mir eigentlich seit langem jeder Schwung fehlt. Wo das Übel sitzt, weiß ich selbst nicht zu sagen. Ich sehe kein großes Ziel vor mir, weiß mit mir nichts anzufangen; irgend etwas ist leer. Hier ist es besser geworden, weil ich wieder mehr unter Menschen kam; vor allem aber hat Felizitas (ahnungslos) sehr günstig auf mich gewirkt. Man muß anscheinend in den Jahren, in die ich eintrete, etwas Junges um sich haben (nicht bloß Doktorkandidaten); vielleicht sollte man sogar einen Sohn oder eine Tochter haben. "Der Ehren Zier frommt nicht mehr" - es gibt Tiefen des Lebens, die nicht literarisch sind. Der Weg in die Politik, den viele um diese Zeit gehen, ist ein Betäubungsmittel. Für mich wird er nicht in Betracht kommen, da Boelitz u. Becker anscheinend sich wieder "herausgeredet" haben. So seltsam es klingt: es ist doch nicht gut, wenn man niemanden hat, um den man sich sorgt, d. h. im Kleinsten, Täglichen sorgt. Und daß meine persönlichen Verhältnisse in Berlin eigentlich verfahren sind - darüber haben wir oft genug gesprochen. Ich hoffe nun, die große psychische Müdigkeit u. Depression einigermaßen überwunden zu haben. Nur kommt dann im Winter wieder das große Faß, das ohne Unterlaß gewälzt werden will.
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| Deine Bemerkungen über die „Lebensformen" waren mir sehr wertvoll. Aber es handelt sich nicht nur um diesen Typus. Als ich das Buch schrieb, mußte ich "sozusagen" durch den Fels brechen. Da ist dann eine ganze dicke Gesellschaft hinterdrein gelaufen u. hat eigene Wege betreten, zu denen ich Stellung nehmen muß. Besonders das mir gewidmete Buch von Litt, das ich hier gelesen habe (es ist maßlos trocken und abstrakt) erfordert, daß ich darauf eingehe, und der ganze Ansatz muß geändert werden. Dazu habe ich vorläufig keine Zeit; leider aber auch nicht für F. d. G.
Auch Dein Bericht über den Kongreß ist mir sehr interessant u. willkommen gewesen. Die Ausführungen der Paulsen waren gut. Das ist doch nicht etwa die Paulßsen aus Leipzig, die mich anschwärmte u. dann die verhängnisvolle Freundschaft mit Frau Krüger schloß? Ist sie schwarz? Ein wenig raubvogelartig? Sehr groß? Wäre sie es (wider Erwarten), dann würde ich mich freuen, daß sie so viel aus ihrem Leben gemacht hat.
Flicke ja nicht alles selbst. Es kommt auf die paar Groschen nicht an. Weit wichtiger ist es, daß Du Zeit zur Konzentration in Dir selbst behältst. Ich sage ganz offen, daß in den Zeilen, in denen dir diese Konzentration möglich war, Dein Einfluß auf mich der stärkste war. Zeit, Umstände u. Gesundheit sind schuld,
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| daß Du diese verinnerlichte Form des Lebens nicht immer festhalten konntest. Es wäre kindisch, wenn ich das als Vorwurf sagte. Aber natürlich fühle ich, ob Du so oder nur müde und gehetzt auf mich eingehst, und wiederum ganz schuldlos-automatisch wird dann die Mitteilung von mir auch spärlicher und alles veräußerlicht. Ich habe Dir ja schon im Winter geschrieben, wie viel für mich vom ersten Leser abhängt; noch mehr aber vom ersten Hörer - wenn alles noch ungeboren nach Werden drängt. Vergiß nie, daß ich ja außer Dir niemanden habe, der mir gibt.
Die Thermalbäder werden Dich sehr mitnehmen. Ich bin eigentlich kein Freund davon. Hoffentlich bekommen sie Dir besser als mir. Ich denke mit Schrecken daran. Aber die Konstitutionen sind verschieden. - Auch darauf möchte ich noch aufmerksam machen: Frau W. hatte mit den Augen mancherlei Beschwerden. Sie ist sehr froh, seitdem sie 3 Brillen benutzt, je nach der Distanz, in der sie sehen will. Sollte das für Dich nicht auch eine Erleichterung bedeuten können?
Nun komme ich, und zwar in Form einer ganz konkreten Bitte, auf die Frage Felizitas zurück. Es kann sein, daß ich am Schluß des Briefes hinzufüge, das Projekt sei erledigt, weil der heutige Nachmittagsrat zu anderen Resultaten gekommen sei. Aber ich will schon immer mit m. Gedanken herausrücken. Der Fall
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| Genf kommt nicht zustande. Frau W. will der Kleinen aber eine Abwechslung verschaffen, und da bin ich auf den Gedanken gekommen, ob Du sie nicht für 8 Tage (nicht länger) aufnehmen könntest. Ich weiß, ich erbitte da ein Opfer von Dir. Denn im Seltenleer kann man sie nicht gut wohnen lassen; für ein Stadtkind ist das poetisch; sie aber ist an Licht und Sonne zu sehr gewöhnt. Man müßte ihr also ein Bett aufschlagen. Und Du müßtest diese 8 Tage mit ihr Ausflüge machen, als wenn ich da wäre. Wenn Du zeichnest, muß sie bei Dir aufräumen oder sich selbst Abwechslung verschaffen. Vielleicht ließe sich auch ein - munteres junges Mädchen finden, das gelegentlich mit ihr allein loszieht. Die Unkosten trage ich. Wenn der Vorstand genehmigt, dürfte sie unten mit essen: für diesen Fall berichte ich schon heut ihre Eigenheiten: also keine Suppe (sie will anscheinend nicht dick werden; in der Tat ist seit dem vorigen Jahr ihre Figur vorzüglich geworden); bei der Suppe sieht sie also zu. Fleisch ißt sie wenig; viel Kartoffeln, viel Gemüse oder Mehlspeise oder Reis. Für 8 Tage ist ja ein Abweichen von der Gewohnheit nicht schlimm. Nur die Suppe ist ihr zu erlassen. - Eigentliche Belehrungen darfst Du nicht versuchen; immer nur so unmerklich zwischen mischen u. jede sich andeutende Regung von Interesse ja aufgreifen.
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| Im übrigen wirst Du Freude an ihr haben. Sie war noch in keinem Jahr so lieb u. vernünftig wie diesmal und ist wirklich jetzt die entzückende Blüte zwischen Kind und Jungfrau. Sie wird 19, entspricht aber unsren 17jährigen. Alles, was Stadt ist, hat für sie als solches schon Reiz. Mal ein Konzert oder Theater mit zu besuchen, ist Dir vielleicht nicht unlieb. Sonst geht vielleicht Frl. Spröhnle mal auf die 2. Karte mit. Sehr schön wäre es, wenn von den 1000 Verbindungen des Vorstandes eine zu mobilisieren wäre, mit der sich irgend ein Dauerband knüpft. - Ich habe hier gesagt, natürlich hinge alles von Deiner Entscheidung ab. Du schreibst wohl nach Berlin, u. ich berichte dann. Es müßte doch noch um den 10. Oktober herum sein.
Dr. Behm hat mir die Rev. des "Heuberg" geschickt, in der unser Besuch erwähnt ist. Dem Urteil der Gretel Schwidtal kann ich nicht zu stimmen. Einer ist nicht für alles. Er scheint mir der geborene Kinderarzt. Aber die Jugend verlangt Götter, u. die studieren heut noch nicht Medizin.
Ich muß diesen endlosen Brief einmal abbrechen, mein Lieb. Und diese schöne Reise auch. Es ist hier immer so, daß man am liebsten hier bliebe. Aber das Haus W. lehrt ja auch, daß der Sonnenschein nicht immer währt. Wenn ich denke - in 4 Wochen bin ich am Finnischen Meerbusen.
In inniger Liebe stets
Dein
Eduard.