Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. September 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 30. September 9 Uhr früh
Mein herzlich Geliebtes!
Soeben habe ich Deinen Brief erhalten mit den Photographien, die mir große Freude gemacht haben. Anscheinend ist das eine Weltpromenade in Ulm mit Kühne. Den Fragezettel kann ich noch nicht ausfüllen, weil noch nichts feststeht.
In Deinen Zeilen beschäftigt mich natürlich vielerlei: die mir sehr erfreuliche Nachricht über die Bertha Paulßen, deren schöne Gedichte an mich nun wieder anfangen mir lieb zu werden; Deine Stellung zu den Wanderjahren, die natürlich nur ein "Novellenkranz", kein Ganzes sind; die Bemerkungen über die oberinstanzliche Verfügung des Vorstandes u.s.w. Aber der Kern ist doch natürlich, was uns betrifft. Ich danke Dir, daß Du mich zu Dir hast reden lassen. An der Treue Deines innersten Wesens zu mir habe ich nie gezweifelt, wie Du ja wohl nicht an der meinen. Etwas anderes aber liegt nicht ganz in unsren Wesenslinien vorgezeichnet und noch weniger in
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| unsrer Macht: nämlich den Zugang zur Seelenlage des anderen immer instinktiv und leicht und sicher zu finden. Es gibt Zeiten, in denen das von selbst gelingt, und andere, in denen man sich sucht und doch - im Augenblick - nicht findet. Laß uns von der Offenheit, die ja zwischen uns kein neues Abkommen ist, auch diesmal vollen Gebrauch machen, um unsres beiderseitigen Friedens willen. Du wirst kaum ahnen, daß ich sehr unglücklich war, als ich Deinen Brief aus der Hand legte. Ich sehe sehr wohl ein, daß Du daran ganz unschuldig bist. Aber es ist ein Fall, wie ich es eben beschrieb.
Die Frage, die ich wegen Felizitas an Dich gerichtet habe, habe ich mit ernstem Zagen ausgesprochen. Denn ich weiß ja, wie sehr Dich ein solches Intermezzo in jeder Hinsicht belasten muß. Ich war auf runde Ablehnung gefaßt. Kein anderer Gedanke beschäftigt mich seit den letzten Reisetagen mehr als dieser. Es war gleichsam der Versuch, eine liebliche Welt, die für lange oder für immer versinkt, noch einen Moment festzuhalten. Es war der Wunsch, unsrer Gemeinschaft ein neues lebendiges Band hinzu
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|zufügen und andererseits Felizitas stärker in unsren Kreis, auf unsre Seite hinüberzuziehen.
Du hast vor Jahren einmal etwas über mein Verhalten zu Felizitas gesagt, was ganz falsch war. Wenn Du heut noch so etwas dächtest oder fühltest, dann müßte Dir freilich der Sinn des ganzen Planes verschlossen sein. Ich kann daran nicht glauben.
Wieder und wieder lese ich, was Du darüber schreibst; aber ich kann nicht zur Klarheit kommen, ob Dir der Besuch recht ist oder nicht. Es handelt sich doch nicht in erster Linie um Wohnen und Essen, sondern darum, ob Du seelisch in der Lage, in der Stimmung bist, Dich dem Kinde so zu widmen, daß etwas in höherem Sinne dabei herauskommt. Ganz leicht ist diese Aufgabe nicht: denn Felizitas denkt nur an Abwechslung; mein Ziel aber ist, sie mit einer Welt in Berührung zu bringen, die für mich die höchste und reinste ist. - Aber warum klingt sie mir heut nicht entgegen? Könntest Du lesen, was Du über die Frage geschrieben hast, mein Lieb, Du würdest selbst erschrecken. Ich erfahre ja nicht einmal das technisch Notwendige, nämlich was, für wann u. in welchem Sinne ich Frau Witting nun Nachricht geben darf.
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Manchmal weiß ich nicht, ob meine Art zu empfinden krankhaft ist. Ich weiß nur, daß ich oft der Verzweiflung nahe bin, wenn auch der Ausdruck meiner Verzweiflung nicht mehr so stürmisch ist, wie in meinen Jugendjahren.
Schließe mich doch wieder auf. Du hast mich lange allein gelassen. Sieh, auf die Frage mit Walther kann ich nicht antworten. Denn Walther ist mir in diesem Zusammenhang ganz gleichgiltig. Er ist nur Symptom, wie auch das, worüber wir heut reden, nur Symptom ist.
Alles, was an äußeren Einrichtungen zu treffen wäre, um Dich wieder in die alte, mir vertraute Seelenverfassung zu setzen, kann u. soll geschehen. Es ist nicht unwichtig, daß Du eine andere Ernährung hast. Vielleicht machst Du es am besten so, daß Du die nötigen Objekte eine Zeitlang einkaufst u. einfach mitbringst. Ohne Fleischnahrung können Gedächtnis und geistige Schwungkraft nicht auf der Höhe bleiben.
Ich schreibe ganz früh unter dem Druck wahrhaft unübersehbarer eiliger Dispositionen und Arbeiten. Von der Fahrt habe ich mir wieder eine schwere Magenverstimmung mitgebracht. Riehls Befinden auch nicht zufriedenstellend.
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So - nun habe ich wieder "gründlich an allen Ecken zurechtgerückt" und kann versuchen, ob ich die Ruhe finde, die geschäftlichen Dinge des Tages zu tun. Und nun laß uns gemeinsam in den Gral eintreten, der doch wohl Symbol unsrer Freundschaft ist. Aber er will gesucht sein, und nur an den Karfreitagen unsrer Seele zeigt er sich und seinen stillen Glanz.
In diesem Sinne bitte ich Dich, telegraphiere mir gleich, ob Felizitas kommen darf oder nicht. Daß das Zimmer noch frei ist, ist natürlich sehr angenehm. Der Vorstand soll ja bei dem Besuch keinen Schaden machen.
Innigst mit tausend Grüßen
Dein dankbarer
Eduard.

[Fuß] Für m. Paß brauche ich 3 Visa. Wenn es Dir keine große Mühe macht, bestelle doch von den Paßbildern noch ein Dutzend u. schicke sie bald. Ich schrieb wohl schon, daß ich auch in Riga u. Dorpat reden soll.